Geschichte

Zur Uraufführung von Schillers „Tell“

Eifelvereinsblatt 1922, Nr. 7, S.72
"Eifeler Volksbühne" Malberg bei Kyllburg

Als im vorigen Jahr der Gedanke der Eifeler Heimatspiele zuerst in dem herrlichen Kronenburg festen Fuß faßte und durch die bewundernswerten Leistungen der schlichten Dorfgemeinde allseitige Würdigung fand, da mag wohl mancherorts der Wunsch rege geworden sein, in edlem Streben sich in ähnlicher Weise in den Dienst der Volksbildung zu stellen. Der einzigartige Ort Malberg darf mit Stolz das Recht für sich beanspruchen, durch die Aufführung von Schillers „Tell“ — ebenso wie Kronenburg — die Augen zahlreicher Eifelfreunde auf sich gelenkt zu haben. Die andauernd hohe Besucherzahl in Kronenburg und Malberg beweist, daß die beiden Spiele durchaus keine Konkurrenzunternehmen sind, sondern daß beide — das eine im nördlichen, das andere im südlichen Teile der Eifel — ihre volle Berechtigung haben.*)
Mit ziemlich hohen Erwartungen kam ich am Pfingstmontag nach Malberg zum Tellspiel. Ich kannte schon von früher das Malberger Völkchen, das in seltener Eigenart in seinem altertümlichen Dörfchen zu Füßen des herrlichen Malberger Schlosses sich von den mittelalterlichen Zeiten her, wo es so häufig fremde Völker an seinen Mauern sah, einen urwüchsigen Frohsinn und eine an den Süden gemahnende Lebhaftigkeit bewahrt hat. — In einem wuchtigen Landschaftsbilde, von dem mächtigen Schloß überragt, liegt dicht am Felsenufer der Kyll, inmitten prächtiger Baumgruppen, die einzigartige Naturbühne, die nach hinten auf bewaldetem Hange jäh ansteigend, über 200 Spielern, außerdem Rinderherden, Schafen, Ziegen und Pferdegruppen hinreichend Platz bietet. Eine zahlreiche Zuhörerschar verfolgte mit Spannung das Spiel, das eingeleitet wurde durch einen farbenfrohen Austrieb der Rinderherden, denen ein belebter Zug von Schnittern und Schnitterinnen folgte. Gerade dieser schon von weitem sichtbare Massenaufzug bildet ungemein wirkungsvolle Stimmungsmomente und ist unbedingt ein natürlicher Vorteil der Naturbühne, den auszunützen die Malberger Spielleitung, selbstschöpferisch gestaltend, trefflich verstanden hat. Leider verbietet der Raum, hier auf die einzelnen Szenen näher einzugehen. Eine edle Begeisterung und eine völlige Hingabe an die Sache erfüllte sämtliche Spieler, alt und jung. Die Rollenverteilung war äußerst glücklich gewählt, und es ist geradezu erstaunlich, wie diese Kleinbauern, Handwerker und Arbeiter ihr angeborenes Spieltalent durch aufopfernden Fleiß und verständnisvolle Anleitung so schön zur Auswirkung zu bringen vermochten. Vor allem hatte die Spielleitung die größte Sorgfalt auf die scharfe Herausarbeitung des Lautlichen gelegt, das in voller Harmonie stand zu einem natürlichen Gesten- und Mimenspiel. Besonders zeigte die Person des Tell ein Kunsterfassen und eine Ausdruckskraft von einer Wucht und Größe, die selbst bei verwöhnten städtischen Besuchern höchste Bewunderung auslöste. Wirkungsvolle Bühnenbilder zwischen den einzelnen Aufzügen rahmten sich sinnig dem Ganzen ein, und wohleinstudierte Chöre bewiesen, daß die Malberger auch in gesanglicher Hinsicht Reiches zu bieten vermögen. Ihr Höchstes und Bestes gaben wohl die Spieler in der Apfelschußszene, die stimmungsvoll ausklang in einem zu Herzen gehenden Marienlied. Die bei der ersten Aufführung leicht erklärlichen geringen Mängel, die mehr technischer Natur waren — so hätte z.B. der Abbruch der Zwingburg Uri die Zerstörungswut des Volkes besser zum Ausdruck bringen müssen — konnten dennoch nicht den großen, einheitlichen Zug stören, der von Anfang bis Ende das Spiel durchwehte. Als zum Schlusse, nach der Befreiung des Volkes von der Knechtschaft, die gesamte Spielerschar in terrassenförmiger Gruppierung den ambrosianischen Lobgesang anstimmte, da tönte in diesem wuchtigen Asuklang noch einmal die ganze Würde und Größe des vierstündigen Spiels zusammen.
Es waren Stunden hehrster Weihe und tiefsten inneren Erlebens, die wir am Pfingsmontag unten an der Kyll verbrachten. Der Spielleitung der Eifeler Heimatspiele in Malberg, vor allem dem unermüdlichen Pfarrer Heidger sowie seinem getreuen Helfer, dem Hauptlehrer Herber, gebührt Dank und höchste Anerkennung. Die Eifler Volksbühne in Malberg verdient weit über die Eifel hinaus gewürdigt zu werden und an den kommenden Sonntagen das Ziel vieler Eifel- und kunstfreunde zu sein.
Viktor Baur, Daun

*) Anmerkung der Schriftleitung: Es ist schade, daß es sich für Malberg nicht ermöglichen ließ, ein anderes klassisches Schauspiel unserer großen deutschen Dichter zu wählen. Ob dies technisch dort einzurichten war, kann ich nicht beurteilen, aber nach den gelungenen Darstellungen des Naturtheaters in Bedburg im Erfttale liegt doch die Möglichkeit vor. Es hätten dann Malberg und Kronenburg in ihrer hocherfreulichen heimattreuen und volksbildenden Bestrebungen eine Wirksame Ergänzung geschaffen, während jetzt immerhin ein Wettbewerb zu erwarten ist.
Zender, Bonn

Einen Kommentar verfassen

captcha

Please enter the CAPTCHA text