Heimatkalender

Kneippkurort Kyllburg

Heimatkalender 1960 | S.61-65 | Von Karl Schuster

„Ferien in Feld, Wiese und Wald“, so könnte man den Erholungsaufenthalt in der Eifel bezeichnen. Mit der Unberührtheit ihrer Natur und charakteristischen Landschaftsbildern, ist die Eifel heute ein beliebtes und vielbesuchtes Erholungsgebiet. Das Reisen, einst ein Vorrecht der Besitzenden, ist in unseren Tagen auch dem werktätigen Menschen zur Selbstverständlichkeit geworden.

Das reichgegliederte Eifelland mit seinen zahlreichen, zur Mosel hin eilenden Bächen und Flüssen, vermittelt dem Reisenden anmutige und reizvolle Landschaftsbilder: Buchen-, Eichen-, Fichten-, Tannen- und Lärchenwälder, Wiesentäler und Höhen sowie fruchtbare Äcker. Dazwischen stehen die Dörfer und kleinen Städte, in denen Häuser, Kirchen, Klöster, Burgen und Schlösser an vergangene Jahrhunderte erinnern. Kein Berg fällt aus der Rolle, (höchster Berg die Hohe Acht mit 746m), kein Tal will eine Schlucht sein. Dem landschaftlichen Charakter der Eifel kommt es zugute, daß sie so mannigfaltige und verschiedenartige Formen aufweist, wie kaum ein anderes Gebirge. Und gerade das gibt der Eifel eine eigene und seltene landschaftliche Schönheit. Auch die klimatischen Verhältnisse sind durchaus günstig.

Manche von uns werden sich noch der Zeit erinnern, wo man die Eifel nur mit einem gewissen Frösteln nennen hörte, oder man wußte, daß irgendwo im Westen Deutschlands eine Landschaft lag, .von der viele nicht einmal den Namen kannten. Erst mit Inbetriebnahme der Eisenbahnlinie Köln Trier im Jahre 1871, hat die Eifel einen Verkehrs- und gleichzeitig wirtschaftlichen Aufschwung erfahren.

Zur Förderung der wirtschaftlichen Verhältnisse wurden‘ in der Vergangenheit vielseitige Bestrebungen unternommen mit mehr oder weniger positiven Erfolgen.

Das eigene Rohmaterial ist nicht ausreichend oder überhaupt nicht vorhanden, die Anfuhr fremder Rohstoffe zu kostspielig und der Weg zum Absatzgebiet zu weit.

So bestimmt die abseitige Lage auch heute noch das Schicksal der Eifel. Aber dieses Schicksal bedeutet nicht mehr allein Ungunst. Gerade die Stille der Natur, die reine Luft, der Frieden der Landschaft und der Reichtum an Wäldern locken heute die gehetzten Menschen der. Großstädte und Industriezentren in die Eifel, wo sie Entspannung und Erholung finden. Immer stärker stellt sich die Eifelbevölkerung auf Fremdenverkehr ein.

Unter den vielen Kurorten der Eifel nimmt die kleine idyllische Kurstadt Kyllburg von jeher eine hervorragende Stellung ein. Inmitten der landschaftlich schönsten Teile des Kylltales und des reichen Kranzes herrlicher Berge und Wälder mit ausgedehnten Wiesen, Garten- und Parkanlagen, wird die Stadt von dem wildromantischen Kyllfluß umflossen.

Ein besonderes Naturgeschenk ist der Naturpark „Hahn“, ein 14 ha großer Laub- und Nadelwald am Stadtrand, mit seinen Promenadenwegen. Fern vom Verkehrslärm, findet der Erholungsuchende in der frischen, staub- und raucharmen, ozonreichen Gebirgsluft, in den großen, prachtvollen Buchen- und Tannenwäldern, einen angenehmen Aufenthalt.

Die wirklich günstige Klimalage der Kurstadt mit 300 bis 360 m NN ist gegeben:

  1. durch den Schutz, den die die Stadt überragenden Höhenzüge bieten,
  2. durch den die Stadt fast ganz umschließenden Wassergürtel der Kyll, wodurch nicht nur eine Milderung und ein Ausgleich der Temperaturen erreicht, sondern gleichzeitig auch ständig eine gewisse Frische der Luft erzeugt wird,
  3. durch die Lage der Stadt auf einem Höhenrücken, der das Kylltal so hoch überragt, daß die Talnebel der Kyll das Stadtzentrum selten erreichen,
  4. durch die Lage der Stadt am Südhang der Eifel.

Die, Römer wußten bereits das malerische, idyllische und romantische Fleckchen Erde zu schätzen. Daß auch im Mittelalter die Stadt Kyllburg besonderen Wert auf Fremdenbesuch legte, läßt sich urkundlich nachweisen mit dem Hochgerichtsschöffenweistum zu Kyllburg Grimm, Weistümer VI. S. 573, Stadtarchiv Trier –, veröffentlicht von Karl Föst in seinem Buch „Kyllburg einst und jetzt“. Das Weistum besagte, daß der Müller (später Kurtrierische Mühle, heute Kyllburger Mühle N. Zahnen & Sohn), zuerst dem „Herrn“ mahlen mußte. Nach dem Burgherrn waren die Wirte mit Brot zu beliefern, um die Fremden versorgen zu können, dann erst die Burgleute und Bürger. Daß die Wirte im Mittelalter sogar Vorrang vor den meist adeligen Burgmännern, den sonstigen Burgleuten und Bürgern hatten, beweist die bevorzugte Lebensmittelversorgung für den Fremdenverkehr.

Im Jahre 1890 wurde in Kyllburg das Kurhotel Eifeler Hof gebaut, das vor dem zweiten Weltkrieg 130 Zimmer mit 200 Betten hatte. Heute, nach teilweiser Beseitigung der erlittenen Kriegs- und Besatzungsschäden, verfügt es wieder über 70 Betten. Diese Bettenzahl wird weiterhin erhöht. Mit gutem Recht darf sich das Hotel als größtes und vornehmstes Etablissement der Eifel bezeichnen. Das Hotel verfügt über große Speisesäle, hübschen Wintergarten, große Veranden und Terrassen, große Gesellschaftssäle und Restaurationsräume. Es hat über die Grenzen Deutschlands hinaus besten Ruf und Klang und bestimmt das Kyllburger Fremdenverkehrsleben. Seit der Erbauung ist es Familienbesitz der aufs engste mit dem Kyllburger Wirtschaftsleben verbundenen Familie Schulte.

Frau Witwe Josef Schulte hat im Jahre 1955 eines der modernsten Kneippbäder mit finnischer Sauna eingebaut, in dem sämtliche Behandlungen nach Kneipp in freundlich gekachelten Stationen, unter ständiger fachärztlicher Leitung, möglich sind. Diese Einrichtung hat einen separaten Eingang und ist auch allen übrigen Gästen und Freunden der Stadt zugänglich, so daß auch ambulante Kuren möglich sind.

Wenn Frau Schulte sich entschlossen hat, ab 1. Juni 1959 das Kneipp-Kurhotel zur weiteren Erhaltung seiner Zweckbestimmung von Heilig-Geist-Schwestern e.V. in Mammolshain (Taunus) leiten zu lassen, so hat sie damit eine soziale Tat vollbracht, die sich erfolgreich auswirken wird auf alle Menschen, die in diesem Haus und der Kyllburger Waldeifel Ruhe, Gesundung und Erholung suchen, und nicht zuletzt auf das gesamte Wirtschaftsleben der Stadt.

Möge das neue Arbeitsfeld der Heilig-Geist-Schwestern recht vielen Gesundheit und Kraft wiedergeben und damit die Freude am Leben. Mit Nachdruck wird die Schwesterngemeinschaft das von Frau Schulte begonnene Werk der Kriegs- und Besatzungsschädenbeseitigung und gleichzeitigen Modernisierung fortsetzen und den guten Ruf des größten und vornehmsten Hotels der Eifel weitertragen.

Mit ihren 12 Hotels, Gaststätten und Pensionen bietet die kleine Stadt den Besuchern die Vorzüge und Annehmlichkeiten des Landaufenthaltes, zugleich aber auch die Bequemlichkeiten der Stadt.

Entsprechend den Begriffsbestimmungen für Kurorte, Erholungsorte und Heilbrunnen, war die Stadt Kyllburg bisher anerkannter Luftkurort. Nach den vom Deutschen Bäderverband, vom Bund Deutscher Verkehrsverbände und dem Deutschen Hotel- und Gaststättenverband herausgegebenen Richtlinien, kennt man von alters her in der Medizin natürliche, ortsgebundene Heilmittel des Bodens und des Klimas, aber erst in neuerer Zeit entstand eine wissenschaftliche Balneologie und Klimatologie. Der praktischen Anwendung dieser Wissenschaften, also der Balneotherapie und der Klimatherapie, dienen – im Interesse der Volksgesundheit – die Kurorte, Erholungsorte und Heilbrunnen.

Kurorte und Erholungsorte im Sinne der Begriffsbestimmungen, sind Gebiete, die auf Grund ihrer anerkannten, ortsgebundenen und natürlichen Heilmittel des Bodens und des Klimas, zur Wiederherstellung und Erhaltung der Gesundheit geeignet sind. Zu ihnen gehören Mineralbäder, Seebäder, Kneippkurorte, heilklimatische Kurorte, Luftkurorte und Erholungsorte. Die Heilbrunnen als Heilwasserversandbetriebe, ermöglichen die Anwendung der Heilquellen auch außerhalb des Quellortes.

Die Feststellung und ständige Überwachung der für Kurzwecke getroffenen Einrichtungen und Veranstaltungen, ist sowohl im Interesse der Heilung- und Erholungsuchenden, als auch für die Bäder- und Fremdenverkehrsbetriebe notwendig und erfolgt durch die Gesundheitsämter und Fachausschüsse.

Kneippkurorte sind eingruppiert in

  1. Kneippheilbad und
  2. Kneippkurort.

Für die Artbezeichnung und Anerkennung als „Kneippkurort“ gelten folgende Voraussetzungen:

  1. ein die hydrotherapeutische Kur unterstützendes Klima,
  2. zweckentsprechende Kureinrichtungen, die die kurgemäße Durchführung einer hydrotherapeutischen Kur nach Kneipp gestatten,
  3. vorwiegenden Kurortcharakter,
  4. Feststellung und Bekanntgabe der wissenschaftlich anerkannten Hauptheilanzeigen und Gegenanzeigen (Kontraindikationen),
  5. Feststellung der bioklimatischen Verhältnisse durch den Meteorologischen Dienst (Unterhaltung einer Kurortklimastation).

Die Erkenntnis, daß der Fremdenverkehr für Kyllburg einen der Haupterwerbszweige bedeutet, veranlaßte die Stadt- und Amtsverwaltung, im Zuge der vielseitigen Bemühungen und Werbemaßnahmen zur Förderung des Fremdenverkehrs, am 6. März 1958 den Antrag auf Anerkennung des Kurortes als Kneippkurort zu stellen. Der Landesfachausschuß für die Anerkennung der Bäder und Kurorte in Rheinland-Pfalz, hat am 5. Dezember 1958 beschlossen, diesem Antrag stattzugeben, und dem Kurort Kyllburg zu gestatten, sich als Kneippkurort zu bezeichnen. Die endgültige Anerkennung als Kneippkurort durch die Landesregierung kann erst erfolgen, wenn die Ergebnisse der Messungen der Klimastation von 2 Jahren vorliegen. Auf Grund dieser Meßergebnisse wird ein eingehendes Klimagutachten, das sich mit dem Lokalklima befaßt, vom Wetteramt erstellt und für die staatliche Anerkennung ausgewertet.

Mit dieser Anerkennung hat eine neue Epoche im Kyllburger Fremdenverkehr begonnen. Was aus Pfarrers Kneipp Idee geworden ist, setzt sich immer mehr durch. Das Vermächtnis des Wasserdoktors, von der Schulmedizin für die Herzkranken der Gegenwart ausgewertet, bildet heute das Fundament für mehr als 100 Kneipp-Kurorte und -Heime. Rund 2 Millionen Menschen besuchten im Jahre 1958 Kneipp-Kurorte, -Heime und -Vorträge.

Eine Kurortklimastation wurde eingerichtet und in Betrieb genommen. Innerhalb der Annenberg-Promenade mit herrlichem Blick auf die Kurstadt Kyllburg, den Fremdenverkehrsort Malberg und ins romantische Kylltal, wurde eine Wasserquelle gefaßt und ein Wassertretbecken errichtet. Die vorhandenen weiteren Kuranlagen, Promenaden- oder Wanderwege wurden erneuert oder verbessert, über 200 Ruhebänke sind aufgestellt, 2 große Liegewiesen wurden zwischen Kyllufer und Waldesrand hergerichtet, oberhalb der Stadt, in reizvoller Landschaft, Badegelegenheit in der Kyll geschaffen und die erneuerungsbedürftigen Ortsstraßen aus Sandsteinpflaster haben einen Teerteppichbelag erhalten.

Bereits im Jahre 1958 setzte eine erfreuliche Steigerung des Fremdenverkehrs ein. Dank der wohlwollenden Unterstützung durch den Stadtrat und des guten Willens der Gastronomie, ist es in gemeinsamer Arbeit gelungen, im Jahre 1958 den Fremdenverkehr gegenüber dem Vorjahr um 43 Prozent zu steigern. Das Jahr 1959 zeigt eine weitere Entwicklung des Fremdenverkehrs.

Außer den 163 Fremdenbetten in Hotels, Gaststätten und Pensionen, wurden 82 Betten in Privathäusern erschlossen, um der großen Nachfrage nach Unterkünften zum mindestens annähernd gerecht zu werden.

Da diese gesteigerte Bettenkapazität in der Hauptsaison den Bedarf der Nachfrage bei weitem nicht decken konnte, ist die Ausweitung der Aufnahmemöglichkeiten eine notwendige Zukunftsaufgabe.

So ist die Kurstadt Kyllburg auf dem besten Wege, ihre alte Tradition fortzusetzen, das eigene Wirtschaftsleben zu heben und der Menschheit das Tor zur Gesundung und Erholung zu öffnen, in einem Fleckchen Erde, das rühmt des Ewigen Ehre.

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