Geschichte

Kyllburg – Ein Wanderbild aus der Eifel (1898)

Rheinische Touristenblätter, 1. Jahrgang 1898, Nr. 5, S.5/6, Autor wahrscheinlich Friedrich Kreutz

Das unvergleichliche Kyllburg traf wie die übrigen landschaftlichen Kleinode der mittleren Eifel das wenig aufmunternde Loos, erst ziemlich spät „entdeckt“ zu werden, schier ein Wunder in einer Zeit der „exakten Forschung“ und der „Entdeckerreisen.“ Heute spielt das mit den seltensten Naturreizen geschmückte anmuthige Bergstädtchen als „buen retiro“, als sommerlicher Erholungsort, eine ziemlich bedeutende Rolle, es ist „fashionable“ geworden. Was das besagen will, werden seine biederen Einwohner wohl am besten verstehen, die bei dem verblüffend lebhaften „Saisonverkehr“ sich kaum nach der früheren Einsamkeit, die mehr romantisch als „rentabel“ war, zurücksehnen dürften.

Es ist für die Feder des Schilderers, ein anschauliches Bild der farbenfunkelnden Pracht des Thales zu zeichnen, in welchem auf einem von leuchtendem Hopfengrün umsponnenen Felsen das schmucke Städtchen mit seiner alten Stiftskirche und Burgruine sich malerisch abhebt. Da kommt uns der Dichter Heinrich Freimuth zu Hülfe, der den poetischen Reiz dieses entzückenden Thalgemäldes in seinem stimmungsvollen Gedichte „Kyllburg“ dichterisch eindrucksvoll wiederzugeben versteht, wo er sagt:

Ein grüner Römer stehst du dort, der Labe voll für Aug und Brust.
Draus trink ich eine Fluth mir ein von Dichterrausch und Sängerlust.
In deinen Rosenlauben blüht mir auf ein Bild von Schiras Flur,
Fast bricht dein früchtereicher Strauch vom Segen südlicher Natur.
Es schwelgt mein Blick im Wunderschein, der vor mir fließt von Gold und Grün,
Wenn aufs smaragdne Hopfenfeld die hellen Sonnenlichter sprühn;
Dann träum‘ ich mich ins grüne Kent, wo sie des Hopfens Perle baun’n,
Mit grünumschlung’nem Hut und Stab als frohen Wand’rer mich zu schaun.

Unten an der festen Kyllbrücke, unter welcher das Flüßchen, das einen gewissen „klassischen“ Ruf besitzt, da bereits Ausonius in seiner „Mosella“ desselben rühmend Erwähnung thut, mit krystallklarem Gefunkel lustig dahin flutet, haben unseren Blicken lange die sich hier bietende Schau gegönnt, denn der kühne Aufbau des von hohen Bergwerken eingeschlossenen Städtchens läßt sich in seiner pittoresken Eigenart von hier aus am besten übersehen. Poetisch angeregt, steigen wir den Kyllberg hinan, auf dessen Plateau die beiden hervorragendsten Sehenswürdigkeiten Kyllburgs in malerischer Umgebung benachbart sich erheben, die schöne, architektonisch interessante Stiftskirche und die altersgraue Burgruine. Beide Bauwerke entstammen demselben Jahrhundert, aber während die Mauern der Burg längst grünumwuchert zu Boden liegen, steht der ehrwürdige Tempel Gottes noch in seiner einfachen Schönheit auf grünumkleideten Felsen da, eine weitschauende Warte des Glaubens, und es ist, als ob der Geist des Friedens, der den alten Bau umweht, ihm ein unvergängliches Dasein verbürge. Wenn in lauer Sommernacht der Mond die ruhenden Gefilde mit seinem Silberlichte tränkt, wenn im kühlen Thalgrunde das Flüßchen so seltsam rauscht, daß die kleinen Elfen davon in übermüthiger Tanzlust verlockt werden, dann erwacht der alte Schloßturm aus seinem Zauberschlaf und erzählt und Dinge aus einer fernen Zeit des Haders und der Willkür, welche die Berge mit Schlössern bepanzerte, oft, um den Thälern den Frieden zu sichern.

Es war in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, als auf dem nahen Schlosse Malberg, einem Lehen des Trierer Erzstiftes ein Ritter Rudolf von Malberg lebte, der mit besonderem Eifer nichte allein die Nonnen des Klosters St. Thomas an der Kyll auf alle Weise belästigte und ihnen ihre Güter zu entreißen suchte, sondern auch häufig räuberische Einfälle in das Gebiet des Erzstiftes machte. Diese wegelagerischen Gelüste des ritterlichen Herrn zwangen den damaligen Erzbischof Theoderich, auf ein wirksames Schutzmittel zu sinnen, und er kam zu dem Entschlusse, zu Kyllburg auf hohem Felsen eine feste Burg zu errichten, welche den freventlichen Liebhabereien Rudolfs einen Damm entgegensetzen sollte. Im Jahre 1229 begann man mit dem Bau der Veste, und nach ihrer Vollendung erwählte Theoderich mehrere Adelige zu ihrer Vertheidigung, denen er sogenannte Burglehne gab. Ein solches Lehn und zwar Satzlehn (welches den Betreffenden verpflichtet, auf der Burg selbst zu wohnen oder aber einen geeigneten Stellvertreter zu stellen) erhielt auch Graf Heinrich II. von Luxemburg gleich nach der Gründung des Schlosses für sich und seine Nachfolger mit der Verpflichtung, einen „treuen Ritter“ nach Kyllburg zu senden, der dort wohnen müsse, um zur Vertheidigung der Burg stets bereit zu sein. Psychologisch interessant ist es, auf welche Weise jener Rudolf von Malberg zur Kenntnis seines Frevels gelangte, wie er, um mit Schannat zu reden, aus einem Wolf in ein Lamm verwandelt wurde. Die Annalen erzählen nämlich, daß die Nonnen von St. Thomas während der Verbannung in Trier täglich in Prozession zum Dome wallten und alldort das Hochamt mit herrlichen Gesängen begleiteten. Einst habe auch jener Ritter einer solchen feierlichen Messe beigewohnt, und während derselben sei er von dem rührenden Gesang der Nonnen dermaßen erschüttert worden, daß er als aufrichtig Bereuender die Kirche verlassen und dem Kloster allsofort alles geraubte Gut zurückerstattet habe. Dauernd blieb er von da ab Wohlthäter des Klosters, und als er auf dem Sterbebette lag, bestimmte er, daß seine Ruhestätte außerhalb der Kirche sein sollte, weil er sich für unwürdig hielt, an dem Orte begraben zu werden, dessen Rechte er so schnöde verletzt hatte.

Der Nachfolger Theoderichs, Erzbischof Heinrich von Vinstingen, gab der Veste zu Kyllburg bald einen Genossen in der Gestalt einer schönen Kirche, welche er der Jungfrau Maria widmete. Im Jahre 1276 gründete er neben dieser ein Kollegiatstift für 10 Kanoniker und einen Dekan, wie er auch für reichliche Einkünfte Sorge trug, die allerdings nicht immer auf derselben verlockenden Höhe blieben, wenngleich, wie verbürgte Nachrichten bezeugen, die Entsagungskraft der Herren Canonici nicht allzu oft auf die Probe gestellt worden ist.

Die Entstehungsgeschichte des Ortes gleicht im Großen und Ganzen derjenigen aller übrigen Burgflecken. Um die Burg herum siedelten sich nach und nach kleine Leute an und im 13. Jahrhundert hatte sich die Ansiedlung bereits zu einem stattlichen Flecken ausgewachsen, den Erzbischof Arnold II. mit Mauern und Thürmen umgab, und der in Folge seines zunehmenden Alters im Jahre 1589 durch Erzbischof Johann VII., Grafen von Schönborn, Stadtrechte erhielt.

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