Geschichte

Gute Erinnerung an Kyllburg

Von Wolfgang Altendorf

Im Mai 1955 bezogen wir in Kyllburg ein für unser Begriffe geradezu ideales Haus: die „Villa Krings“ wie es allgemein genannt wurde. Es lag in einem damals sehr weitläufigen, verwilderten Gelände am Hang über der Stadt. Ein aufgelassener Steinbruch befand sich darin, über dessen zerklüfteter Steilwand ein Wasserfall herabstürzte, dann wenn es tüchtig regnete. Alles in allem war es ein Areal, bei dessen Anblick heute jedes „grüne“, umweltfreundliche Herz um einiges höher schlagen würde. Wir kamen nicht einmal von weither, nämlich von Hof Raskop bei Oberkail, was ebenfalls in dieser landschaftlich so reizvollen südlichen Eifel liegt.
Unsere Kinder mußten zur Schule. Von Hof Raskop aus wäre das nur höchst umständlich möglich gewesen.
Kyllburg faszinierte mich schon beim ersten Anblick. In Oppenheim, einer historischen Stadt am Rhein, aufgewachsen, mußte mich das nicht weniger historische Kyllburg beeindrucken. Die kleine Stadt schlug mich alsbald in ihren Bann. Fast vier Jahre lebten wir hier; für unsere Begriffe eine „längere Epoche“. Bisher nämlich, seit Kriegsende, waren wir ein halbes Dutzend mal umgezogen. Diesmal erwiesen wir uns als um einiges seßhafter, und das hatte seine guten Gründe.
Haus und Gelände zeigten sich für die Kinder ideal, auch (wie erwartet) die Schulmöglichkeiten in Kyllburg und Bitburg. Ich selbst fand mich ebenfalls recht wohl bei allem. Meine Reaktionen auf Umgebungen sind stets überempfindlich, was sich wesentlich in meinen schriftstellerischen Arbeiten niederschlägt.

Die Erzählung „Hiob im Weinberg“ bekam in Kyllburg ihren „letzten Schliff“. Sie trug mir die literarische Freundschaft von Theodor Heuss, dem ersten Bundespräsidenten, ein, dessen Doktorarbeit den Weinbau zum Thema hatten (wir lernten ihn in Himmerod kennen). „Katzenholz“ , eine weitere Erzählung wurde hier geschrieben , ebenso die Bühnenstücke „Thomas Adamsohn“ und „Das Dunkel“ , beide in Berlin uraufgeführt und mit dem „Gerhart-Hauptmann-Preis“ bedacht. Ich fuhr von Kyllburg nach Frankfurt und flog von dort nach Berlin. Meine Familie verfolgte die Zeremonie vor dem Bildschirm, was insofern schwierig war, als sich der Fernsehempfang in Kyllburg damals höchst kompliziert gestaltete: die Antenne auf der Mariensäule mußte stets so gedreht werden, daß jeder der wenigen Apparatebesitzer in Kyllburg wenigstens hin und wieder einen leidlichen Empfang registrieren konnte.

Sicherlich am beeindruckendsten waren die Begegnungen mit den Kyllburgern selbst. Kleinstädte lassen sich überschauen. Man lernt sich alsbald kennen, in seinen Eigenarten schätzen, nimmt Anteil aneinander. Gerade diese Nähe ist für einen Autor von besonderer Bedeutung. Er benötigt zur Gestaltung Charaktere, und wo er diese „unmittelbar“ aus dem Leben greifen kann, desdo besser für ihn und das, was er schreibt.

Wir waren „unmotorisiert“ zu jener Zeit, benutzten wenn wir unterwegs sein mußten, die „öffentlichen Verkehrsmittel“, den Omnibus , die Bahn. Auch das brachte uns die Umgebung nahe. In Kyllburg entwickelte und beendete ich die Romane „Hauptquartier“ und „Partisanen“. In der „Villa Krings“ kam unsere jüngste Tochter Bärbel zur Welt, und gerade in dieser Nacht im Dezember erwiesen sich Reparaturarbeiten am Wasserleitungsnetz als unerläßlich. Es gab vorübergehend kein Wasser für die höher gelegenen Häuser. Aber da sprangen alle mit ein; selbst der Arzt brachte eine Bierflasche voll Wasser mit zur Entbindung, und so verlief die Geburt ohne Komplikationen. Heute wären Umständlichkeiten dieser Art medizinisch schier undenkbar.

Eine glückliche Zeit alles in allem! Dazu trug natürlich auch die Umgebung bei, die Landschaft mit den Maaren, Manderscheid mit seinen Burgen, das schon erwähnte Kloster Himmerod (ich hatte da einigen Anteil an der Renovierung der Kirche), Trier, Luxemburg. Gute Erinnerungen also, die auch weiter nachwirken. Hin und wieder besuchen wir Kyllburg, nämlich seit Oktober 1958, als wir wieder wegzogen, diesmal in den Schwarzwald nach Freudenstadt, besuchen jene Stadt, „die von der Kyll umarmt wird“, mit dem Naturpark „Hahn“ und vielem, was uns vertraut blieb. Der Kreuzgang bei der Hallenkirche gehört dann ebenso zu unserem Programm, auch der Kirchturm mit den Dohlen, jenen klugen und auch humoristischen Vögel, von denen wir einige Zeit eine gezähmte besaßen. Ihr behagte das große Gelände wohl am meisten. Aber dann wagte sie sich auch auf die Straße hinaus, und obwohl da kaum Verkehr herrschte zur damaligen Zeit, wurde sie dennoch von einem Auto überfahren…
Und natürlich entstanden viele Gedichte in Kyllburg, darunter dieses, unmittelbar unter dem Eindruck seiner historischen Vergangenheit:

DIE ALTE STADT

Die alte Stadt erzählt Geschichten:
vom Krieger, wie er röchelnd stirbt;
den Henker seh ich blutig richten,
wobei er stolz um Beifall wirbt.
Da ist der Kaufmann; wie er schichtet,
was wagenschwer sein Lager füllt.
Und mich seh ich, der Verse dichtet,
weil ihm ein heimlich Blinzeln gilt.

Einen Kommentar verfassen

captcha

Please enter the CAPTCHA text