Chronik 1200 Jahre Kyllburg Kirche

Die verschiedenen Bauperioden der Stiftskirche

GrundrissStiftskirche Kyllburg

Quelle: Dr. Franz Bock, „Kyllburg und seine kirchlichen Bauwerke des Mittelalters“

Die Baumeister des Mittelalters, welche unter dem schlichten Namen lapicidae magistri operis weniger zum eigenen Ruhm als vielmehr zur Ehre des Höchsten ihre monumentalen Bauwerke errichteten, unterließen es meistens, ihre Namen dem Bauwerk beizufügen. In Frankreich, wo Baugenossenschaften und Innungen im Mittelalter im Lande umherzogen und sich häufig unter der kundigen Führung eines Mönches oder Laienbruders da niederließen, wo es ein neues Gotteshaus zu erbauen gab, nannte man diese schlichten Bauleute les logeurs du bon Dieu, -die Quartiermacher des lieben Herrgottes.

Wie bei den meisten deutschen und französischen Kirchenbauten der romanischen und frühgotischen Periode vermisst man auch bei der Kyllburger Stiftskirche den Namen des Erbauers. Wie eine Sage berichtet, soll der Bauriss und die Ausführung der ursprünglichen Anlage, nämlich Chorhaube und die zunächst liegenden beiden Gewölbejoche des Schiffes, von dem Cisterzienser-Mönche Heinrich herrühren. Ob dieser Heinrich als Mönch oder als frater laicus vielleicht der nahen Cisterzienser-Abtei Himerode, wie vermutet wird, angehört habe, muss bei dem Fehlen archivalischer Nachrichten dahingestellt bleiben. Betrachtet man genauer die zierlichen und schlanken Detailformen des Chores, sowie des ältesten Bauteiles des Mittelschiffs, so dürfte die Annahme begründet erscheinen, dass der Grund- und Aufriss der alten Stiftskirche, desgleichen auch die Ausführung von einem Meister herrührte, der als geübter und formkundiger Parlier vielleicht der Kölner Bauhütte am Ausgange des 13. Jahrhunderts angehört hatte. Auffallender Weise stimmen nämlich die charakteristischen, im Dreipass gestalteten Bekrönungen der lanzettförmig gebildeten Chorfenster mit Einschluss der zwei breit angelegten, anschließenden Fensterstellungen des Langschiffes, desgleichen das tief profilierte Rippenwerk der Wölbungen mit Einbegriff der Schlusssteine, ebenso die reich gegliederten Pfeilerbündel, welche die Kreuzgewölbe tragen, mit jenen verwandten Formen, wie sie sich stellenweise am Kölner Dome vorfinden, ziemlich genau überein; dieselbe Übereinstimmung der Einzelformen zeigt sich auch an der fast gleichzeitig erbauten Minoritenkirche in Köln.

Bei vielen Stifts- und Abteikirchen des Mittelalters nahm die Bauperiode einen längeren Zeitraum in Anspruch, und nur bei wenigen monumentalen kirchlichen Bauwerken wurden Chor, Langschiff und Turm in kurzer Aufeinanderfolge von einem und demselben Baumeister fertig gestellt. Dasselbe gilt auch von der Anlage und Vollendung der alten Kyllburger Stiftskirche. Bei aufmerksamer Betrachtung der verschiedenen Bauteile bemerkt auch schon ein weniger kundiger Beobachter, dass unsere Liebfrauenkirche aus drei verschiedenen Bauperioden bestehen dürfte. Dieselben reichen nach unserm Dafürhalten vom Ende des 13. bis zum Beginn des 16. Jahrhunderts. Die ursprüngliche Gründung der Kirche fällt in das letzte Viertel des 13. Jahrhunderts, wie eine allerdings wenig begründete Lapidarinschrift des 16. Jahrhunderts meldet, welche sich an dem linken Pfeiler unter dem Triumphbogen des Chores da befindet, wo der Auftritt in denselben beginnt. Diese Inschrift in Kleinbuchstaben lautet:

Ad gloriam Dei omnipotentis et in honorem B. V. matris suae omniumque ss. virginum hujus ecclesiae constructio per Rss. D. D. Henricum archiepiscopum Trevirens. ejusdemque illustre capitulum incepta est anno 1276 8. Mai

Zu Deutsch: Zur Verherrlichung Gottes des Allmächtigen und zu Ehren der allerseligsten Jungfrau und Gottesgebärerin Maria und aller hh. Jungfrauen wurde der Bau dieser Kirche begonnen durch den Hochwürdigsten Herrn Erzbischof von Trier und durch das hochangesehene Kapitel desselben im Jahre 1276 den 8. Mai.

Die Annahme dürfte Beifall finden, dass noch vor Schluss des 13. Jahrhunderts der engere Chor, desgleichen auch die beiden nächsten Gewölbejoche nebst den dazu gehörigen zwei Fensterstellungen auf beiden Seiten des Langschiffes vollendet worden seien.

Da das Marienstift anfangs nicht besonders reich begütert war, wie aus dem Vorhergehenden erhellt, nimmt es den Anschein, dass vielleicht aus Mangel an Mitteln der Weiterbau eingestellt wurde: der Stiftsgottesdienst dürfte, nach Aufführung einer abschliessenden westlichen Sperrwand, in diesem ersten hoch und kühn aufgeführten Bauteil abgehalten worden sein, gleichwie auch bekanntlich am Kölner Dom Jahrhunderte hindurch der Chor durch eine solche Sperrwand abgeschlossen gewesen ist. Zur Begründung dieser Annahme sei hingewiesen auf die in natürlicher Größe veranschaulichte Abbildung (Stadtsiegel) des alten Kyllburger Stadtwappens aus der Mitte des 14. Jahrhunderts, welches den eben bezeichneten älteren Bautheil der Kirche mit einem einfachen Dachreiter und einem westlichen Abschlussgiebel nebst einer großen Eingangstür wiedergibt.

Es fehlen heute noch alle näheren Angaben und Dokumente, wann und durch welche Mittel der zweite Bauteil, nämlich das Langschiff einschließlich der Westfassade, vollendet worden ist. Dass diese zweite Bauperiode erst gegen Schluss des 14. Jahrhunderts eingetreten sein dürfte, dazu dienen als Belege die Fensterbekrönungen und das ungegliederte Stabwerk der schmalen Fenster, die sich am westlichen Schiff der Kirche nach dem Turm hin befinden. Auch das Baumaterial stellt sich als ein durchaus verschiedenes am Chor und dem obern Schiffe in Gegensatz zu dem am untern Schiffe verwandten dar. An der äußeren Abschlussmauer des älteren Chorbaues ersieht man deutlich Bruchsteinmauerwerk, das mit einer Mörtelschicht zum Schutze gegen die Witterung versehen ist. Nur die Widerlagspfeiler am Chorbau sind in massiven Quadern von rotem Sandstein aufgeführt. Der untere Teil des Schiffes nach Westen hin ist jedoch mit Vermeidung von Bruchsteinen durchaus mit wohlgefügten Quadern jenes dauerhaften Sandsteines in dunkelroter Färbung erbaut, wie in so vortrefflicher Qualität das Kylltal ihn liefert.

In die zweite Periode dürfte auch die Errichtung der beiden Seitenchörchen fallen, die das Schiff der Kirche auf beiden Seiten kapellenförmig erweitern. Dieselben Maßwerkformen in ziemlich derber Skulptur, wie sie am untern Schiff sich bemerklich machen, kommen auch am gradlinigen Abschluss der beiden Chörchen gleichmäßig zur Geltung.

Die dritte und letzte Bauperiode, der obere Aufbau des Turmes nämlich, der den Westgiebel nach Norden flankiert, gehört bereits dem Ausgange der Spitzbogenkunst, nämlich dem Beginn des ersten Viertels des 16. Jahrhunderts an. Zur Stütze dieser Annahme sei hingewiesen auf das technisch vollendete Mauerwerk und die korrekte Fügung der großen Quadern, aus welchen, nach unserer Vermutung, die Steinmetzzunft des Kylltales diese letzten Bauteile der Stiftskirche errichtet hat. Am deutlichsten markiert sich diese letzte Bauperiode durch das ärmliche Stabwerk ohne Bekrönung der Fenster in den obern Geschossen dieses Turmbaues, Fensterformen, wie sie am Rhein und seinen Nebenströmen das Erlöschen und den Niedergang der Gotik kennzeichnen.

Bei Feststellung der verschiedenen Bauperioden der Kyllburger Stiftskirche sei noch darauf hingewiesen, dass nach Vollendung und dem Ausbau des ganzen Mittelschiffes auch die Errichtung eines kapellenförmigen Anbaues anzusetzen ist mit vier Kreuzgewölben, die von einer Rundsäule getragen werden, in welche die Gewölbrippen ohne Kapitelle verlaufen. Heute dient dieser zierlich gewölbte quadratische Anbau zu einer zweiten geräumigen Sakristei. Da im Mittelalter die Räume hinter dem Choraltar meist in Weise unserer heutigen Sakristeien zum Anlegen und zur Aufbewahrung der liturgischen Ornate benutzt wurden, da ferner in dem ebengedachten kapellenartigen Anbau unter einem großen zweiteiligen Fenster sich ein auf vier Steinsockeln ausgekragter Altartisch in primitiver Form erhalten hat, so dürfte die Annahme begründet sein, dass dieser quadratische Hallenbau ursprünglich als Nebenkapelle gedient habe, in welcher vielleicht bei kalter Winterzeit der Stiftsgottesdienst verrichtet werden konnte, und welche zu gleicher Zeit auch zur Abhaltung der Kapitelsitzungen benutzt worden sein dürfte. Nach Errichtung dieser ehemaligen Kapelle, über deren Wölbung sich früher die „Gerkammer“, nach anderer Meinung die alte Bücherei, befand, scheint etwa am Anfange des 15. Jahrhunderts der An- und Ausbau der heute noch erhaltenen ausgedehnten Stiftsgebäulichkeiten mit dem gemeinsamen Speisesaal, dem „Remter“, stattgefunden zu haben.

Wie die an der Fassade befindlichen gotischen Doppelfenster von eigentümlicher Bildung, desgleichen auch der hoch aufgetürmte Kamin mit Rauchfang, sowie auch die Profilierungen der Fensterlaibungen beweisen, ist dieser merkwürdige Gebäudekomplex, wie schon angedeutet, erst am Anfange des 15. Jahrhunderts errichtet worden; derselbe zeigt auffallende Ähnlichkeit mit den formverwandten Fensterstellungen und architektonischen Einrichtungen des Einganges zum Claustrum an der Ostseite des Trierer Domes, desgleichen mit den Fensterformen von alten Trierer Wohnhäusern aus derselben Bauperiode.

An diese Stiftsgebäulichkeiten schließt sich der Bau des Quadrum, der Kreuzgänge an, der den direkten Eintritt in das Kapitelhaus, desgleichen auch in den Hochchor vermittelt. Auch nach Westen und Osten hin führen von den später errichteten Curien der Stiftsherren Einlasstüren in diese Kreuzgänge. Hinsichtlich der Zeitfolge dürfte man nicht fehl gehen, wenn man die Errichtung dieser Kreuz- oder Umgänge in die erste Hälfte des 15. Jahrhunderts versetzt, unmittelbar nachdem der spätere Ausbau des Schiffes nach Westen hin erfolgt war.

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