Örtlichkeiten

Unter den Linden

Eifelvereinsblatt 1924, Nr. 10, S. 91/92
von Hauptlehrer Heinrich Gueth

Nein, sie meine ich nicht, jene gestutzten, wohlfrisierten Großstadtbäume, welche jetzt ihre fahlen Blätter auf den schlüpfrigen Asphalt der Hauptstadt streuen und ihre dürftigen, verstümmelten Aeste in den Dunst der Millionenstadt strecken. Freilich, viel gesehen und erlebt haben ja diese Zeugen einer schöneren und ruhmvolleren Zeit: Prunkende Auffahrten der Großen und Größten, glänzende Paraden und farbenschimmernde Aufzüge. Sie sind erbebt unter dem Jauchzen siegestrunkender Völker und haben gezittert unter den schweren Schicksalsschritten entfesselter Leidenschaft. Revolutionen sind unter ihnen verrauscht und ließen sie, elend von Geschossen zerfetzt, zurück. Gewiß, unter diesen Linden sucht man vergebens Ruhe und Frieden! — Ganz anders unter den kraftvollen Linden auf dem Stiftsberge in Kyllburg, im sogenannten „Kreuzgärtchen“. Sie recken ihre knorrigen Aeste frei und frank in die gesunde, klare Luft, ihre ältere Schwester drüben, die Wilsecker Linde, leise sich neigend, grüßend..
Ich liebe diese vier ehrwürdigen Riesen und weile gerne unter ihrem gastlichen Blätterdache. Sei es, wenn die ersten Strahlen der goldenen Morgensonne vom Orsfelder Berge her versuchen, in die blütenschweren Wipfel einzudringen, oder, wenn die letzten Strahlen des hinter der Malberger Höhe versinkenden Gestirns die herbstlich bunten Blätter wie mit purem Golde überglühen.
Da fällt mein Blick auf eine Jahreszahl auf einem verwitterten, moosüberzogenen Kreuz in der alten Mauer: „1787“. Ich sehe eine Inschrift auf dem altehrwürdigen, hochragenden Kreuz inmitten der 4 Linden: „1607“. Darunter auf der Säule „Renovata 1786“.
Lange, lange Jahre vor 1607 war dieser Platz eine vielbesuchte Stätte. Haben doch unsere Vorfahren die Linde als „Heiligen Baum“ verehrt. Unter der Linde wurde Recht gesprochen und gerichtet. Hier wurde ernsten Rates gepflogen. Unter ihren weitausladenden Blätterdache sammelte sich die frohe Jugend zum lieblichen Spiel und Tanz und das müde Alter suchte hier Ruhe und Erquickung. Im Schatten der Linden fanden die erdenmüden Pilger ihre letzte Ruhestätte.
Frommer Sinn hatte im Mittelalter inmitten der 4 linden auf hoher Steinsäule ein Kreuz errichtet, das dann 1786 erneuert wurde. Der verwitterte Rest einer Steinbank zeugt davon, daß an dieser frommen Stätte die glaubensstarken Stiftsherren des im Jahre 1276 vom Erzbischof Heinrich von Vinstingen gegründeten Kollegiatstiftes B. M. V. gerne geweilt und gebetet haben. Hier disputierten in wohlgesetzter lateinischer Rede die hochgelehrten Scholaster der Stiftsschule, bis das Glöcklein im Dachreiter der nebenanliegenden, ebenfalls 1276 erbauten, ehrwürdigen Stiftskirche die frommen Herrn zum Chorgebet in das Gestühl, — jetzt von den Kyllburgern „die Pölt“ genannt, — oder in den „Remter“ den gemeinsamen Speisesaal (Refectorium) rief.
Aber auch mancher tapfere Ritter der neben dem Stift liegenden Schutzburg, die 1239 von dem Erzbischof Theoderich II. von Wied zum Schutze der Nordgrenze des Erzbistums erbaut wurde, mag hier vor dem Kreuz unter den Linden dankbar seine Kniee gebeugt haben, wenn er siegreich aus blutiger Fehde zurückgekehrt war.
Und mancher arme Sünder, der mit letzter Kraft und brechenden Knien die Stiftsfreiheit erreicht und so der kurtrierischen Gerichtsbarkeit und den Verfolgern entzogen war, warf sich in reuevollem Dankgebet im Schatten der Linden vor dem Zeichen des Allerbarmers darnieder.
So war das Stift ein Ort der Frömmigkeit, eine Pflegestätte der Wissenschaft, Kunst und christlichen Sitte, weitberühmt als Wallfahrtsort, segenbringend für das ganze liebe Eifelland. So war es noch, als das kreuz unter den Linden 1786 renoviert und die Anlagen erneuert wurden, als längst der letzte Ritter der Kyllburg zur ewigen Ruhe in den heiligen Boden der Stiftskirche oder des Kreuzganges gebettet war.
Dann kam im Jahre 1802 die gewaltsame Aufhebung des Stiftes. Die frommen Herren wurden vertrieben, ihre Curien versteigert. Die Stiftskirche wurde Kyllburg als Pfarrkirche überwiesen.
Alles brach im Sturm zusammen, die ganze Stiftsherrlichkeit wurde weggefegt, aber die 4 wackeren Linden trotzten allem Sturm und Ungewitter und streckten schützend ihre Zweige über das altehrwürdige Kreuz in ihrer Mitte aus. Die alte, heilige Stätte rettet sich auch aus den späteren Stürmen bis hinein in unsere Tage.
Mit der beschaulichen Ruhe war es aber in jüngster Zeit unter den Wipfeln vorbei. Fleißige Hände regten sich. Es entstand eine monumentale Freitreppe, die bequem zur alten Stätte hinaufführt. Im Hintergrunde der Vierung erheben sich 3 Epitaphien mit den Namen der im Weltkriege gefallenen Helden der Pfarrei Kyllburg. Wo einst die alten Steinbänke standen, stehen nunmehr neue und laden zur andachtsvollen Ruhe und ernsten Erinnerung. In der Mitte aber steht nach wie vor das alte, hochragende, ehrwürdige Steinkreuz, „als fester Pol in der Erscheinungen Flucht“ (Anm. Red.: Schiller, Der Spaziergang) Aus der althistorischen Stätte ist ein Gedächtnishai geworden für die teuren Toten des Weltkrieges.
Möge der Platz unter den Linden für Ewige Zeiten, für das heutige und die kommenden Geschlechter ein Heiligtum sein und bleiben! Das sind wir der Tradition dieses Ortes, aber noch mehr den Manen der teuern Toten schuldig, welche für unsere Heimat gestorben sind. Möge nie ein Frevler sich finden, der unser Heiligtum entwürdigt und entweiht! Möge die Stätte ein Wallfahrtsort werden, wo fromme Gebete emporsteigen für sie, die für das arme Vaterland gestritten und ihr Herzblut hingegeben haben. Und wenn der Tränenschwere Blick sich von den Gedächtnistafeln erhebt zum Hochragenden Kreuze, dann senke sich süßer Trost ins arme Herz.
Leise raunt es in den alten Linden. Körners Trostworte werden lebendig und lindern den brennenden Schmerz:

„Das Leben gilt nichts, wo die Freiheit fällt.
Was gibt uns die weite, unendliche Welt
Für des Vaterlands heiligen Boden? —
Frei wollen wir das Vaterland wiederseh’n,
Oder frei zu den glücklichen Vätern geh’n!
Ja! glücklich und frei sind die Toten!“

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