Heimatkalender

Kostbares Meßgewand aus dem 15. Jahrhundert

Heimatkalender 1969 | S.179-181 | Von Dechant Dr. Benedikt Caspar

Die Schatzkammer

In der ehemaligen Schatzkammer der Stiftskirche zur Kyllburg (auch Ger- oder Tresorkammer genannt) befanden sich nach der Auflösung des Stiftes (1803) viele Kunstwerke: Kelche, Monstranzen und Meßgewänder, die zum Teil heute noch vorhanden sind. Domkapitular Franz Bock wies 1894 in seiner Schrift „Kyllburg und seine kirchlichen Bauwerke des Mittelalters“ darauf hin, daß um 1865 historische Gewänder aus dem 15. Jahrhundert mit „Kölner Borten“, auf genueser Rotsamt appliziert, nach Koblenz verkauft worden seien, ohne daß später über ihren Verbleib auch nur das geringste zu erfahren gewesen sei. Um so glücklicher kann sich die Pfarrei U. L. Frau Kyllburg heute schätzen, daß sie unter den ihr verbliebenen Kunstwerken noch die sogenannte „Maria-Theresia-Kapelle“ (Meßgewand, Dalmatik, Tunizella und Chormantel) aus der Mitte des 18. Jahrhunderts, der Überlieferung nach von der Kaiserin Maria Theresia (1717/1780) dem Chorherrenstift von Kyllburg geschenkt, ferner ein Marienmeßgewand, ebenfalls aus der Zeit des Barock, und drei Meßgewänder aus dem 15. Jahrhundert befinden. Die genannte weiße „Maria-Theresia-Kapelle“ kann mit ihren komplizierten, sehr schadhaften barocken Stickereien leider nicht mehr wiederhergestellt werden, da die Restaurierung solch diffiziler Handarbeit sehr große Summen verschlingen würde. Dagegen wird es möglich sein, die anderen erwähnten Gewänder mit der Zeit wieder für den heiligen Dienst brauchbar zu machen.

Kölner Borten

Aus diesen wurde als erstes für eine neuzeitliche Restaurierung ein Meßgewand mit „Kölner Borten“ ausgewählt, das die Aufmerksamkeit der Kunsthistoriker schon lange auf sich gezogen hatte. Sowohl Franz Bock (a. a. O), als auch Ernst Wackenroder (Kunstdenkmäler der Rheinprovinz: Der Kreis Bitburg) beschreiben das Gewand. Es stammt aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Die „Kölner Borten“ wurden seit dem 14. Jahrhundert bis ins Spätmittelalter von Kölner Wappenwirkern und Ornamentstickern auf kleinem Bandstuhl gewebt. Ihr Werkgeheimnis bildeten mit gewalztem Gold umwickelte Leinenfäden (aurum filatum), auch zyprische Goldfäden genannt. Für den mit ihnen gewebten Brokat hatte man den Namen „aurifrisiae“ (Goldkräuselung) gewählt. Kunstfertigkeit eines Frauenklosters Auf dem erwähnten Gewand leuchten aus der „Kölner Borte“ als Untergrund feinste, vielfarbene Plattstichstickereien auf, die in den fünfhundert Jahren ihres Bestehens nichts an Exaktheit ihrer Stiche und Farbenintensität verloren haben. Selbst die Fotos lassen ersteres deutlich erkennen. Diese Stickereien stammen wahrscheinlich aus einem der rheinischen Frauenklöster, wo damals oft große Meisterinnen der Nadel lebten. Unsere Diözese Trier besitzt in vielen alten Pfarreien solche Gewandstickereien, wie es die Bände „Die Kunstdenkmäler der Rheinprovinz“ nachweisen.

Das Kunstwerk

Das eigentliche Kunstwerk unseres Gewandes sind der auf seinem Rücken gearbeitete Kruzifixus. der Vorderstab und vierzehn Doppeladler als sogenannte retournierende Dessins (wiederkehrende Muster). Stäbe und Adler waren ursprünglich auf venezianischem, karmesinrotem Samt aufgenäht, der nach 1865 durch violett-roten Lyoner Samt ersetzt wurde. Franz Bock hatte das Gewand noch in seinem ursprünglichen Zustand gesehen. Es muß sehr schön gewesen sein. Bei der jetzigen Restaurierung war der Lyoner Samt in all seinen Teilen sehr beschädigt und mußte daher entfernt werden.

Der Doppeladler und das Kreuz

Der Doppeladler (Schwarz auf Gold) war als Wappentier des „Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation“ seit Kaiser Sigismund aus dem Hause Luxemburg (1410 – 1437) an Stelle des einfachen Reichsadlers (Gold auf Schwarz) getreten. Schon im 14. Jahrhundert tauchte die Theorie auf, der Doppeladler (zwei halbe Adler, einander abgewandt, mit zwei Hälsen und nach außen züngelnden, gekrönten Häuptern) stehe dem „Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation“ als Symbol von West- und Ostrom zu. Warum nun die Doppeladler auf unserem Gewand? Die das Kreuz umgebenden Adler gehen auf die mittelalterliche Idee von „Kreuz und Adler“ zurück, womit der Gedanke des Christkönigtums ausgesprochen ist: daß Jesus Christus sich auch durch sein Blut am Kreuz die ganze Menschheit und Welt (die ihm schon aufgrund der personalen Union der zweiten göttlichen Person mit der menschlichen Natur Christi gehört) zu eigen gemacht hat. Er ist König der gesamten Schöpfung, also auch aller staatlichen Gewalt. Alle Staatsgewalt erhält ihre Legitimation durch Christus – König. Diese Idee, die schon der heilige Paulus in seinen Briefen verkündigt, war im Mittelalter sehr populär, wie es der bekannte Holzschnitt aus der Werkstatt des Hans Burgkmair 1510 zeigt, der den klafternden Doppeladler (Nobel, Deutsche Geschichte 97) in engster Verbindung mit den ständischen Gliederungen des Reiches (Kurfürstentümer, Fürstentümer, Landgrafen, Grafen, Reichsstädte usw.) und dem Gekreuzigten darstellt.

Das Gewand

Im einzelnen sind im Vorderstab des Gewandes zu sehen: unter spätgotischen Kielbögen (Eselsrücken) oben St. Petrus, der Schlüsselträger, in der Mitte die heilige Elisabeth von Thüringen (entgegen Wackenroder), der hier Maria nennt. Elisabeth ist deutlich an ihrem hermelingefütterten Mantel, der Rose (Rosenwunder im Leben der Heiligen) und der Grafenkrone zu erkennen und unten der adlige Stifter des Gewandes in vornehmer Tracht seiner Zeit. Im Rückenstab: ebenfalls unter Kielbögen Gott Vater und Gott Heiliger Geist, darunter der Gekreuzigte mit schwebenden das heilige Blut Christi auffangenden Engeln. Unter dem Kreuz: der römische Soldat Longinus mit der Lanze (er bekam beim Tod des Heilandes das Licht des Glaubens, daher zeigt er auf sein Auge hin) und unten der römische Hauptmann mit seinem Bekenntnis der Gottheit Jesu Christi. Beide Stäbe sind von je sieben Doppeladlern umgeben. All diese fünfhundert Jahre alten Teile des Gewandes wurden nun in monatelanger, sehr schwieriger Arbeit von Frauen der Pfarrei Kyllburg U.L.F. auf eine moderne, beige Kasel appliziert (Sr. Oberin Caecilie, Eifeler Hof, Frau J. Daufenbach, Frau Reg. Mathey und Frau Grett jun.). Um die Auswahl der Seide bemühte sich sehr das Präsidium des Diözesanparamentenvereins, Trier, und um die Gesamtanlage des Gewandes der frühere Bistumskonservator, Bistumsarchivar Prälat Prof. Dr. phil. et. Dr. theol. habil. Aloys Thomas, Trier. Die Pfarrei Kyllburg besitzt in diesem restaurierten Gewand eine einmalige Kostbarkeit, die an den höchsten Herren- und Marienfesten im heiligen liturgischen Dienst der Stiftskirche gesehen werden kann.

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