Heimatkalender

Napoleon, Altar und Madonna

Heimatkalender 1964 | S.44-48 | Von Pfarrer Dr. Benedikt Caspar

Wie es in einer Familie wünschenswert ist, etwas aus ihrer Geschichte zu wissen, Ereignisse der Vergangenheit festzuhalten und sie in der Tradition für die nachfolgende Generation zu verankern, so auch im Leben einer Pfarrei. Wir unterliegen heute der Gefahr, geschichtslos zu werden. Und dennoch spürt man bei vielen Menschen einer Pfarrei, daß sie bei der zeitbedingten, übertriebenen Hinwendung zum Jetzt des Augenblicks Sehnsucht nach dem Früheren, also dem Geschichtlichen, haben. Über die Geschichte von Kyllburg ist die schöne Arbeit von Amtsbürgermeister Karl Föst „Kyllburg einst und jetzt“ 1955 erschienen, die mit viel Freude am Stoff in die uralten und modernen Zeiten der Stadt hinabstieg. Auch die Arbeiten von Joseph Brück verdienen der dankenswerten Erwähnung, da sie z. T. von andern Gesichtspunkten her Erhellung in die Geschichte der alten Stadt bringen.

Die Stiftskirche, nach der französischen Revolution 1802 zur Kantonskirche erklärt, wurde mit diesem Erlaß zur Hauptkirche von Kyllburg, während die eigentliche Pfarrkirche St. Maximin (früher vom Stiftsklerus aus verwaltet) Pfarrkirche zweiten Ranges wurde. In der Zeit nun zwischen dem Einrücken der Franzosen (1794) in unser Land und der Neuregelung des Pfarrwesens 1802/03 waren die Stiftskirche wie auch die Klosterkirchen der Willkür preisgegeben. Die Stiftsherren wurden vertrieben und ihr Vermögen konfisziert. Viele Kunstschätze, u. a. die Bibliotheken, wanderten nach Frankreich. Als Pastor Peter Daniel Knodt (1795 – 1803) in Kyllburg die Seelsorge übernahm, hatte er in der Stiftskirche nur noch einen armen, aller Schönheit beraubten Kirchenraum. Orgel und Hochaltar waren zerstört, das Chorgestühl und die alten wertvollen Gemälde der Kirche z. T. verschleppt. Sein Nachfolger Johann Baptist Schöltgen aus Filzen a. d. Mosel war der erste amtierende Kantonspfarrer, der sich bemühte, die ehemalige, hochangesehene Stiftskirche wieder zur Geltung zu bringen. Er wandte sich daher in einem Bittgesuch, das uns im Original vorliegt, an den damaligen Bischof Karl Mannay in Trier (der Franzose war und mit Napoleon gut stand), ihm den barocken Hochaltar der supprimierten (aufgehobenen) Klosterkirche von St. Thomas und das dort zwecklos stehende spätgotische Chorgestühl der ehemaligen Zisterzienserinnen für die Stiftskirche durch den französischen Staat schenken zu lassen. Der Bischof war damit einverstanden. Auf dem Gesuch steht, mit des Bischofs eigener Hand vermerkt, „demande et concession du choeur et de l’hautel de Saint Thomas“ (Bitte und Genehmigung des Chorgestühls und des Hochaltars von St. Thomas). Die Supplikation wurde weitergereicht an den Gouverneur des „Departement de la Sarre“ in Saarlouis, und er entschied im Auftrage Napoleons am 2. Fructidor 1812 (d. i. 19. August 1812), die Übereignung des St. Thomaser Hochaltars und Chorgestühls für die Stiftskirche in Kyllburg. Vielleicht wollte er gutmachen, was vorher an dem ehrwürdigen Gotteshaus gesündigt worden war.

So wurde denn der große, barocke Hochaltar von St. Thomas, der 1760 in Himmerod gearbeitet war, nach Kyllburg transportiert. Nach uns vorliegenden Aufzeichnungen war er so hoch, daß ein Teil der wertvollen Renaissancefenster der Stiftskirche in Zukunft verdeckt blieb. Das Chorgestühl der ehemaligen Ordensfrauen bekam den Platz, den es auch heute noch in der Stiftskirche einnimmt. Es trägt eine Reihe von Erkennungszeichen, die auf das Gestühl eines Frauenkonventes schließen lassen, u. a. geschnitzte Frauenköpfe und Holzkelche für Äbtissinnenkreuz und -stab. Eine eingeschnittene Inschrift (1569) auf der Vorderseite des südlichen Stalliums muß erst entziffert werden. Vielleicht wird sie uns noch etwas Interessantes enthüllen.

Napoleon-Bild

Als im Zuge der Vollendung des Kölner Domes (1842 – 1880) die Wogen der Begeisterung zur gotischen Formenwelt im ganzen katholischen Rheinland hochschlugen, verlor man auch kirchlicherseits vielfach die geistige Verbindung mit der letzten großen abendländischen Kunstepoche des Barock. Es gehörte damals zum guten Ton einer Pfarrei, seine barocken Altäre zu beseitigen und sie durch neugotische, sog. Schreinergotik, zu ersetzen. So wurde auch 1875 der eben erwähnte barocke Hochaltar in der Stiftskirche beseitigt und billig in die Filiale Röhl (Sülm) verkauft. So lautet die alte Überlieferung.

Die Filialen, die oft nur kleine Altäre besaßen, konnten nun auf einmal für wenig Geld an große Altaraufbauten kommen. Und sie wären dumm gewesen, wenn sie es nicht getan hätten. Auf diese Weise sind wir heute noch im Besitz vieler wertvoller Barockaltäre, die sonst vielleicht für immer verloren gegangen wären. So wurde auch 1889, etwas später also, der alte barocke Hochaltar der Stadtpfarrei St. Gangolf in Trier für 300 Mark an das Bischöfliche Priesterhaus St. Thomas verkauft. Er kam mit der Bahn bis Kyllburg, und die St. Thomaser Eisenbahner drückten den mit ihm beladenen Bahnwagen zu Fuß bis St. Thomas. Dort ziert er noch heute die ehemalige spätromanische Klosterkirche.

Um nun auf den Kyllburger Hochaltar zurückzukommen: seine genauen Maße liegen – wie erwähnt – nach Unterlagen im Archiv zu St. Thomas fest, auch alle seine Statuen und Gemälde. Noch besitzen wir davon in Kyllburg die Statuen des hl. Bernhard, des hl. Benedikt und des hl. Johannes Nepomuk. Seine Mitte war geziert durch ein Gemälde der Krönung Mariens, da die Stiftskirche der Aufnahme Mariens in den Himmel geweiht war. Einem Verzeichnis aus dem Jahre 1811 gemäß stand aber auch in der Mitte des Altares das Gnadenbild U.L.F., also das steinerne Marienbild der Stiftskirche. Die Kyllburger Pfarrkinder wollten es unter allen Umständen auf ihrem neuen Hochaltar stehen sehen.

1869 wurde allerdings das Gnadenbild heruntergenommen. An seine Stelle kam eine Darstellung der Immakulata aus Ton. Jungmänner und Jungfrauen hatten sie für die Kirche geschenkt. Es war wenige Jahre nach der Dogmatisierung der Unbefleckten Empfängnis. Das Gnadenbild selbst bekam einen neuen, bisher in der Geschichte der Stiftskirche nicht vorgesehenen Platz: in der Seitenkapelle des nördlichen Chorhauptes. Denn davon sind fast alle Pfarrer des 19. Jahrhunderts in Kyllburg überzeugt gewesen, daß das Gnadenbild immer auf den Hochaltären der verschiedenen Kunstepochen gestanden habe. Auch auf dem neuen, in Gent von Meister Zens (1876) gearbeiteten Altar wurde das Gnadenbild nicht mehr aufgestellt. Aber nur schweren Herzens ertrugen die Bürger Kyllburgs, daß außer dem Allerheiligsten ihr Gnadenbild nicht mehr Mittelpunkt der Kirche sein sollte. Wie viele Bittgesuche werden an den Pfarrer gerichtet gewesen sein, doch das altehrwürdige Gnadenbild wieder zum Hochaltar zurückzubringen. Endlich war die festliche Stunde gekommen. Am 8. Juli 1894 kam das Gnadenbild wieder auf einem eigens in Aachen angefertigten Thron im oberen Teil des Hochaltares zu stehen. Nun beherrschte es wie früher die ganze Stiftskirche. Bischof Michael Felix Korum wohnte der feierlichen Inauguration U. L. F. vom Stiftsberg bei und hielt dabei eine seiner großen Marienpredigten, durch die dann wirklich das Gnadenbild wieder zum Mittelpunkt der Verehrung wurde.

So setzten die Wallfahrten nach Kyllburg wieder ein, u.a. die sog. Sieben-Gemeinden-Prozession aus dem Nimstal. Zum ersten Mal ist sie am 21. Aug. 1894 in die Chronik eingetragen, also unmittelbar nach dem feierlichen Erlebnis der Erhöhung des Gnadenbildes auf dem neuen Hochaltar. Es waren die Gemeinden Seffern, Bickendorf, Lasel, Sefferweich, Schleid, Feuerscheid und Heilenbach. Kopf an Kopf standen die Pilger in der Stiftskirche bis unmittelbar vor den Hochaltar, über 3000, wie Dechant Müller vermerkt, die mit ihm das hl. Opfer zu Ehren der Himmelskönigin feierten. Diese Prozession kam seit Jahrhunderten, wenn Wetternot herrschte, und war nur durch die Wirren der Franz. Revolution unterbrochen worden. Wieder wird sie erwähnt am 19. Juli 1909, als eine furchtbare Regenperiode die Ernte gefährdete. Die letzten Pilger – heißt es in der Chronik – „waren kaum aus Malberg heraus, als die Spitze der Prozession in der Stiftskirche ankam.“ Über 3000 Pilger, großenteils Männer, beteten laut und fromm durch die Straßen Kyllburgs, so daß selbst Kurgäste, die dem Gebet abhold waren, von der gläubigen Haltung der Wallfahrer tief beeindruckt waren. Die Prozession hatte am Mittag Kyllburg kaum verlassen, als sich die Sonne zeigte und das Wetter besser wurde.

Auch 1910 kam nach wochenlangem Regen die Sieben-Gemeinden-Prozession, und wieder wurde – so die Chronik – „das fromme und eindringliche Gebet der großen Zahl der Beter erhört, und bald wurde das beste Wetter zur glücklichen Vollendung der Erntearbeit.“

In den letzten Jahren nach dem Kriege zog die Prozession in Wetternot noch zweimal nach Kyllburg, so daß die Stiftskirche voll von Wallfahrern war. So erzählte es Dechant Wirth. Auf eine seltsame Wallfahrt will ich noch eingehen, die einmal unsere Stiftskirche sah. Es war im Jahre 1870, zur Zeit des deutsch-französischen Krieges. Nach dem Fall von Metz (27. Oktober) wurden vom 3. November an über 4000 gefangene Franzosen in der Stiftskirche untergebracht. Die Bevölkerung von Kyllburg hatte sie mit christlicher Barmherzigkeit gepflegt, da sie zum großen Teil elend waren. Ob da nicht manchem Franzosen, der den Glauben an Christus verloren hatte, ein Licht aufging? Manche von ihnen werden scheu nach dem Hochaltar geblickt haben, den einst der siegreiche Napoleon der Kirche in Kyllburg geschenkt hatte. Wahrscheinlich waren auch unter den Franzosen solche, die in der Nebenkapelle die Madonna des 13. Jahrhunderts erblickten, damals erst ein Jahr dort aufgestellt. Vielleicht erkannten sie in der Zartheit und Eleganz ihrer Gewandung, der Lieblichkeit ihres Antlitzes und der fraulichen Gebärde Ähnlichkeiten mit ihren gotischen Madonnen in Frankreich. Damals wie heute lächelte die Madonna mit ihrem göttlichen Kind über Franzosen wie Deutsche, die sich seit Jahrhunderten nicht anders als Feinde betrachteten. Damals wie heute aber schauten gläubige Franzosen zu ihr auf, der Frankreich so viele Heiligtümer geweiht hat. Vielleicht haben damals während der unfreiwilligen Gefangenenwallfahrt in der Stiftskirche einzelne Franzosen um den Frieden zwischen ihrem Vaterland und Deutschland gebetet.

Heute beginnt eine neue Freundschaft zwischen Frankreich und Deutschland. Oftmals weilten an Sonntagen der vergangenen Sommermonate französische Soldaten der Trierer Garnisonen hier in Kyllburg, und viele sah man den ehrwürdigen Stiftsberg hinaufschreiten, wo sie vor dem Gnadenbild der hohen Gotik des 13. Jahrhunderts still in Verehrung beteten.

Das Gnadenbild ist neuerdings restauriert worden. Möge U. L. F. vom Stiftsberg ihren milden Blick hinwenden auf alle, die fromm in Kreuz und Leid zu ihr kommen, die auch das Anliegen der Völker nicht vergessen, es möge, besonders zwischen den Völkern des Westens, die so viel katholische Kultur miteinander verbindet, allzeit Friede und Freundschaft bleiben.

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