Heimatkalender

Von Schweden, Pest und einer Kanzel – aus alten Akten des 30-jährigen Krieges

Heimatkalender 1960 | S.105 | Von Dr. Benedikt Caspar

Als im Verlauf des 30jährigen Krieges (1618/48) Schweden und Frankreich ein Bündnis schlossen, kam auch für die Eifel eine furchtbare Zeit. Es waren die Jahre 1635 – 48. Durchziehende Söldnerheere, die immer mehr zu Banden angewachsen waren, beraubten den Bauersmann seines Viehes und verödeten sein Land und seine Fluren. Was der Geschichtsschreiber vom Ende des 30jährigen Krieges über viele Gegenden Deutschlands aussagt, daß das deutsche Land auf weite Strecken hin von der Soldateska aller Heere, gleich ob der kaiserlichen, der spanischen, der französischen oder schwedischen, total verwüstet war, begann damals langsam auch für unser Eifelland. Von den Pferden zerstampft lagen da Wiesen und Äcker, Raben und aasfressende Stoßvögel folgten in Massen den Soldaten und ihrem Troß und stürzten sich auf gefallene Tiere. Verwilderte Hunde und Wölfe – damals noch stark in der Eifel – fanden ihre Beute an Leichen von Menschen und Tier. Dörfer wurden eingeäschert und das verarmte Volk lebte von Hunger und Elend geplagt. So bettelarm wie damals war wohl noch nie weder vorher noch nachher unsere Eifel. Ganze Dörfer starben an Seuchen aus, die durch Hunger und Infektion über das Land gekommen waren.

50 Prozent der Bevölkerung sollen es gewesen sein, die damals von der Pest und vom Hunger dahingerafft wurden. Meilenweit war das Land unbewohnt. Die wenigen noch lebenden Menschen einer Gegend hausten oft in tiefen Wäldern, verängstigt vor der Raubgier der Soldaten, und führten dort ein kümmerliches Dasein. Vom Dorfe Seinsfeld und Steinborn wissen wir, daß ihre Bauern lange Jahre unter erbärmlichen Lebensverhältnissen im Walde Zuflucht suchten und dort sogar ihre Kinder taufen ließen. Noch heute wird ein Brunnen gezeigt, aus dem sie der Priester, als Bauersmann verkleidet, getauft hatte. Städte und Dörfer gingen in Flammen auf und von vielen Schlössern und Klöstern standen gegen Ende des Krieges nur noch rauchgeschwärzte Mauern. Ja, es war für die Eifel die schlimmste Zeit, die sie je mitzumachen hatte. Heute noch stehende Kreuze erinnern an jene unseligen Tage.

Es geschah auch manches, was wert ist, festgehalten zu werden. In einem alten Aktenstück las ich darüber, wie das alte Hackenlies von Malbergweich die Schweden besiegte. Das will ich nun erzählen:

Als die Schweden gegen Malberg anrückten, suchten die Malberger, die alle Untertanen ihres Schloßherrn waren, sich zu verteidigen. Sie versammelten sich also alle am Schloß mit vielerlei Gerät an Waffen und Dreschflegeln, Hacken und Mistgabeln, Ketten und Stricken, Beilen und Äxten. Zur Wehr gerüstet, warteten sie laut schwätzend und planend der Dinge, die nun kommen würden. Die Malberger Frauen, Mädchen und Kinder aber hatten sich alle in ihren Kellern verborgen. Da kam von Kyllburg die Hoffrau des Hackenhofes von Malbergweich, das Hackenlies. Es war in der ganzen Gegend bekannt als originelles Weib. Auf ihrem Rücken trug es die schwere Hotte, denn Lies hatte in Kyllburg allerhand gekauft: Seil, neue Pflugscharen, irden Geschirr, Leder und einen Viezkrug. Wie die Leute damals waren, trug es den Krug nicht leer in der Hotte, sondern hatte sich ihn bei dem alten Quirin in Kyllburg bis obenhin mit gutem Viez füllen lassen. Nicht, als ob Lies hätte Viez kaufen müssen, nein, es hatte daheim noch zwei volle Fässer liegen. Lies wollte sich unterwegs als mal ein bißchen stärken, besonders, wenn es sich am kühlen Waldesrand von Malberg hinzusetzen gedachte. Dort machte Lies immer Bast und verzehrte dann die mitgebrachte Butterschmier mit altem Schinken. In Kyllburg hatte Lies schon bemerkt, daß irgend etwas in der Luft lag, denn die Männer standen haufenweise zusammen und sprachen von Besetzung der Mauern und Tore. Ob wieder Schweden oder anderes Raubgesindel durchs Land ziehen? Aber was kümmerte es das Lies viel! Vorläufig ging Lies mit sich sprechend, wie es seine Art war, wacker den Malberger Weg hinunter und stapfte mit ihren festgenagelten hohen Rindslederschuhen dem Städtchen zu. In seiner rechten Hand trug es einen Haselnusbengel, den es sich morgens im Malberger Wald geschnitten hatte. Damals war Malberg auch Stadt wie Kyllburg. Daher konnte Lies so recht mit den Malbergern nicht auskommen, denn sie waren ihm, obwohl vielfach mit ihm verwandt, zu neumodisch. Lies war grundsätzlich altmodisch, mochte das jetzt ihrer Schwägersch, die in Malberg verheiratet war, gefallen oder nicht.

In Malberg, wo sie gewohnt war viele Leute zu treffen, war es auf der Straße eigenartig still. Das fiel dem Lies auf. Nur das Kläsen Marei, das noch am Sonntag in der Frühmesse so widerlich laut neben ihm geplärzt hatte, als das Lied gesungen wurde: „In Gottes Namen wallen wir, uns soll der Feind nicht drängen“, gerade die streckte ihren langen Hals zum Kellerfenster hinaus und schrie aus Leibeskräften: „Lies, mach dich upp den Trapp, de Schweden kuun! Se sein schon in Weich!“ „Wat gehn dich de Schweden an, hahl et Maul und seng net su elendlich laut in der Kapell“, war Lies’ Antwort. Ja, es hatte Haare auf der Zunge, daß man davon hätte Zöpfchen flechten können.

So stieg es breitbeinig und keuchend die Burggasse hinauf und sah dort die Bescherung. Alle Malberger, der Pitter, ihr Schwager, an der Spitze der Kles und der Välten, der Merten und der Hannes, alle standen sie vor dem Burgtor und schauten das Lies groß an, das es wagte, in so gefahrvollem Augenblick noch auf der Straße zu sein. Mit seinem Stock brachte das Lies zuerst einmal einen kläffenden Köter zum Schweigen, der es anfallen wollte. „Wat es loos?“ herrschte es die Männer an. Und wie . aus einem Mund: „Ei, de Schweden kuun!“ war die Antwort der Männer. „Ei, der Deiwel, wo sein se?“ „In Weich“, gab Schwager Pitter ihm zurück. „Mach, dat de heemkinns, die spaassen nit, uch nit mit Dir!“ Aber Lies war ohne Furcht. „Eich genn mitn fiertig“, so rief es noch mit rotem Kopf und ein bißchen Beklemmung den Männern zu, nahm den Stock nur noch etwas fester in die Hand und verschwand im Wald.

Unterwegs war es dem Lies doch nicht ganz geheuer. Denn so manches hatte es . gehört von den rauhen Soldaten, von schauderhaften Späßen, die sich die Schweden mit den Bauern leisteten. Neulich noch sollten sie einem Bauersmann Jauche, richtige Jauche zu trinken gegeben haben, bis er ihnen verriet, wo sein Geld verborgen lag. Der Deiwel, wenn ihr das passierte. Lies hatte doch einen Kupp Goldguldenstücke gespart und sie wohl im Keller versteckt. Wenn es also auch Jauche trinken müßte’? Dann aber beschwichtigte es sich selber mit dem Einwurf, wo die Schweden hier im Walde Jauche herholen sollten! Darum ließ es von solchen Grübeleien ab und machte einmal Halt. Es galt, sich auszuruhen und etwas zu essen, bevor es mit den Schweden zusammentraf. Es nahm die Hotte vom Rücken herunter und kramte aus dem gekauften Zeug sein Brot mit dem alten Schinken hervor, aber nicht zuletzt den Viezkrug. Er war schwer, denn es waren 5 Liter drin. Lies setzte sich ins Moos und tat einen festen Schluck, dabei hatte es Zeit, die ziehenden Wolken am Himmel zu betrachten. „Hei, dähn schmaacht!“ Dann nahm es sein Messer und schnitt sich Brot und Schinken ab. Zwischendurch gluckerte immer wieder der Krug an seiner Kehle. Lies machte das bißchen Viez nichts aus. Es war aus der Heuernte andere Quanten gewöhnt. Aber dadurch war Lies auch so kerngesund. Es war stark wie ein Ochs. Wie oft schon hatte ihm das Gieret, sein Mann, bestätigt. Lies mochte eine halbe Stunde da gesessen haben. Über alles Mögliche hatte es nachgedacht, über Himmel und Erde, über das Elend der Bauern und über den Übermut der Soldaten. Dann aber wurde es Zeit, aufzubrechen. Den Viezkrug band es sich mit einem Stück Seil um Schulter und Brust, so wie es ihn trug, wenn es Gieret das Essen ins Heu brachte. Sähen wir heute das Lies in dieser Aufmachung, wahrhaftig, es gäbe keinen, der nicht schmunzelte. Lies tappte festen Schrittes durch den Wald. Noch nicht weit, da hörte Lies Pferdegewieher. „Mein Gott und mein Här! Wei gehtet loss!,“ Aber Lies sah noch nichts. Als es aber um die Kurve des Waldweges kam, Jesus, Maria, Josef, Peter – da standen angebunden an die 200 Gäule, einer schöner wie der andere, wie in Weich keiner war. Die Soldaten, lauter schwedische Reiter, die Lies an ihren Uniformen erkannte, lagen oben auf der Böschung und waren am schlafen. Deutlich sah Lies die Körper und Stiefel.

Lies blieb stehen, es atmete tief und das Herz schlug ihm bis zum Halse. Die Soldaten lagen ein gut Stück von ihm entfernt. Keiner konnte Lies sehen. Die Pferde taten ihm nichts, daher ging es ein paar Schritte, in Deckung der rechten Böschung, vor und gewahrte dort Kisten, Gewehre, Kleider, Lebensmittel, die auf einem Haufen zusammenlagen. Lies musterte die Sachen eingehend. Da fiel sein Blick auf einen Ledersack, der prall voll war. „Was mag das sein, wo mögen sie den gestohlen haben?“ Und weil Lies von Geburt an vorwitzig war, band es schnell auf und sah da reines Schießpulver. Zuerst war Lies überrascht, erschrocken und zitterig. „Wenn dat losging!“ Dann war es um es geschehen, dann konnte Lies nie mehr die neue Montur anziehen, die Gieret ihm gerade erst hatte machen lassen. Aber dann erinnerte sich Lies, daß Pulver ja nur losgehe, wenn es mit Feuer in Berührung komme. Feuersteine hatte es keine bei sich und es würde sich auch wohl hüten, falls es sie bei sich trüge, einen Funken zu schlagen. Übrigens konnte Lies auch das, wie alle Bauersfrauen damals. Lies griff ins Pulver und empfand es wohltuend, das Schießzeug durch seine rauhen Hände gleiten zu lassen, ohne daß etwas passierte. Wie der schönste Weizen floß es durch seine Finger. Aber Lies war am simulieren. Es hatte einmal gehört, das beste Pulver tauge nichts, wenn es feucht sei. Seine Augen funkelten plötzlich, man sah ein diebisches Lachen in seinem Gesicht. Irgend ein Plan reifte da in wenigen Minuten. Hätte es jetzt Wasser, hätte es die Kyll, die da unten rauschend dahinfloss! Ah, hätte es Wasser! Da kam ihm ein rettender Gedanke, den Viez über das Pulver zu gießen. Schnell wie ein Wiesel stellte es den Stock an die Gewehre, nahm den Krug von der Schulter und schüttete dann langsam den Viez über das Pulver, langsam und vorsichtig, wie wenn es hinter der Scheune die Fuchsien goß.

Nun war seine Arbeit getan. Schnell den Krug übergebunden, den Sack verschnürt, den Stock in die Hand – und weiter ging‘s bergauf. Die Soldaten schliefen noch immer. Lies hatte keine Angst vor ihnen. Denn was wollten sie einer armen Frau, dazu häßlich und alt, auch machen. Wenn es noch so schön gewesen, wie damals als Gieret um es freite, ja, dann wäre Lies jetzt lieber bis zur Kyll hinunter gestiegen und über Fließem nach Weich gegangen. Denn Soldaten und ein junges Mädchen – das ist so eine Sache. Aber weil Lies so von seiner durchaus nicht mehr anziehenden Gestalt fest überzeugt war und sich das längst eingestanden hatte, wenn es sich so mit der Hotte und dem Stock in einem Kyllburger Ladenfenster sah, darum bangte Lies jetzt in keiner Weise für einen Angriff auf seine armselige Leiblichkeit! Zudem hatte Lies – das soll nur ganz still für Lies gesagt sein – eben auch zu den heiligen Engeln gebetet und zum heiligen Quirinus in der Malberger Kirche. Noch nie hatte der sie im Stich gelassen. Also hustete Lies zweimal aus Leibeskräften. Damit wollte es erreichen, daß die Schweden es sahen, keinen Spion hinter ihm vermuteten, weil es so ehrlich an ihnen vorbeiging. Und wie es dachte, so kam es auch. Viele Schweden schnellten plötzlich empor. Da sah Lies in die struppigen Gesichter der Soldaten. Sie staunten zu Lies hinunter. Im Gehen hob Lies ihren Stock zum Gruß und wartete nun weiterziehend ab, was kommen würde. Sofort waren viele Schweden aufgesprungen und umringten Lies.

Es stellte seinen Stock wie einen Wächter zwischen sich und die Schweden, um sich den nötigen Abstand zu verschaffen. Ja, was sollte es jetzt sagen. Es fiel ihm nichts ein. Und so half es sich wie draußen auf dem Feld, wenn die Bauersleute einander begegnen: „Warm haut“, und machte mit seiner linken Hand die Bewegung des Schweißabputzens über seinem Gesicht. Worauf es schalkig lachte und auf seinen Krug zeigte. Die Schweden verstanden nichts außer den Gebärden und darum lachten auch sie ein bißchen mit ihm. Lies wäre beinahe weitergegangen, aber da trat aus dem Hintergrund einer der Oftiziere auf Lies zu. Lies erkannte ihn sofort als einen der Hauptleute, denn er trug eine besondere Uniform. Er fragte Lies mit gebrochenem Deutsch: „Du aus Malberg?“ Darauf Lies: „Neen, aus Weich!“ „Nein“, gestikulierte der Schwede, „Du jetzt von Malberg gekommen sein, Malberg viel Mann?“ Ah, Lies hatte verstanden, der wollte sich nach den Malberger Männern erkundigen, wieviel ihrer wohl zur Verteidigung bereitstünden. Da kam der ganze Patriotismus in Lies hoch. Noch nie im Leben hatte es Gelegenheit, etwas Entscheidendes in einer wichtigen Stunde zu sagen, höchstens als es Gieret am Altar der Schloßkapelle geheiratet hatte – nun fühlte es, es müsse etwas für die Verteidigung seines Landes tun, für die Sicherheit seiner Heimat. Es war gefragt und darum gab Lies nun eine Antwort, die ihm noch in den Jahrhunderten Ehre machen würde. Im Vollbewußtsein seines Bauernstolzes antwortete Lies daher: „Au, Malberg, nehmt euch in acht vor denen, die senn stark wie de Beem lo, die hann Fäust wie dän Krug lo, paßt upp, watt ihr maacht!“ Lies sprach die Worte wie ein Prophet, der für die Heimat Zeugnis abzulegen hatte. Lies liebte seine Pfarrkirche mit allen Heiligtümern auf den Fluren. Und darum fügte es – niemand konnte es hören – bei: „Heiliger Quirinus, bleib bei uus wie du beim Herrgott gestaan hees unnerm Kreuz!“ Das war wirklich religiös von der Lies, und in diesem Augenblick hätte man das ganze Lies erkennen können. Das war seine tiefste Seele, was es da sprach. Der Offizier konnte ihre Worte nur deuten, er mußte ahnen, daß ihnen in Malberg etwas Ungeheuerliches begegnren würde. So gab er sofort Befehl zum Aufbruch. Lies machte sich aus dem Staube. Es zog an, wie es noch nie dort hinauf gegangen war. Schnell wollte es daheim sein. Noch einmal schaute es, oben auf der Höhe angekommen um und sah, daß die Schweden ihre Pferde losbanden. „Dir schießt heut nimmeh, Euren Krieg is aus, dir Luudern die ihr seid!“

Bevor die Schweden ihre Pferde bestiegen, wurde das Pulver verteilt. Jeder bekam sein Quantum in seinen Beutel. Mit dem Rest luden sie ihre Gewehre und galoppierten dann Malberg entgegen. Dort warteten die Malberger Männer und Jungen auf den Zinnen der Burg und den Wehrtürmen. Als die 200 Reiter die Burg sichteten, hielten sie an. Ihr Hauptmann gab Befehl zum Feuer. Aber – kein einziger Schuß fiel. Sowohl die Schweden als auch die Malberger schauten einander staunend an. Doch so sehr sie auch den Hahn drückten, die Gewehre versagten. Den Schweden und den Malbergern oben auf den Zinnen fiel auf, daß es stark nach Viez roch. Keiner aber konnte sich das erklären. So mußten die Schweden Malberg liegenlassen und ritten Kyllburg entgegen. Aber auch dort hatten sie kein Glück. Denn die Kyllburger hatten ihre Tore verschlossen und waren alle zur Verteidigung auf den Mauern angetreten. Als die Schweden die Öffnung des großen Tores verlangten, kommandierte der Stadtschultheis, und ein Vierpfünder tötete den schwedischen Offizier mit seinem Burschen. Dadurch wurden die Schweden eingeschüchtert. Sie zogen auch von Kyllburg ab und ritten nach Kyllburgweiler. Dort bezogen sie oberhalb des Dorfes bei der Markuskapelle von Seinsfeld ein Lager. Noch heute sieht man deutlich dort den Lagerplatz.

 

Von Pest und Hunger

Das war eine lustige – traurige Geschichte aus dem Schwedenkrieg. Aber es geschah doch viel mehr Trauriges. Das Schlimmste war die Pest, die seit 1633 überall wütete, so daß ganze Ortschaften der Seuche zum Opfer fielen. Der Pfarrort Densborn gehörte dazu. Nur sieben Familien entkamen dem Pesttod, weil sie in die wilde Waldeseinsamkeit des Bärscheid, nordöstlich Densborn ausgewandert waren. Dort wohnten sie lange arm zusammen und machten das Gelübde, wenn sie ihr geliebtes Dorf wiedersähen, wollten sie aus Dankbarkeit 7 Kreuze errichten und den Festtag des heiligen Sebastian im Januar (20. Januar) als Festtag halten. Ein Kreuz zu errichten, das hört sich heute so leicht an, aber 1633 war das für eine Familie eine außergewöhnliche Leistung. Die 7 Kreuze, wertvolle Kunstschätze der hohen Renaissance, stehen heute noch in Densborn. Sie erinnern mit dem Fasttag, der ebenfalls heute noch von klein und groß in Densborn gehalten wird, an eine der entsetzlichsten Zeiten der Eifel.

Aber es kam noch schlimmer. Der trierische Kurfürst Philipp von Sötern hielt damals zu Frankreich gegen den Kaiser. Streitpunkt war die reiche Abtei St. Maximin in Trier. Während Koblenz und Ehrenbreitstein von den Franzosen besetzt wurden, um dem Kurfürsten zu helfen, zogen spanische Truppen in Trier ein und nahmen den Kurfürst gefangen. So war das Trierer Land den Heeren ausgeliefert. Spanier und Bayern durchkreuzten es mit Schweden und Franzosen, und überall ging es auf Kosten der Bauern. So kam der Hunger über viele Dörfer und die Pest, der Schwarze Tod. Die Pest befiel die Menschen plötzlich. Dicke Beulen zeigten sich am ganzen Körper und brachen dann auf. Noch heute greift das Volkssprichwort den fürchterlichen Geruch auf, wenn es sagt: „Es stinkt wie die Pest!“ der mit der Pest über den Wohnungen der armen Menschen lag. Keine Rettung war möglich. Wer die Pest spürte, starb schnell und elend dahin. Wohl versuchte das Volk sich gegen den Würgengel zu wehren, wovon noch die botanischen Namensbezeichnungen Pestkraut, Pestwurz Zeugnis ablegen. Meist aber war kein Kraut gegen die Pest gewachsen. „1636“, schreiben die Akten des Klosters St. Thomas, „brach die Generalpest aus.“ Das alte Kloster starb bis auf drei Ordensfrauen aus: zehn Jungfrauen und die Äbtissin Anna von Lontzen. Es war im heißen Juli als in Abständen von wenigen Tagen das Kloster vereinsamte. Verschont blieben nur Anna Catharina von Kesselstatt, Anna Catharina von Eltz und Anna Catharina von Enschringen. Während Anna Catharina von Kesselstatt sich tapfer weigerte, das Kloster zu verlassen, flohen die beiden andern, die Anna Catharina von Kesselstatt zur Äbtissin bestimmten.

1638, als das Heer des Jean van Werth Ehrenbreitstein besetzte, wuchs die Hungersnot immer mehr an, so daß ein Malter Korn 16 bis 20 rheinische Thaler kostete. Im ganzen Land war kein Salz zu haben. Wenig später war Malberg ohne jeden Einwohner.

Ja, wir haben keine Vorstellung davon, was es damals hieß, der Pest ausgesetzt zu sein. Ursache waren die armen Lebensverhältnisse, die fehlende Hygiene und der Mangel an Ärzten. Vom Hunger gezeichnet, sich nur auf Kräuter verlassend, waren die Menschen leicht für die Bazillen anfällig. So ritt der „Schwarze Tod“ fürchterlich durch die Lande der Eifel. Als später, nach Beendigung des Krieges, die ausgestorbenen Dörfer wieder langsam besiedelt wurden, hingen die Skelette der Stalltiere noch in ihren Ketten. Überall in Scheune und Stall lagen die vermoderten Leichen der von der Pest Befallenen. Auch nach dem Kriege war die Gefahr der Ansteckung noch nicht gleich gebannt. Denn bei der großen, ergreifenden Wallfahrt zum Heiligen Rock 1655 war ausdrücklich davor gewarnt, Pestkranke nach Trier zu bringen.

 

 

Die Kanzel der Geschwister von Kesselstatt

Aus dieser Zeit der Pest im Kylltal besitzt die Kirche von St. Thomas ihre Kanzel. Sie wurde als hohes Kunstwerk der Renaissance von den beiden Geschwistern und Ordensfrauen Anna Catharina und Maria Jakobe von Kesselstatt 1634 gestiftet. Anna Catharina war die mutige Frau, die in der Pestnot das Kloster nicht verließ, während ihre auf der Inschrifttafel der Kanzel benannte Schwester Maria Jakobe mit einer anderen dritten Schwester unter den elf Opfern der Pest war. Ganz sicher war die großherzige Schenkung irgendwie von der Zeit bestimmt, denn es war ein Jahr nach der verheerenden Wirkung der Pest in Densborn.

Auf der linken Seite der Kanzel aus gelbem Sandstein prangt der beflügelte Drache im Wappen der Familie väterlicherseits, rot auf silbernen Schild, auf der rechten der goldene Löwe auf rotem Grund der Familie der Mutter aus dem Hause von Eltz. In der Wappenzier des Wappens von Eltz erscheinen elf kleine weiße Herzen, die hindeuten sollen auf elf Kinder, die der Ehe von Kesselstatt – von Eltz entsprossen. Man kann die Kanzel nicht betrachten, ohne an jene Kriegszeiten des 17. Jahrhunderts erinnert zu werden: Pest, Hunger und Krieg waren damals die drei Apokalyptischen Reiter, die das Volk der Deutschen bezwangen. Möge doch nie mehr in unseren Tagen das rote Roß, das den Krieg, das schwarze, das den Hunger und das graue, das den Tod bringt, durchs Land der Eifel reiten!

 

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