Örtlichkeiten

Der Kyllburger „Hahn“

Eifelvereinsblatt 1923, Nr. 1, S.5/6
Von Hauptlehrer H. Gueth, Kyllburg

Ging ein Kurgast durch die Mühlengasse und erblickte inmitten einer Hühnerschar einen prächtigen Hahnen. Kauflustig wandte er sich an einem am Wege arbeitenden Kyllburger: „Wem gehört dieser schöne Hahn?“ Ohne aufzublicken antwortete jener: „Der Gemeen!“ (Gemeinde) — Ein köstliches Mißverständnis! Für den Kyllburger bestand gar kein Zweifel, daß unter „schöner Hahn“ nur der Stolz der Kyllburger, der Gemeindewald, genannt „Hahn“ gemeint sein könnte.
Dieser prächtige, parkähnliche Wald an den Hängen des Stiftsberges, auf drei Seiten umrahmt von den silberhellen Fluten des forellenreichen Kyllflusses, verdient aber auch die Liebe der Kyllburger, und wer ihn einmal auf den wohlgepflegten Wegen durchwandert, versteht, daß er der Lieblingsaufenthalt nicht nur der Einheimischen, sondern auch der Kurgäste ist. Er verzeiht und versteht auch die hier gehörte scherzhafte Verballhornisierung des schönen Volksliedes:
„Wenn ich den Wand’rer frage: Wo geh’st du hin?
— In den Ha–ahn, — in den Ha–ahn… usw.“
Woher kommt diese sonderbare Benennung eines Waldes?
Die Chronik erzählt darüber folgendes: Der Freiherr Brandscheid zu Kilburg, welcher in seinem Wappen zwei Hahnen führte, die miteinander stritten, ordnete an, daß am Feste des hl. Sebastianus (20. Januar) jeder Schulknabe, der dazu Lust hatte, einen Hahn in den Schulsaal bringen, und daß der Knabe, dessen Hahn im Kampfe mit den übrigen Hahnen Sieger sei, als Schulkönig ausgerufen werden sollte. Der Vater des „Königs“ konnte sich im Gemeindewalde „Hahn“ die beste Buche aussuchen und hauen, wogegen er jedem „Mitglied der Schuljugend“ für ein Albus Weisbrod und einen Trunk Bier verabfolgen und nebstdem für das Lokal, wo das zu Verabfolgende nebst andern verzehrt werden sollte, sorgen mußte.
Hierauf schildert der Chronist noch Ausführlich die Rechten und Pflichten des Siegers, dessen Regierungsjahr eingeleitet wurde mit dem Ruf: „König Hahn, dein Jahr ist an!“ und dessen Würde wieder unterging unter dem Spottruf: „König Laus, dein Jahr ist aus!“ —
Den Namen „Hahn“ aus diesem Brauch herzuleiten, erscheint mir etwas gewaltsam, eher könnte man gelten lassen, daß der Name „Hahn“ sich im Laufe der Zeit aus dem Worte „Hain“ umgebildet hat.
Kilburg, Kielebergh oder Kiliberga castrum, zum Bedagan gehörig, wird schon sehr früh (800) als Siedlung erwähnt. Es ist anzunehmen, daß die eigenartige Bildung des Bergrückens, auf welchem das Stift liegt, seine völlige Abgeschlossenheit von drei Seiten, wie dazu geschaffen schien, von unseren Vorfahren, den Treverern, schon viel früher als Kultstätte ausersehen zu werden. ihre Priester, die Druiden, suchten mit Vorliebe solche schwer zugänglichen Waldstücke, wo sie ihren barbarischen Kultdienst verrichten konnten. Der Wald als Stätte ihrer Opferfeste war ein heiliger „Hain“. Und so mag man für den Wald, lange nachher noch, als längst die Römer im Trevererlande den Druidendienst unterdrückt hatten, der Wald die Bezeichnung „Hain“ behalten haben. Auch die nachfolgenden Franken behielten den Namen bei, der dann, vielleicht anfangs scherzhaft, dann für immer in „Hahn“ umgebildet wurde.
Im Frühjahr v.J. hatte die Ortsgruppe des Eifelvereins einen kräftigen Anlauf genommen, den „Hahn“ wieder so herauszuputzen, wie er es verdient, aber eines wird doch sehr vermißt, nämlich der Ersatz der kleinen Tempelchen, welche nicht nur eine angenehme Abwechslung im Landschaftsbilde schufen, sondern auch sehr willkommenen Unterschlupf bei Unbilden der Witterung.

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