Eine merkwürdige Geschichte aus Eisenschmitt lesen wir in der „Landeszeitung“:
„Das Pferd eines Fuhrmannes aus Kyllburg verendete hier am Freitag Abend an Kolik. Das Tier wurde zu dem im Walde liegenden Schindanger geschafft, wo es bei Tagesanbruch verscharrt werden sollte. Wie groß war aber das Erstaunen des Eigentümers, als er morgens das Pferd an der Stalltüre stehend vorfand. Es ist nun aber doch im Laufe des Tages eingegangen“.
Das steht wirklich schwarz auf weiß gedruckt in Nr. 135 der Landeszeitung vom 14. Juni; allerdings war es an diesem Tage sehr warm.
Kaum hatten wir diese Notiz unserm Gehirnkasten einverleibt, als wir alles stehen und liegen ließen und, wie Herr Dasbach zu sagen pflegt, einen Augenblick nach Eisenschmitt fuhren.
Natürlich kamen wir wiederum einen halben Posttag zu spät, denn ganz Eisenschmitt war voll von Fremden, die den gestorbenen und wieder lebendig gewordenen Gaul mit Grausen betrachteten. Die üblichen Spitzen der Behörden und die Vertreter sämmtlicher Hochschulen waren anwesend; mit dem Frühzug war sogar der kluge Hans von Berlin angekommen, um, von Eifersucht geplagt, sich den neuesten Trick seines Genossen anzusehen. Hans betrachtete seinen nun wirklich toten Genossen mit sinnendem Blick, dann schlug er dreimal mit dem rechten Hinterhuf nach hinten aus, was in seiner Sprache bekanntlich bedeutet: darauf kann ich mir keinen Vers machen. Der Besitzer versuchte mit seiner ganzen Beredsamkeit dem klugen Hans begreiflich zu machen, daß die Sache sich wirklich so verhalte, wie es in der Zeitung stand, aber Hans schnupperte dreimal nach Osten. Das heißt, wie wir sofort in der neuesten Ausgabe des Pferdelexikons feststellten: Das glaubt kein Pferd.
Für uns war es sofort klar, daß ganz gewöhnliche Eifersucht den klugen Hans plagte, und wir ließen es uns angelegen sein, den wahren Tatbestand zu ermitteln. Der Besitzer erklärte auf das Bestimmteste, daß sein braver Gaul, der den Vornamen Liese führte, noch am Donnerstag wohl und munter gewesen sei. Es war ein kluges Tier, fuhr er fort, das sogar das Paulinusblatt mit großer Aufmerksamkeit zu lesen pflegte. Hielt man ihm aber ein liberales Blatt unter die Nase, so wurde es fuchsteufelswild. Am Donnerstag Abend klagte Liese über Leibschmerzen, sehen Sie hier, ich habe mir genau ihren letzten Stuhlgang ausgeschrieben, das war um 7 Uhr 22 Minuten. Kurz darauf legte sie sich nieder, verschiedene Hülfeleistungen, die ich hier nicht beschreiben will, vermochten ihr keine Erleichterung zu bringen. Am linken Vorderfuß fühlte ich ihren Puls, der schwächer und schwächer wurde, bis er um 9 Uhr zu schlagen aufhörte. Das Andere haben Sie in der Zeitung gelesen, wir schafften ihn zum Schindanger, und am anderen Morgen stand er wohl und munter am Stalltor. Wenn er inzwischen doch noch eingegangen ist, so hat er das zweifellos aus Ärger darüber getan, daß es Leute gibt, die so was glauben.
Dann besichtigten wir den Wundergaul; er war wirklich tot, um mit einen englischen Schriftsteller zu reden, so tot wie ein Türnagel. Eine besondere Intelligenz war seinen Gesichtszügen nicht anzumerken, doch glauben wir gern, daß er immerhin noch einen recht brauchbaren Zeitungsschreiber abgegeben hätte. Ganz überzeugt waren wir allerdings nicht, daß Frau Liese sich nicht noch einmal den Jux leisten werde, wieder lebendig zu werden.
Das kann heiter werden; wenn das so weiter geht, kann man in Zukunft keine Wurst mehr ruhig essen, ohne befürchten zu müssen, daß sich ein lebendiger Gaul daraus entwickelt.
Freilich ist es nicht immer so warm wie am 14. Juni.

