Chronik 1200 Jahre Kyllburg

Im Zwinger der Kyllburg

(Eine Geschichte mit historischem Hintergrund von Hauptlehrer H. Gueth ,1925)

Kurfürst Balduin war nach 46 jähriger Regierung gestorben (21. Januar 1354). Mit großem Pomp wurde er im Beisein seines Großneffen, König Karls, und der Großen des Reiches in seiner Domkirche zu Trier beigesetzt.

Da atmete der gefürchtete Raubadel der Eifel erleichtert auf. Schwer hatte ihm die eiserne Faust des „Löwen“, von dem die Limburger Chronik sagt, daß er „ein kleiner Mann, tat doch große Thaten oder Werck“, im Nacken gelegen. Von dem Nachfolger Balduins, dem Kurfürsten Boemund (II.) von Saarbrücken-Ettendorf, glaubten die rauf- und raublustigen Herren nichts befürchten zu müssen. Sagte man doch von Boemund, daß er ein alter, müder, friedliebender Herr sei. Was scherte es die Schnapphähne, daß Boemund mit den Kurfürsten Wilhelm von Köln und Gerlach von Mainz einen zehnjährigen Landfrieden geschlossen hatte, um alle Fehden in den Erzstiften zu unterdrücken! Sie verlachten und verspotteten die friedlichen Absichten des Kurfürsten, und schon im Spätherbst des Jahres 1355 versammelten sich die schlimmsten Feinde des Erzstiftes Trier auf der Burg zu Schönecken, um sich zu einem Angriff auf das Erzstift zu verbünden. Der Burgherr, Gerhard von Schoenecken, war von je der schärfste Widersacher Balduins und seines Hauses. Hatten doch seine Mannen die Kühnheit, inmitten der Hauptstadt des Erzstiftes die Leute König Karls, die auf einem Zuge nach Frankreich begriffen waren, aufzugreifen und als Gefangene nach seiner Burg Liesheim zu schleppen. Balduin hatte dafür diese Burg Gerhards berennen und brechen lassen. Dafür sollte das Erzstift jetzt büßen!

Auch die Wildgrafen von Daun ritten grimmig mit zahlreichen Reisigen in die Burg Schoenecken ein. Balduin hatte den Johann Von Daun geworfen und die Burg Daun schleifen lassen. Dafür wollten die Brüder sengend und brennend ins Erzstift einfallen. Der mächtige Graf Arnold von Blankenheim kam ebenfalls von seiner nahen Burg Gerolstein herüber. Auch diese Burg hatte Balduin belagert und hätte sie sicher zerstört, wenn nicht der Kurfürst Wilhelm von Köln eine Sühne vermittelt hätte. Diese war aber von dem gewalttätigen Blankenheimer gebrochen worden, als er den von ihm um 2000 Gulden gebrandschatzten Peter Sarrasin ermordete. Dafür hatte ihn Balduin in die Acht erklärt. Der Blankenheimer wollte sich dafür an den Kurfürstlichen blutig rächen.

Noch manch anderer Raubgeselle ritt schwer gewappnet in die Burg ein, von den Rittern und Knechten mit lautem „Hallo“ begrüßt. Hei! war das ein Leben und Treiben in dem weitläufigen Raubnest! Am wüstesten aber ging es in dem großen, schwarz geräucherten Bankettsaal zu. Hier hatten sich’s die ritterbürtigen Herren bequem gemacht. Das schwere Zeug war abgelegt, und in bequemen Wämsern saßen die Ritter am schweren Eichentisch. Mächtige Humpen und Zinnkrüge mit goldenem Wein wurden geschwungen, und gar oft sauste eine Eisenfaust auf die Tischbohlen mit gar schrecklichen Verwünschungen und Drohungen. – Armes Erzstift Trier! Wie wäre es dir ergangen, wenn sich alles erfüllt hätte, was hier trunkene Zungen und haßerfüllte Rachgier dir zugeschworen!

Am mächtigen, offenen Kamin, in dem dicke Buchenklötze lustig brannten, saßen Gerhard von Schoenecken und Rudolf von Blankenheim in ernster Zwiesprache. Sie berieten den Angriffsplan auf das Erzstift Trier. Zeit und Umstände dünkten ihnen wohl recht günstig; denn es war ihnen bekannt geworden, daß Kurfürst Boemund von Trier gerade mit großem Gefolge nach Nürnberg geritten sei, wo Karl IV., der am 5. April 1355 in Rom zum deutschen Kaiser gekrönt worden war, seinen ersten Reichstag abhielt. Mithin waren viele der tapfersten Ritter des Kurfürsten fern. Bald war man sich einig, daß die erste Unternehmung gegen die nördliche Grenzfeste des Erzstiftes gerichtet sein sollte. Die Feste Kyllburg mußte fallen! Dann war das Tor offen zum verheerenden Einfall ins Erzstift Trier.

Gerhard von Schönecken hatte auch noch einen besonderen Spahn mit dem kurtrierischen Burgmann der Feste Kyllburg, dem tapferen Grafen Johann Von Luxemburg, auszufechten, weil dieser sich besonders bei der Berennung der Burg Liesheim ausgezeichnet hatte. Das sollte ihm heimgezahlt werden. Also wurde den Rittern und Raubgesellen verkündet: „Wir reiten zuerst gegen Kyllburg! Kein Stein darf von dem Nest auf dem anderen bleiben!“ Um die Raublust der Genossen aufzustacheln, fügte der Blankenheimer spöttisch hinzu: „Mir deucht, daß die frommen Stiftsherren in Kyllburg wohl manch Goldfüchslein in der Truhe und gar manch Tönnlein edlen Wein im Keller haben.“ Mit tobender Freude wurde der Plan aufgenommen und auf gutes Gelingen der Unternehmung manch schwerer Humpen geleert.

Nach wenigen Tagen waren alle Vorbereitungen getroffen. Alles Sturmgerät war zur Stelle und jede Einzelheit der Berennung der Feste Kyllburg festgelegt. In einzelnen Trupps verließen die Raubgesellen das gastliche Raubnest, um sich erst wieder im Walde zwischen Kyllburg und Kloster St. Thomas zu vereinigen. Wenn möglich, sollte die Feste überrumpelt werden. Dann hoffte man, leichte Arbeit zu haben. Aber das Treiben der Raubritter war nicht unbemerkt geblieben und man war überall auf der Hut. Auch Kyllburg war gerüstet, die Feinde gebührend zu empfangen. Alle Lehnsleute waren mit Wehr und Waffen eingerückt und besetzten mit den Bürgern die Mauern und Wehrgänge. Den Tor- und Turmwächtern war höchste Wachsamkeit anbefohlen.

An einem kalten Dezembertage des Jahres 1355 begann der Waffentanz. Noch braute dichter Nebel im verschneiten Kylltale, als die Kämpfer von allen Seiten lautlos heranrückten.

Der Hauptangriff richtete sich im Osten der Feste gegen die Stelle, wo die Burg sich an die innere Ringmauer anlehnte. Hier wollten auch Gerhard von Schoenecken und Arnold von Blankenheim kämpfen. Sie hofften, im ersten ungestümen Anlauf die Burg zu nehmen. Dann war die ganze Feste verloren. Vom hohen Bergfried war aber die Absicht der Angreifer erkannt worden, und der tapfere Burgmann, Graf Johann Von Luxemburg, hatte seine Maßnahmen getroffen. Er hielt im Burghofe seine besten Mannen bereit und ließ es ruhig geschehen, daß die Schönecker und Blankenheimer die äußere Mauer auf Sturmleitern überstiegen und im jäh ansteigenden Zwinger auf die Burg anstürmten.

Da, – ein schmetternder Trompetenstoß! – Weit auf flog die Mühlenpforte. Im Augenblick stürmte die erlesene Schar der Kyllburger Mannen kampfesmutig hinaus, an der Spitze der tapfere Graf Johann Von Luxemburg. Die Feinde stutzten über den gänzlich unerwarteten Ausfall. Es entstand ein wütendes Ringen. Die überraschten Feinde wurden geworfen und wandten sich zur Flucht. Einigen, auch dem Arnold von Blankenheim, gelang es, sich über die äußere Mauer zu retten, aber die meisten wurden von den erbitterten Kyllburgern niedergehauen. Johann Von Luxemburg hatte sich gleich dem tapfern Gerhard von Schoenecken entgegengestürzt und es entspann sich ein furchtbarer Zweikampf. Es waren ebenbürtige Gegner. Der Zwinger erdröhnte unter den Schwertstreichen der beiden stahlgepanzerten Ritter. Schon bluteten beide aus mehreren Wunden, als ein scharfer Hieb den Schoenecker zwischen Halsberg und Harnisch traf. Sterbend sank er zu Boden. Der Zwinger war von den Feinden gesäubert. Hier und auch an den anderen Angriffsstellen war der Angriff blutig abgeschlagen und ein schweres Schicksal von der Feste Kyllburg abgewendet. Die Raubritter wagten es nie mehr, Kyllburg anzugreifen.

Einige Jahre später, am 4. April 1360, nahm der kränkliche Kurfürst Boemund sich als Koadjutor den tapfern Kuno von Falkenstein, von dem es in den „Gesten“ heißt, daß er wie ein brüllender Löwe zugleich mit dem Herzog Wenzel von Luxemburg sich auf die Feinde des Erzstiftes stürzte und sie zu Paaren trieb.

Boemund verzichtete zugunsten seines Koadjutors auf den Kurhut (1362) und Kuno von Falkenstein wurde Kurfürst von Trier. Unter seiner kräftigen Hand kehrte bald Sicherheit und Ruhe im Erzstift ein. In dieser glücklichen Zeit nahm Kyllburg einen erfreulichen Aufschwung.

Der blutige Kampf im Zwinger der Kyllburg aber lebt noch heute in den Kyllburger Sagen fort. Der Kampfplatz heißt im Volksmunde „Zwängel“, und wer durch das noch erhaltene historische Mühlenpförtchen an der „Schönen Aussicht“ zum „Hahn“ geht, durchschreitet die Stätte, wo vor 570 Jahren blutig gekämpft wurde für Heimat und Landesfürst.“

1388 verzichtet Kuno von Falkenstein, mit Zustimmung von Papst Urban VI., zugunsten seines Großneffen Werner von Falkenstein auf das Amt des Erzbischof.

1419 weist der Nachfolger Werner v. Falkensteins, Erzbischof Otto von Ziegenhain alle Juden aus dem Ezstift aus.

1430: Wegen der Doppelwahl von Jakob v. Sierck und Ulrich v. Manderscheid durch das Trierer Domkapitel ernennt Papst Martin V. Rhaban von Helmstätt zum Trierer Erzbischof, dies führt zur sog. Manderscheider Fehde (1432-1436).

1439 verzichtet Rhaban auf das Amt des Erzbischofs; Jakob v. Sierck als Koadjutor wird von Papst Eugen IV. zum neuen Erzbischof ernannt. Aus dieser Zeit ist uns nochmals eine Fehde mit Schönecken bekannt.

Johann Hurt von Schönecken beschwerte sich nämlich, dass ihm trotz seiner Verschreibungen das Amt und Pfand auf Schloss und Stadt Kyllburg vom Kurfürsten Jakob I. (1439-1456) abgenommen worden sei. Leonardy schreibt hierzu:

Die Klage des Johann Hurt gegen Erzbischof Jakob scheint nicht ganz unbegründet gewesen zu sein. Der Kurfürst entbot ihm zuerst einen gütlichen Vergleich nach Ehrenbreitstein (19. September 1439) oder Austrag vor Rittern und Räthen, indem er behauptete, Johann Hurt habe gar kein Recht auf Kyllburg und dasselbe auch nicht bewiesen, forderte ihn aber auf, die Verschreibungen, die er besitze, vorzulegen. Hurt antwortete mit einer Schmähschrift, auf welche der Erzbischof erwiderte, er sei bereit, die Sache vor Schiedsrichter zu bringen und so lange, bis diese gesprochen, Kyllburg in neutrale Hände zu stellen (12. Dezember 1440). Johann Hurt scheint keine Lust gehabt zu haben, sich auf gerichtliche Verhandlungen einzulassen, denn er ergriff Repressalien durch Brandschatzungen an erzstiftischem Gut, weswegen ihn Jakob vor Gericht citirt, 4. April 1441. Auf diese Citation antwortete Hurt in einem Briefe, den er zu Mayen in’s Thor steckte. Der Erzbischof bat ihn, Geduld zu haben bis nach Pfingsten, dann werde der Erzbischof von .Köln einen Vergleichstag zu Andernach zwischen ihnen abhalten, 23. April. Erst nach langdauernden Verhandlungen ist die Sache zu einem für den Erzbischof ungünstigen Resultate gekommen, denn am 16. März 1447 verglich sich Jakob mit Johann Hurt wegen seiner Forderungen und Ansprüche dahin, daß er erklärte, dem Hurt 5000 (nach andern Angaben 5500) Gulden zu schulden, und ihm dafür die Städte und Schlösser Manderscheid und Hillesheim amts- und pfandweise verschrieb; diese Pfänder sollten, solange Hurt lebte, nicht ausgelöst werden dürfen. Ruprecht von Virnenburg beredete den Erzbischof, die Auslösung nicht so lange zu verschieben, und zur Entscheidung des dadurch entstandenen Haders traten Jakob, Hurt und Ruprecht zu Bacherach zusammen, kamen aber zu keiner Einigung. Weil nun auch die ferneren Verhandlungen fruchtlos blieben, kündigte der Erzbischof dem Hurt Fehde an, 24. Juni 1452, und am 27. Juni nahmen des ersteren Leute die Schlösser Manderscheid, Castelberg und Hillesheim weg. Hurt begann nun das Erzstift zu verwüsten, scheint sich aber nachher wieder ausgesöhnt zu haben, da Erzbischof Johann Ihm für seine Forderung eine Jahresrente von 275 Gulden verschrieb, 24. October 1458.

 

Leider kann vorerst die Geschichte der Kyllburg ausführlich und zeitlich zusammenhängend nicht dargestellt werden, weil es an Unterlagen fehlt; das Kyllburger Burgarchiv, das der letzte Amtskellner auf seiner Flucht über den Rhein beim Einrücken der Franzosen in den Kurstaat mitgenommen hat, ist in Verlust geraten und leider auch anderes zahlreiches Aktenmaterial verbrannt worden. Es mag sein, daß ein müh- und sorgsames Quellenstudium noch manches über die Burg wird zutage fördern können.

Aus den Regesten (Urkundensammlung) der Erzbischöfe zu Trier von Adam Goerz sei noch entnommen:

1340
war Burgmann zu Kyllburg der Ritter Johann Von Eirdorph (Erdorf)
1341
Ritter Johann Von Brandscheid Amtmann zu Kyllburg
1374
Kanonikus Mathys, Kellner des Erzbischofs zu Kyllburg
1409
wurde Wilhelm von Orwich, genannt Pliecke, mit dem Burglehn zu Kyllburg belehnt,
1413
der Dechant Johann Godeler zu Kyllburg, Kellner daselbst.
1439
über 19 Jahre, bis 1458 lassen Urkunden den Verlauf des Streites zwischen dem Erzbischof Jakob I. und Johann Hurt von Schönecken wegen seiner Forderungen und Ansprüche auf Schloss und Stadt Kyllburg verfolgen.
1470
verpfändet Erzbischof Johann II. (von Baden) dem Domherrn Grafen Bernhard von Solms um 1300 Gulden Schloss und Stadt Kyllburg.
1471
ersucht der Erzbischof die luxemburgischen Statthalter und Räthe, dem Unterprobst zu Arie und Biedburg zu befehlen, die mit Arrest belegten kurfürstlichen Gefälle des Schlosses Kyllburg frei zu geben.
1475
ermahnt der Erzbischof die Burgmänner zu Saarburg, Kyllburg, Welschbillig und Nürburg „wegen der wilden leufften so itzt in den landen sind“, in eigener Person mit Harnisch ihre Burghut zu tun.
1476
wird Eckart Brant von Buchsecke mit dem Kyllburger Burglehen belehnt, das durch den Tod Diedrichs Kriemgins von Bidburg ledig geworden war.
1477
erhält Conrad von Badenheim das Kyllburger Burglehen Eckarts Brant von Buchsecke, nachdem er seine Rechte auf dasselbe nachgewiesen.
1484
gibt Erzbischof und Kurfürst Johann dem Symon Landolf von Biedburg außer den drei Höfen: Reuffsteckenhof zu Elitz, zu Birsdorf und zu Weresdorf noch den Winrichs-Sohns Hof zu Elitz zu einem Kyllburger Burglehen.

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