Heimatkalender

Kyllburg wieder Stadt

Heimatkalender 1957 | S.41-46 | Von Karl Föst, Amtsbürgermeister, Kyllburg

Über 1150 Jahre sind dahingegangen, seit Kyllburg erstmals im Jahre 800, dem Jahre der Kaiserkrönung Karls des Großen und der Entstehung des Heiligen Römischen Reiches, in einer Urkunde erwähnt wird. Damals war Kyllburg in festem Gefüge bereits als „castrum Kiliberg“ vorhanden; wir wissen nicht, wie lange schon vorher. Im Jahre 1239 erhielt die feste Siedlung als Eckpfeiler und Grenzfeste Kurtriers eine größere Burg, die heute im Turm noch erhaltene Kyllburg. Durch Erweiterungsbauten des Erzbischofs Arnold im Jahre 1256 und die damals empfangene Freiung entstand vor 700 Jahren die mit starken Mauern und Toren befestigte Ortschaft, die kurtrierische Stadt Kyllburg. Ihre Geschichte ist in der Monographie „Kyllburg, einst und jetzt“, in seiner Landschaft, Geschichte und Entwicklung des wirtschaftlichen und sozialen, historischen um kommunalen Lebens, in geschlossener und abgerundeter Form aufgezeichnet, wobei es der Verfasser nicht verabsäumte, die Ursprünge der Stadt eingehend zu behandeln. Reich und wechselvoll war im Laufe der Jahrhunderte ihre Geschichte und die ihrer Einwohner. Kyllburg, Stadt und Amtssitz seit dem Mittelalter bis in die zweite Hälfte des vorigen Jahrhunderts, hat seine besondere Form und Wesensart erhalten durch seine geschichtliche Vergangenheit, durch seine naturgeschaffene, reizvolle landschaftliche Lage, seine mittelalterlichen Bauwerke, durch sein Heilklima, das es zum Kurort von besonderem Ruf machte, und durch sein Wirtschaftsleben in Vergangenheit und Gegenwart. Durch die Gesetzgebung des Jahres 1856, d.h. durch die Einführung der Rheinischen Städteverordnung ging ihm sein Stadtrecht de jure verloren. Erhalten blieb ihm aber der bürgerliche Stolz der Kyllburger und die Freude der Fremden am alten kurtrierischen Städtchen, seiner Landschaft und seinen historischen Sehenswürdigkeiten, das Ziel ungezählter Erholung, Entspannung und Abwechslung suchender Menschen aus aller Welt. Es ist daher nicht verwunderlich, daß Kyllburg sich nie so recht damit abgefunden hat, den Rechtscharakter einer Stadt verloren zu haben, verständlich auch, daß es anstrebte, diesen Ehrentitel wieder zu erhalten. Wiederholt befaßte sich der Gemeinderat mit dieser Frage, bis schließlich auf einstimmigen Beschluß der Gemeindevertretung der Amtsbürgermeister den Antrag auf Wiederverleihung der Stadtrechte stellte. Diesem Antrag entsprach dann auch die Landesregierung nach eingehender Prüfung.

Mit Freude und Stolz konnte Kyllburg in den Tagen des 15.,16. und 17. September 1956 seine 700-Jahr-Feier begehen, die ihre besondere Note und große Ehrung dadurch erhielt, daß der Ministerpräsident am Sonntag, dem 16. September, in einem feierlichen Staatsakt Kyllburg die Stadtrechte wieder verlieh.

Schon am Samstag bildeten die Straßen mit ihren Fahnen und Farben Trimphwege. Schmuck des Ortes und die Freude seiner Bewohner ließen Festtagsstimmung und Bereitschaft erkennen für die Dinge, die da kommen sollten. Während eine lange Schlechtwetterperiode die Regenwolken über die Berge und Täler der Südeifel trieb und die Wolkendecke nur selten lichtete, so daß noch am Sonntag vorher die Bittprozession der „Sieben Pfarreien“ nach Kyllburg kamen, um günstigeres Erntewetter zu erflehen, zeigte der Himmel sich jetzt strahlend heiter, die Festtage zu vergolden; es war so, als ob er sich mit und für Kyllburg freue. Das landschaftlich reizvoll gelegene Kyllburg, festlich gestimmt, in ein Fahnenmeer getaucht und durch den Glanz der Sonne noch verschönt, war bereit, seine hohen Gäste, an deren Spitze den Ministerpräsidenten Dr. Altmeier, zum festlichen Staatsakt zu begrüßen.

Der Hauptfesttag begann mit einem feierlichen Hochamt in der Stiftskirche und einem feierlichen Gottesdienst in der evangelischen Kirche. Dechant und Geistlicher Rat Wirth hielt das levitierte Hochamt und die Festpredigt, in der er u.a. die Beziehungen des Stiftes und der Stiftskirche zur Stadt herausstellte und einging auf die Liebe zu Gott und den Nächsten als höchstes Gottesgebot, das für Staatsmänner und Bürger Grundsatz und Richtschnur ihres Tun und Handelns sein müsse. Am frühen Morgen schon waren die Kyllburger Fanfarenbläser zum Weckruf, der Musikverein Kyllburg zum Choral angetreten. Um 11 Uhr begann in den gepflegten und festlich geschmückten Räumen des Kurhotels „Eifeler Hof“ der Festakt. Ministerpräsident Dr. Altmeier traf pünktlich ein, geleitet von Regierungspräsident Staatssekretär Dr. Steinlein und Landrat Schubach aus Bitburg, nachdem diese bereits dem Hochamt in der Stiftskirche beigewohnt hatten. Den Bischof von Trier vertrat Generalvikar Dr. Weins, selbst geborener Kyllburger; außerdem wurde Abt Dr. Vitus Recke von Himmerod als Ehrengast begrüßt. Von Trier waren die Präsidenten der Bundesbahndirektion und der Oberpostdirektion, Grimm und Dr. Simon, gekommen, ferner die Abgeordneten Richarts und Billen sowie die Landrate von Wittlich und Prüm. Kyllburg hatte aus seiner Bürgerschaft besonders das Alter und die Jugend in den Festsaal geholt, der von einer festlich gestimmten Menge dicht gefüllt war. Die Mehrzahl der Bürger mußte die festliche Stunde draußen erleben; Lautsprecher übertrugen die Feier in die Stadt. Amtsbürgermeister Föst begrüßte die Festversammlung und nannte zwei Daten der Kyllburger Geschichte, den 25. Mai 1839, an dem die Kyllburger ein Immediatgesuch an den deutschen Kronprinzen richteten, und den 10. März 1730, als Erzbischof und Kurfürst Franz Georg von Trier die Stadt besuchte. Mit diesen Kyllburger Daten zeigte er auf, wie es einst gewesen und wie es heute abermals sei. „Wieder“, so sagte er, „haben wir wie einstens das Staatsoberhaupt unter uns, den Vater bei den Kindern“. Im Gefühl tiefster Dankbarkeit begrüßte er den Ministerpräsidenten mit herzlichem Willkomm.

Nunmehr nahm Ministerpräsident Dr. Altmeier das Wort. Er sagte u.a.: „Es ist nicht überall so, daß es eine Gemeinde vermag, 700 Jahre Geschichte in dem Bewußtsein ihrer Bürger lebendig zu halten, so lebendig, daß sie auch noch heute die Kraft zur Gestaltung verleiht. Über vieles, was dem Historiker und dem Forscher bedeutsam erscheint, geht der Flug der Zeit hinweg, der, rastlos vorwärts drängend nur das schätzt, was meßbare Quantität, ausmünzbaren Gewinn und sichtbaren Fortschritt bedeutet. Hier aber ist zu spüren, daß erlebte Geschichte auch heute noch das öffentliche Leben zu gestalten vermag. Es wäre sinnlos von einem Brückenschlag über Hunderte von Jahren in die Vergangenheit zu sprechen, wenn nicht das Bewußtsein der Kontinuität vorhanden wäre, und diese ganze Feierstunde wäre verfehlt, wenn sich die Bürger von Kyllburg heute nicht ganz bewußt und lebendig als die Nachfahren jener Menschen fühlen würden, die durch Jahrhunderte hindurch das Kyllburger Gemeinwesen getragen, mit echtem Leben erfüllt und die Voraussetzungen für das heutige Wachstum geschaffen hätten. Für dieses Wachsen in der Stille haben die Menschen unserer Zeit leider nicht allzu viel Verständnis. In ihrer Hast reißen sie sich selber aus dem heimatlichen Boden los und verlieren damit die Wurzeln ihrer Kraft. Alle Welt beklagt die Vermassung der Menschen, die Vereinsamung des einzelnen, die Lebensangst und die Existenznot angesichts einer weitgehenden technisch bestimmten Ausweitung der Daseinsgrenzen, wer soll hier helfen? Wer kann die Angst von den Menschen hinwegnehmen? Die beste und am besten durchdachte Gesetzgebung vermag keine ausreichende Sicherheit zu geben. Sicherheit ist nur dort, wo sich der einzelne noch eingebettet weiß in die natürliche Ordnung, in die natürlichen Lebenskreis der von Gott gewollten Gemeinschaften, die die Urzellen aller staatlichen und überstaatlichen Ordnung darstellen. Es ist eine von politischer Verantwortung und christlicher Überzeugung erfüllte Sorge, die auch in dieser festlichen Stunde ausgesprochen werden kann, weil ich weiß, daß hier der Sinn für die natürliche Ordnung des Lebens in einer reichen geschichtlichen Tradition immer lebendig geblieben ist.“

Dr. Altmeier führte sodann weiter aus: „Ich habe gern in der Festschrift geblättert. Da steht zu lesen, daß Kyllburg im Jahre 1256 mit starken Mauern und Toren befestigt wurde und seitdem – rein äußerlich – das Ansehen einer Stadt gewonnen habe. An dieses Datum knüpft das heutige Jubiläum an. Lassen Sie mich diese Tatsache in etwa symbolisch ausdeuten. Mauern und Zinnen waren im Jahre 1256 nicht nur die Attribute eines städtischen Gemeinwesens, sondern auch ein wirklicher Wall gegen alle Feinde. Heutzutage sind sie zur Verteidigung nutzlos, aber an ihre Stelle müssen die verantwortungsbewußten Gemeindebürger treten, die bereit sind, für ihre Gemeinde zu wirken und für das Schicksal ihres Gemeinwesens allezeit tatkräftig einzustehen. Wenn es gelingt, diese Mauern – diese lebendigen Bürgermauern – um Kyllburg aufzurichten, dann braucht man um die Zukunft nicht bange zu sein; und ich möchte ihnen geradezu als ein Geburtstagsangebinde diese Bürger – diese Bürgen – für die Zukunft von Herzen wünschen. Der Ministerpräsident benutzt den Anlaß auch, um Ausführungen zu aktuellen kommunalpolitischen Fragen zu machen. Von Bedeutung sind seine Ausführungen hinsichtlich der erwarteten Änderung des Artikels 106 des Grundgesetzes: „Sicherlich ist es notwendig, den Gemeinden größere Einnahmequellen zu erschließen, die sie zur Bewältigung ihrer Aufgaben benötigen. Eine gewisse eigene Finanzverwaltung ist das Gegenstück zur kommunalen Selbstverwaltung. Das kann auch von Staats wegen nicht bestritten werden, und ich darf für die Landesregierung hier erklären, daß wir weit davon entfernt sind, diese in der Verfassung verankerten Grundsätze zu mißachten oder zu vernachlässigen. Wir stehen daher auch grundsätzlich der geplanten Änderung und Ergänzung des Artikels 106 des Grundgesetzes positiv gegenüber, und wir haben gar nichts dagegen einzuwenden, daß die Realsteuergarantie zugunsten der Gemeinden im Grundgesetzt verankert wird. Wir sind auch der Aufassung, daß Sicherheitsklauseln die Gemeinden vor der Überlast neuer Aufgaben schützten sollen. Wenn wir schließlich auch die anteilmäßige Beteiligung der Gemeinden – in dem sogenannten Steuerbund – für gerechtfertigt erachten, dann tun wir dies allerdings in der Erwartung, daß sich durch diese Maßnahmen nicht nur die finanziellen Beziehungen zwischen dem Land und seinen Gemeinden auf längere Zeit stabilisieren, sondern daß dadurch vor allem auch die natürliche Schicksalsgemeinschaft nach außen sichtbar wird.“

Unter dem Beifall der Bevölkerung, die aus der ganzen Eitel zusammengeströmt war, gab der Ministerpräsident den Wortlaut der Verleihungsurkunde bekannt. Bürgermeister Klotz dankte dem Ministerpräsidenten und stellte, ebenfalls auf die Geschichte der Stadt eingehend, die Bedeutung der Stadtrechtsverleihung besonders heraus, die die Bürgerschaft von Kyllburg zu Fleiß und Unternehmungsgeist ansporne. Der schöne Festakt war von Vorträgen des Kyllburger Orchesters Enders, des Männerquartetts „Harmonie“ und des Kyllburger Kirchenchores wirkungsvoll umrahmt.

Besondern eindrucksvoll und klangrein wurde in Musik und Gesang das Weihelied „O Schutzgeist alles Schönen“ von Mozart vorgetragen. Renate Meißner sprach einleitend einen Festprolog des Dichters Wolfgang Altendorf, Kyllburg, beschwingt und sprachlich ausgewogen. Jürgen Pütz brachte überzeugend den Dank und die Zuversicht der Kyllburger Jugend zum Ausdruck in Versen, die ihm Hans Beckmann, Kyllburg, gedichtet hatte. Die Feier klang aus mit dem gemeinsamen Gesang der Nationalhymne. Während der Mittagsstunde konzertierte der Musikverein Kyllburg in die Stadt.

Am frühen Nachmittag bewegte sich eine festlich gestimmte Menge durch die Straßen und durch den Kurpark Hahn in das reizvolle Kylltal, wo im warmen Glanz der Sonne auf der Kyllwiese am Fuße des Stiftsberges des Festspiel „Aus Kyllburgs vergangenen Tagen“ aufgeführt wurde.

Den Text des Festspiels schrieb der Eifelmaler Klaus Gerhards in Zusammenarbeit mit dem Verfasser von „Kyllburg einst und jetzt“. Der Leitgedanke des Spiels ist eine Aufwartung und Beglückwünschung Kyllburgs durch die amtsverwandten und benachbarten Gemeinden zur Wiederstadtwerdung, verbunden mit einem Streifzug durch Kyllburgs Geschichte, Ein Herold als Künder der Zeit bringt das Zeitgeschehene nahe, versetzt in vergangene Jahrhunderte und leitet über zu den einzelnen Marktsteinen der Kyllburger Geschichte. Er ruft die Geister herbei und läßt sie in den historischen Gruppen der Mitwirkenden auftreten. Geistliche Herren, Ritter in Eisen, wehrhafte Bürger sollen erweisen, was Kyllburg für eine ruhmreiche Vergangenheit hat. In nachbarlicher Verbundenheit kommen heut alle zur großen Stunde, die früher oft Hader, Fehde und Streit miteinander hatten. So treten dem Zuschauer vor Augen:

Der Erzbischof und Kurfürst von ‚frier, die Äbtissin von St. Thomas, die Ritter von Malberg, Wilsecker, Kayl und Seinsfeld, ein Präfekt der französischen Revolutionsregierung und ein preußischer Landrat, römische und schwedische Reiter, alle schildern ihre Zeit, oft mit Humor und feiner Ironie gewürzt. Das Spiel dauerte etwa eine Stunde; zu ihm waren auch die Ehrengäste aus der Festversammlung erschienen. Eine unübersehbare Menschenmenge hatte das Kylltal und den Hang des Stiftsberges hinauf dicht besetzt. In der idyllischen Lage und im Sonnenglanz war es ein herrliches Spiel.

Nach dem Spiel stellten sich die Gestalten aus Kyllburgs Geschichte zu einem Festzug zusammen, der sich dann durch die von einer dichten Menschenmenge besetzten Straßen Kyllburgs bewegte. Vom Spiel und Festzug waren nicht nur die Kyllburger, sondern auch die zahlreichen Gäste begeistert. Sieben- bis achttausend Zuschauer mögen es gewesen sein. Alles in allem waren es eindrucksvolle und besinnliche Tage, die ein günstiges Echo fanden. Alles verlief reibungslos und harmonisch. Ohne Ausnahme empfand man das Festprogramm als fein abgestimmt; man hörte nur Stimmen, die dem feierlichen Staatsakt, Heimatabend, Festspiel und Festzug uneingeschränkte Anerkennung und einmütige Bewunderung zollten

 

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