Schulchronik

Kaiserbesuch in Kyllburg am 20.10.1911

Aus der Schulchronik 1873-1933, Seiten 115-119

Große Freude herrschte in Kyllburg, als vor ungefähr 10 Tagen bekannt wurde, daß Sr. Majestät auf einer Eifelreise auch Kyllburg mit seinem Besuche beehren und im Eifler-Hof den Thee einnehmen werde. Sofort begannen die Vorbereitungen. Der Weg den Sr. M. nehmen sollte (Malberg, Hochstr., Bahnhofstr., Brücke, Oberkailerstr.) wurde in eine Via-traumplativ verwandelt. Überall, lückenlos, sah man das freundliche Grün der Tannen, der Guirlanden, belebt durch Wappen, Trophäen- und Fahnenschmuck. Es wurden ausnahmslos die preußischen Farben „Schwarzweiß“ verwendet, was einen ruhigen, äußerst vornehmen Eindruck machte. Eine Reihe prachtvoller Ehrenpforten waren errichtet. Aber auch. die Straßen, die Sr. M. nicht berührte, entbehrten, des Fahnenschmuckes nicht; war es doch ein Ehrentag, ein Kaisertag, für den ganzen Ort. Auch die Kirchtürme, der Burgturm, und die Mariensäule prangten im reichen Flaggenschmuck.

Die herrlichste Dekoration zeigte natürlich der Eiflerhof, welcher die Ehre haben sollte, solch illustren Gast aufzunehmen. Künstlerhände dekorierten die Fassade und besonders herrlich war das Portal durch einen prachtvollen Baldachin geziert. Auf wundervolle Weise war der Wintergarten des Eiflerhofes durch die Firma Lambert Söhne – Trier in einen Palmenhain verwandelt. Vier Waggon Palmen und lebende Blumen waren dazu verwendet. Die übrige Dekoration stellte die Firma Harner Fr. – Trier. In diesem herrlichen Raume wurde auf 4 Tischen für den Kaiser und sein Gefolge der Thee serviert.

Endlich war der große Tag gekommen. Morgens war Sr. M. mit 6 Autos von Bonn abgefahren. Die Reise ging über Schmidtheim, Stadt – Kyll, Hillesheim, Daun, Gerolstein, Prüm, Schönecken. Mittlerweile war in Kyllburg die Aufstellung erfolgt, unsere 3 Klassen standen von der Ecke der Malbergerstr. an bis zum Eingang zur Bahnhofstr. Vor der Dependance standen die Kriegervereine von Kyllburg und Speicher mit Fahne. Die Malbergerstr. hinunter standen die Schulen der Umgegend. Dazu eine riesige Volksmenge. Die Schulkinder trugen Schärpen und Fähnchen in den preußischen Landesfarben.

Zum Empfang am Eiflerhof waren befohlen Hr. Landrat von Keßler und Hr. Bürgermeister Dietz. Am Staffelstein standen die Schulen und der Kriegerverein von Bitburg. Endlich wurde signalisiert: „Majestät hat 3 3/4 Malbergweich passiert!“ Da donnerten auch schon die Böller in Malberg und lauteten die Kirchenglocken. Einige Minuten später begrüßen auch die Kyllburger Böller Sr. Majestät vom Fuße der Mariensäule aus ebenso schmetternde Fanfaren eines Bläserkorps von der Galerie der Mariensäule.
In langsamer Fahrt kamen die kaiserlichen Autos den Malbergerweg herauf. Das erste führte vorn die gelbe und die purpurne königliche Standarte. In diesem saß Sr. Majestät im grauen Mantel und der weißen Mütze der Garde du Korps. Donnernde Hurrahs begrüßten den ernst blickenden Monarchen, der militärisch dankte. Der Jubel der Volksmenge war unbeschreiblich. Am Portal des Eiflerhofs entstieg Sr. Majestät dem Wagen. Sr. Exell. Frh. v. Schorlemer, Lieser und Sr. Exell. v. Rheinbaben, der Oberpräsident der Rheinprovinz. Es folgte die Vorstellung des Hr. Landrates, des Hr. Bürgermeisters und des Hr. Jos. Schulte jr.

Kaiser Wilhelm II. fährt am Hotel Eifeler Hof vor. Der Eifeler Hof ist mit Kränzen, Girlanden, Fahnen, Tannengrün und Staatswappen geschmückt. Am vorderen rechten Bildrand unten die Kriegervereine, die, mützenschwenkend ihr dreifaches „Hurra“ ausbringen. In der Malberger Straße eine weitere Ehrenpforte.
Am Eingang zum Wintergarten blieb Majestät überrascht stehen und äußerte sich erstaunt über das schöne Arrengement. Dann ging Sr. M. gerade aus auf die Terasse des Hotels und betrachtete entzückt das Landschaftsbild des Kylltales, das ihn an ein Panorama im Schwarzwald erinnerte, dessen Name sein Adjutant ihm auf Befragen nannte.
Dann setzte sich Sr. Majestät zum Thee nieder, an seiner Seite der Hr. Landrat v. Keßler, der über den Kreis Bitburg berichtete. Majestät. rkundigte sich unter anderem nach der Ernte, nach der Maul- und Klauenseuche und dem Preis der Kartoffeln.

Hochderselbe äußerte, daß er sich sehr behaglich in dem schönen Raum fühle. Es schmeckte ihm vorzüglich; auch die Zigaretten, von der Firma Neuerburg – Trier – mundeten ihm sehr. Die für den Aufenthalt festgesetzten 15 Minuten waren längst verstrichen und Majestät dachten noch nicht ans Aufbrechen. Als Exell. v. Schorlemer erinnerte: „Majestät die Zeit ist verstrichen“, befahl Majestät: „Na, wenn es denn sein muß, wollen wir aufbrechen.“ Mit den huldvollsten Worten nahm der Kaiser dann Abschied von den Herren Schulte, sowie Hr. Landrat und Bürgermeister, ebenso die Herren des Gefolges, von denen noch zu nennen sind: Herr General v. Plessen, Hr. v. Eulenburg Exell. (Letzterer regulierte auch die Rechnung für den Thee der Ordnung halber mit 15,00 M !) Hr. Oberstabsarzt Dr. Niedner, Leibarzt Sr. Majestät. Es sei noch erwähnt, daß Sr. Majestät seinen Namen eintrug auf ein Sonderblatt des Fremdenbuches vom Eiflerhof.

Als Sr. M. das Auto bestieg, (4,33) jauchzten ihm seine treuen Untertanen zum Abschied zu. Majestät dankte mit freundlichem Lächeln, als er langsam durch die große Volksmenge die Bahnhofstraße hinunterfuhr. Auf der Brücke wurde beobachtet, wie Sr. M. den neben ihm sitzenden Landwirtschaftsminister Fhr. von Schorlemer auf das schöne Bild aufmerksam machte, welches der Stiftsberg in seiner herbstlichen Färbung bot. Dann ging es in schnellem Tempo die Chaussee nach Oberkail hinauf und bald waren die kaiserlichen Automobile an der letzten sichtbaren Kurve verschwunden. In Kyllburg aber bleiben die freudig bewegten Volksmassen noch lange in den Straßen und in den Lokalen zusammen, und Tausende besuchten den Eiflerhof, um einen Blick auf die Kaisertafel zu werfen. Glücklich wer eine Blume bekam, die die Kaisertafel geziert hatte, glücklicher noch der, dem vom Eiflerhof ein Sandwich vom Kaisertisch verehrt wurde; am glücklichsten aber die Dame, welche in Besitz des Zigarettenrestes kam, welcher auf der Kaisertafel lag.

Seine Majestät der Kaiser verlässt Kyllburg und fährt weiter an die Mosel. Zum Gruße erhebt der die Hand zur Stirn.
Froh und glücklich aber waren alle, voll von Begeisterung, erfüllt von den Eindrücken, die der ehrenvolle Kaiserbesuch hinterlassen, Eindrücke, die unvergeßlich sein werden bis zu den spätesten Zeiten. Seit 100 Jahren hat kein Kaiser Kyllburg betreten, und damals war es ein fremder Eindringling – Napoleon I. und heute unser geliebter Kaiser und König, den uns Gott noch recht lange erhalten möge: Wilhelm II.

21.10.1911
Heinrich Gueth

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