Heimatkalender

Im Eifelland wo meine Wiege stand

Heimatkalender 1965 | S.96-99 | Von Hans Meyer, Trier

Es sei mir gestattet, an dieser Stelle einmal eine kleine heimat- und kulturgeschichtliche Wanderfahrt, und zwar per pedes apostolorum, von der Stiftskirche in Kyllburg bis nach Kyllburgweiler zu schildern. Daß beim Schreiben der folgenden Zeilen die Erinnerung lebendig wird, dürfte verständlich sein. Und so steigen dann auch liebe, vertraute Gestalten auf, die längst der grüne Rasen deckt, die einst mit all ihren Freuden, Sorgen und Leiden auf diesen Wegen und stillen Pfaden gewandert sind. Heimat! Ja, was ist doch in diesem einen Worte alles enthalten. Fürwahr, es sind nicht nur liebgewordene Menschen allein, auch nicht die alten Dorfstraßen, Kirchen und Bauernhöfe, vielmehr sind es oft nur die ganz einsamen Pfade, die aus den Ballungsräumen oder gar aus dem dörflichen Bereich hinaus ins Weite führen, zu den Wäldern, Äckern und blumenübersäten Wiesen mit ihrer reichen und vielfältigen Tierwelt. So mag denn die Wanderung von der Stiftskirche aus beginnen:

Ein sonnenüberfluteter, azurblauer Himmel liegt über dem hochsommerlichmittagsstillen Land, und während die Schwalben und Mauersegler noch pfeilschnell über den Dächern Kyllburgs nach Insekten jagen, haften meine Augen an dem altersgrauen Bau der Stiftskirche, der immer und immer wieder Heimatfreunde und Forscher anlockt, sie anregt und geistig befruchtet, um so mehr, da er ein geradezu klassisches Werk mönchischen Bauwillens des 13. und 14. Jahrhunderts ist. Ihr Grundstein wurde, was den Nordteil der Kirche betrifft, im Jahre 1276 unter Erzbischof Heinrich II. von Trier gelegt, und ihre Fertigstellung erfolgte später, in der ersten Hälfte des l4. Jahrhunderts. Es ist nicht zu leugnen, die Zisterzienser schufen hier, wie anderwärts einen ausgesprochen typisch mönchischen Baustil und entwickelten in der gewollten Beschränkung der Mittel eine Gestaltungskraft, die aus der Schlichtheit besondere Schönheitswerte herauszuholen vermochte. Da sie jeden überflüssigen und schmückenden Reichtum vermieden, sahen sie um so mehr auf Klarheit der Linienführung, deutlichste Ausprägung des Einzelnen und Übersichtlichkeit des Ganzen. So entstand denn auch hier in der gotischen Stiftskirche in Kyllburg ein Bauwerk, dessen künstlerischer Gesamteindruck wohlüberlegte, ruhig-bestimmte Zurückhaltung und Festigkeit atmet. Besonders zu erwähnen ist noch das schöne Chorgestühl des 16. Jahrhunderts. – Von hier aus führt mich der Weg nun die Hochstraße hinunter über die neuzeitliche Kyllbrücke bis zum Gasthof „Zur Pinn“. Hier gilt es kurz zu verweilen. Nicht weniger als 120 Jahre wird in diesem Hause Gastwirtschaft betrieben, zudem befand sich, wie die Hauschronik berichtet, noch vor 74 Jahren in demselben zusätzlich eine Nagel- bzw. Pinnenschmiede. Daher auch die Hausbezeichnung „Zur Pinn“. Der letzte in dieser Pinnenschmiede tätige Handwerker war der im Kyllburger Bezirk bekannte Pinnenklaudschen, der 1890 nach Amerika auswanderte und damit als tüchtiger Schmied für immer seiner Eifelheimat verlorenging. Soweit die alte Pinnenschmiede.

Nach kurzer Rast geht es erneut weiter, und zwar diesmal etwa zwanzig Minuten die Oberkailer Straße aufwärts bis zur Abzweigung nach der geschichten- und sagenumwobenen Klopp. Hier steht links am Eingang – wie seit alters her noch – das zirka 1,30 m hohe, ergreifend schlichte Wegkreuz, das frommer Sinn im Jahre 1705 zur Ehre Gottes errichtete. Beim Anblick bzw. Zeichnen des alten Kreuzes drängte sich mir der Gedanke auf, an dieser Stelle eine berechtigte Bitte auszusprechen, und zwar, die alten Wegekreuze und Bildstöcke doch grundsätzlich in ihrer Ursprünglichkeit zu belassen und sie nicht mit Farbe zu überpinseln. Man gestalte dafür um so mehr hie und da ihre Umgebung etwas pietätvoller. Nun gilt es, möglichst schnell die Klopp zu erreichen. Aber was sich hier in den vergangenen achtzehn Jahren vollzog, ist einfach erstaunlich. Kein Wunder auch, gewährt doch der Herrgott als Gärtner hier ein unbegrenztes Wachstum. Und so blieb von dem ehemals so lauschigen, wenn auch etwas beschwerlichen, etwa ein Meter breiten, ausgetretenen Bergpfad nichts mehr übrig als eine grüne Wildnis. Fürwahr, Jahrhunderte benutzten die Landleute von Kyllburgweiler, Seinsfeld und Steinborn denselben bei ihren Einkäufen in Kyllburg. Unser motorisiertes Zeitalter benötigt ihn nicht mehr. Man hat es heute wesentlich bequemer, wenn auch in vielen Fällen für das körperliche Wohl des einen oder anderen weitaus nachteiliger, zu den Geschäfts- und Verkehrszentren zu gelangen. So manche Sage und Geschichte rankt sich denn auch um diesen einst so idyllischen und zugleich geheimnisvollen Bergpfad. Eine der Geschichten vom Kloppemännchen, wie meine Mutter uns erzählte, sei nun im folgenden wiedergegeben. Noch vor hundert Jahren war die Eifel in ihrer herben und oft überwältigenden wilden Schönheit für die meisten der Inbegriff eines armen, unwirtlichen Gebirgslandes, ja sogar des geheimnisvoll Schauerlichen. Es ist doch seither gottlob stetig besser geworden, auch für den Eifelbauern. Und so soll es in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts geschehen sein, daß ein als Spötter und Wilderer Bekannter sich länger als vorgesehen in Kyllburg aufhielt. Es war spät geworden, und auf seinem Heimweg umgab ihn eine sternenklare Dezembernacht. Tiefer Schnee liegt auf den rauhen Waldhöhen. Von den Tannenbäumen prasselt das Eis, und die Füchse bellen heiser durch die Frostnacht, so daß ihr Klagen schauerlich über die Täler und Schluchten dringt. Nur selten setzt ein Wanderer seinen Fuß in diese entlegene Gegend, todeinsam sind die Höhen. Schritt um Schritt stapft Maathes, seine Spur im tiefen Schnee hinterlassend, heimwärts. Die lautlose, fast beängstigende Stille ringsumher wird nur ab und zu von dem langgezogenen Huhu-Huhu einer Eule unterbrochen. Maathes fällt in tiefes Sinnen, seine Gedanken wandern in vergangene Jahrhunderte zurück. Raum und Zeit vergessend, hat er unterdes kurz vor Mitternacht die Klopp bei Kyllburg erreicht. Dunkel und unheimlich wird es nun um ihn her, der Wind kommt auf, heulend peitscht er durch die hohen Baumkronen. Wolkenfetzen huschen jetzt am Mond vorüber. Hecken und Sträucher nehmen im Schnee, vom bleichen Licht des Mondes beschienen, oft seltsame Formen an, die an Fabelwesen erinnern. Ein seltsames Geräusch reißt Maathes urplötzlich aus seiner Gedankenwelt. Mitternacht! Horch! Ein Keuchen und Knirschen wird hörbar. Durch den Schnee gedämpfte Schritte kommen näher, immer näher. Da! Herrgott, hilf! Ein kleines, uraltes Männchen mit flatterndem Mantel um das schrecklich dürre Gebein, den Schlapphut tief ins Gesicht gezogen, wird am Hang sichtbar: Das Kloppemännchen. – Schlotternd vor Angst stiert Maathes, der Spötter und Wilderer, auf das rätselhafte Wesen. Das Blut in seinen Adern droht zu erstarren; verflogen ist der Spott und das Entsetzen treibt ihm kalten Schweiß auf die Stirn. Sinnlos vor Angst folgen seine Augen den Bewegungen der unheimlichen Gestalt, die stumm und langsam auf ihn zuwankt. In seiner höchsten Not fängt Maathes an zu beten, er betet inbrünstig wie in seinen Kindertagen. Und während er zitternd das heilige Kreuzzeichen macht, kommt plötzlich vom Hang her ein schauerliches Stöhnen. Es war 12 Uhr. Gespenstisch wie das Kloppemännchen erschienen, verschwand es in die dunkle Winternacht. In Schweiß gebadet und an allen Gliedern zitternd, setzte Maathes seinen Heimweg fort. Auf der Höhe angelangt, verschnaufte er, um alsdann seine Schritte zu beschleunigen. Zwischen Kyllburgweiler und Steinborn, mutterseelenallein in dem reinen Weiß der endlosen Schneefläche, macht er noch einmal halt. Der Himmel ist inzwischen verhangen, leise, ganz leise, fängt es an zu schneien. Flocken um Flocken tanzen lautlos herab, und ein feines Singen und Klingen liegt in der Luft. Es weihnachtet. In dieser nächtlichen Stunde gibt Maathes seinem Herrgott ein Versprechen, das er auch hielt. Und seit jener Nacht ist er wie umgewandelt, nie wieder trieb er Spott mit dem, was anderen heilig ist und nie wieder faßte er die Wildererflinte an, mit der er so viel Schaden am Wildbestand seiner Heimat angerichtet hatte. Aus dem losen Spötter und Wilderer wurde einer der Besten und Treuesten seines Dorf es. Soweit die Geschichte vom Kloppemännchen. Etwas nachdenklich über unser Jahrhundert, raffe ich jetzt meine wenigen Utensilien zusammen und schlängle mich dann zwischen Ginster, Schlehdorn, Farn und Krüppelwuchs hindurch bis zur ersehnten Höhe. Nachdem ich diese erreicht habe, geht es auf schmalem Wiesenpfad beschleunigt in Richtung Kyllburgweiler.

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