Heimatkalender

Restaurationen in der Stiftskirche zu Kyllburg

Heimatkalender 1972 | S.83-86 | Von Pfarrer Dr. Benedikt Caspar

Die Pieta im Chor (1630)

Die Wirren des 30jährigen Krieges (1618 – 1648) hatten sich um 1630 besonders in der Eifel verheerend ausgewirkt. Raub der Lebensmittel durch die fremden Söldner, Verwüstung der Ernten, Hunger der Bevölkerung und schließlich die Pest, das alles waren die unseligen Folgen dieser Schreckenszeit der Eifel. Manches Steinkreuz, viele Altäre, Epitaphien und Kanzeln sind damals von frommen, in Not geratenen Menschen errichtet worden. Man müßte einmal alle Kapellen und Kirchen allein unseres Kreises daraufhin untersuchen, und wir würden staunen über die Unmenge von Denkmälern, die damals gestiftet wurden. Stellvertretend für sie alle sei hier die Pieta aus der Stiftskirche näher behandelt.
Als Werk der späten deutschen Renaissance wurde das steinerne Epitaph rechts neben dem Sakramentsschrein im Jahre 1630 errichtet.
Die Inschrifttafel unter der Skulptur der Schmerzhaften Mutter lautet aus dem Lateinischen übersetzt: „Zur Ehre der Allerseligsten Jungfrau Maria, der Mutter unseres Herrn Jesus Christus, hat mich der ehrwürdige Herr Hugo von Schmittburg-Kyllburg, Kanonikus dieser Kirche, meißeln lassen. 12. Dezember 1630 HSK.“
In der Mitte sitzend die Schmerzhafte Mutter mit dem Leichnam des Herrn im Schoß, links vor ihr kniend der Chorherr, rechts die Büßerin Maria Magdalena, beide Maria anschauend, hoch oben in der Mitte eine kleine, zierliche Statue der Himmelskönigin mit dem göttlichen Kind, links davon der heilige Hugo, rechts Johannes der Täufer, als Inschrift um das Haupt der Pieta: „Zeige dich als unsere Mutter.“
Unter der Pieta ein Text aus Jeremias: „Sie weinte bitterlich während der Nacht, über ihre Wangen rannen Tränen.“ Unter dem Chorherrn: „Erbarme dich meiner, Gott, erbarme dich meiner, da meine Seele auf dich vertraut“ (Ps. 56). Unter der heiligen Magdalena: „Viele Sünden wurden ihr vergeben, da sie viel geliebt hat.“
Das Kunstwerk ist im Herbst 1970 von Anton Walter restauriert worden. Wer es vorher gesehen hat, wird sich erinnern, daß es (um l890) mit unzulänglichen Mitteln und ohne Fachkenntnis nach der damaligen Manier mit dicken Ölfarben bedeckt war. Auch die Inschriften, die in Stein gemeißelt sind, wurden damals mit Kitt und Farbe überstrichen und in schwarzen Lackbuchstaben wieder aufgemalt. Da zur vollen Restauration das Geld fehlte, wurden nur wiederhergestellt: die Madonna selbst und der Herrenleib, der Hintergrund der Pieta sowie die gesamte Umrahmung, Chorherr, Magdalena, St. Hugo, Maria (oben) und Johannes konnten nicht in die Restaurierung einbezogen werden. Das muß später einmal geschehen.
Kommen wir nun zur Pieta. Sie saß da: in Farben, wie man noch viele Darstellungen der Schmerzhaften Muttergottes in unseren Kirchen sehen kann: mit dunkelrotem Kleid, blauem Mantel, blauem Kopftuch und dem nie ausgelassenen Goldstrich (allerdings Goldbronze) am Saum der Gewänder. Das gehörte zu den Farbgesetzen der damaligen Zeit. – Als Walter zu schaben anfing, fand er bald die Originalfassung des 17. Jahrhunderts: das Kleid in einem sehr blassen, stumpfen Rot mit grünem Futter, das unten über den Schuhen hervorleuchtet, um die Schultern der Madonna den prächtigen Mantel in Gold mit betont blauem Futter, das um die Schultern nach Art einer Stola sichtbar wird. Weißes Stirn- und Halstuch bilden eine Einheit, während das Kopftuch in blassem Blau und blattgoldumrandet sichtbar wurde. Das alles bat Walter entdeckt und ergänzte entsprechend die Farben und das Gold. Das Wohltuende an seiner Restaurierung ist die Unaufdringlichkeit, mit der er dieselben Farben wieder verwendet. Hier liegen nicht wieder Farben dicht über dem Stein, sondern Walter läßt den antiken Charakter der gefundenen Farben bestehen und bessert nur aus. Dadurch erkennt jeder sofort, daß hier restauriert und nicht neugefaßt wurde. Das Bildnis des Leichnams Christi zeigt nach der Restaurierung neben der ehemaligen dezenten Tönung des 17 Jh. auch wieder die Originalfarben der Blutstropfen. Das Haupt, durch die rechte Hand der Gottesmutter gestützt, beeindruckt sehr. Jeder, der sich betrachtend dem Kunstwerk nähert, wird in den Bannkreis des Erlöserleidens und der Trauer der Schmerzhaften Mutter unwillkürlich hineinbezogen. Dabei fällt auf, daß bei aller milden Trauer über dem Antlitz Mariens ihre Augen noch Zeit finden (das ist erst jetzt wiederentdeckt worden), den hoffnungsvollen Blick des Chorherrn Hugo v. Schmittburg-Kyllburg aufzufangen. Für uns alle tröstlich, zu wissen, daß sie als Schmerzhafte Mutter des Gottessohns auch unsere Mutter bleibt, die um unser irdisches und himmlisches Leid weiß und sich darum kümmert. Diese Wahrheit ist beim gläubigen Volk der Eifel sicherer Glaubensbesitz. Wenn das in einem Kunstwerk sichtbar wird, dann ist es fürwahr ein sakrales Heiligtum, das auch heute noch, nach über 3000 Jahren, seine Heilsbedeutung behält. Und gerade das ist der Sinn einer Restauration. Oft sind echte Kunstwerke durch mißglückten „Anstrich“ in ihrer eigentlichen Aussage stumm- und stillgelegt worden. Nach Beseitigung solcher Farben und Überstriche durch den fachmännischen Restaurator ersteht das Kunstwerk wieder neu wie am Tag der Schöpfung durch den Künstler. Auf dem gesamten Hintergrund der Pieta wurde ein eigenartig dunkles Türkisblau freigelegt. Wer das häßliche Rußschwarz mit dem Goldbronzekreuz noch in Erinnerung hat, wird erleichtert aufatmen, wenn er die Pieta auf diesem alten Hintergrund anschaut. Eine Mandorla in zartem Blattgold um das Haupt der Madonna hat der Restaurator zur Flächengliederung des Blau hinzugefügt. Ich glaube, es war zu verantworten. Die eingehauenen Inschriften hat Walter wieder freigelegt, sie zeigen nur Reste ihrer ehemaligen dunkelroten Farbgebung. Der Restaurator hat sie nicht mehr ergänzt, er ließ sie antik bestehen.

Der Sakramentsschrein (um 1450)

neben dem Sakramentsschrein der Klosterkapelle Helenenberg ist der Sakramentsschrein in der Stiftskirche zu Kyllburg der kunstvollste und schönste in unserem Kreis. Um 1450 wurde er in die Nordwand des frühgotischen Chores (1276) eingefügt. Sein Stifter oder Künstler (es dürfte nicht genau festzustellen sein) wird auf der Schräge vor dem Gitter genannt: Petrus de Loucbair. Wackenroder (Kunstdenkmäler des Kreises Bitburg) vermutet ihn aus dem Luxemburgischen. Die Abkürzung hinter dem Namen sco‘ deutet auf sacerdos hin: s(a)c(erd)o(s). Das kunstschmiedene Eisengitter stammt ebenfalls aus dem 15. Jh. Von da an wurde das Allerheiligste also in diesem Schrein aufbewahrt, bis nach der Französischen Revolution der barocke Hochaltar (mit seinem hölzernen Tabernakel) der supprimierten Klosterkirche St. Thomas um 1807 in die Stiftskirche nach Kyllburg übertragen wurde. Um 1869 kam dann dieser Altar an die Filialkapelle nach Röhl zum Verkauf, wo er noch heute steht. Auch in dem neuen, aus einer Genter Werkstätte stammenden Altar jede Kyllburger Pfarrei hat ihn gut gekannt) befand sich ein Tabernakel. Der Altar mußte 1962 der neuen Altaranlage weichen. Seit 1963 ist dann das Sanctissimum im bronzenen, mit Bergkristallen besetzten Tabernakel auf der neuen Mensa aufbewahrt worden. Mit der liturgischen Neuordnung, zum Volk zelebrieren zu dürfen, wurde die Frage nach einer andersartigen Aufbewahrung des Allerheiligsten akut. Was lag näher, als den ehrwürdigen Sakramentsschrein, der etwa 160 Jahre lang leergestanden hatte, wieder seiner ursprünglichen Bedeutung zurückzugeben. Der alte, metallene Tabernakel aus St. Maximin wurde diebessicher in den Schrein eingebaut. Der bronzene Tabernakel, ein Geschenk der Pfarrei an den 1963 verabschiedeten Dechant Wirth, fand in St. Maximin auf einer barocken Stele neue Aufstellung. Bei der Restauration der Stiftskirche 1962/63 wurde der historische Schrein nur Grau in Grau gehalten. Nun gab sich Walter an seine Restaurierung. Der Schrein ist aufgebaut nach den Formgesetzen der Spätgotik: Fialen (Türmchen mit Krabben), Kielbogen, Kreuzblumen und Maßwerk. Walter stellte bald an verschiedenen Stellen die gleichen Farben unter der Übermalung fest: Ziegelrot an den aufstrebenden Fialen und am Kielbogen, Gelb an den Krabben (kleine Blätter), in den Füllungen Meergrün und Gelb auch im Maßwerk. Und so restaurierte er denn auch.
Der Besucher der Stiftskirche wird überrascht sein von den zarten und bunten Farben, die zwar ungewohnt, aber doch als vorgefundene Farben dort ihr Recht haben. Übrigens war die Gotik sehr farbenliebend. Es ist zu wenig bekannt, daß die Fassade des Kölner Doms im 13. Jh. zum Beispiel ganz bunt in Farben gehalten war, ebenso wissen wir es vom Straßburger Münster. Die moderne Ewige Lampe (K. H. Dubowy, Kyllburg) in drei übereinander gestaffelten Kreisflächen betont in Formen unserer Zeit die dauernde eucharistische Gegenwart des Herrn.

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