Geschichte

Gewerbefleiß im Kylltal

Eifel Kalender 1926, S. 78-80, von Heinrich Gueth

Für den Freund kleiner, mittelalterlicher Städtchen bietet es einen besonderen Reiz, gemütlich durch die Gassen und Gäßchen zu schlendern, um hier einen malerischen Winkel, einen einen echten Spitzwegwinkel, und dort ehrwürdige Reminiszenzen aus dem romantischen Mittelalter zu entdecken und zu bewundern. Wer in Kyllburg solche Entdeckungsreisen im Kleinen unternimmt, ist von dem erfolg entzückt. Mancher Stein spricht zu ihm von der früheren Bedeutung Kyllburgs als Hauptort eines kurtrierische Kreises, manches Zunft- und Handwerkszeichen, oft in köstlicher Naivität, zeigt, daß auch das Handwerk hier schon im Mittelalter in hoher Blüte stand. Als Erzbischof Theoderich II 1239 als nördlichste Grenzfeste des Erzbistums die Kyllburg erbaute, wurden die hörigen Arbeiter und Handwerker auf dem „Kiliberge“ angesiedelt. Diese Siedlung umgab Arnold II. mit Mauern, bewehrt durch Turm und Tor. Die Zahl der Handwerker vermehrte sich bedeutend, als Heinrich v. Vinstingen 1276 auf dem Berge ein Kollegiatstift errichtete und die Stiftskirche erbaute. Als Johann VII. dem Orte 1583 die Stadtrechte verlieh. hatten sich die Handwerker längst aus den Fesseln der Hörigkeit befreit. Sah das 12. und 13. Jahrhundert doch schon überall freie Zünfte , die meist aus den hofrechtlichen Innungen hervorgegangen waren. Zu den vornehmen Zünften gehörten auch Die Bauhütten. welche gerade durch ihre Geschlossenheit die großartigsten Bauwerke schufen. Auch auf dem Stifte zu Kyllburg bestand eine Bauhütte, wo des Zirkels Gerechtigkeit gelehrt wurde und aus der manches Meisterwerk der Bau- und Steinmetzkunst hervorging. Der vorzügliche heimische Kyllsandstein lieferte dazu das allerbeste Material.
Noch ein anderes Gewerbe verdankte heimischen Erzeugnissen einen großen Ruf und hat manch Eifelstädtchen betriebsam und reich gemacht: die Lohgerberei. Die Loh- oder Rodehecken der Eifel, gewachsen auf Schiefer- und Sandboden, lieferten eine vorzügliche Lohe mit 13 bis 14 Prozent Gerbstoff, dazu kommt kalkfreies Wasser, und so waren die Vorbedingungen gegeben, ein vorzügliches Leder herzustellen. In fast allen Eifelstädtchen war deshalb die Gerbezunft die reichste und vornehmste.

Malmedy war im Mittelalter berühmt wegen seines Lederhandels, aber auch in Prüm, Hillesheim, Dudeldorf, Kyllburg und vielen anderen Eifelorten waren große Gerbereien. Dabei ist natürlich nicht zu vergessen, daß im Mittelalter Leder und Pelze viel mehr zu Kleidungs- und Rüstzwecken verwendet wurden als heute. Die Eifeler Gerbereien versorgten aber nicht nur die Heimat, sondern schon im Mittelalter fand ein lebhafter Handelsverkehr mit den großen Stapelplätzen, besonders Frankfurt am Main, seltener Leipzig, statt. In den Berichten der Ledermesse zu Frankfurt am Main wird häufig die Güte des Eifeler Sohlleders rühmend erwähnt. Selbst nach Regensburg, wo schon Mitte des 10. Jahrhunderts eine Lederbank bestand, gingen Wagenzüge aus der Eifel, oft mit bewaffnetem Geleit. Die Güte, besonders des Eifelsohlleders, wurde neben der vorzüglichen Lohe und dem sehr geeigneten Wasser erreicht durch solide, alte Geschäftspraxis, von den Vorfahren ererbst. Der Eifeler Gerber kannte nur Grubengerbung. Die Häute werden dreimal geloht oder versetzt und erst nach drei Jahren ist das Leder fertig. Die Erfolge der Eifeler Gerber waren umsomehr zu bewundern, als ihnen lange Jahrhunderte nur Häute von Tieren heimischer Zucht zur Verfügung standen. Das kleine, minderwertige Eifelvieh lieferte nämlich nur geringe Häute, und man mußte die Geschäftstüchtigkeit der Eifeler Gerber bewundern, die trotzdem ein vorzügliches Leder herstellten.

Einen Wendepunkt in der Geschichte der Gerbereien im Trierischen Lande bedeutete es, als im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts die hochangesehene Firma Rautenstrauch in Trier aus Südamerika, hauptsächlich Argentinien, Rohhäute einzuführen begann. Diese schweren Häute wurden zunächst (bis gegen 1869) in getrocknetem und dann in gesalzenem Zustand importiert. Auch die Eifeler Gerbereien kauften diese hochwertigen Häute und stellten nun ein Leder her von einer bisher unerreichten Güte. Ein Hauptabnehmer des Eifeler Sohlleders wurde die Heeresverwaltung, sodaß die Eifeler Lederindustrie während des deutsch-französischen Krieges (1870/71) und auch nachher wieder mächtig aufblühte. Aber auch die Güte der heimischen Häute besserte sich, als einsichtvolle Behörden hochwertiges Vieh in der Eifel einführten, so z.B. der Keis Bitburg Glanvieh und der Kreis Wittlich die Simmenthaler Rasse. Durch diese glückliche Maßnahme wurden nicht bloß die Eifelmärkte bedeutend gehoben, sondern auch den heimischen Gerbern gutes Material geliefert. Mittlerweile war auch einneuer Faktor in die Erscheinung getreten, der wie jeglicher Industrie, auch der Gerberei einen mächtigen Antrieb gab, nämlich die Eisenbahn.

Auch die Eifel bekam bessere und bequemere Einkaufs- und Absatzmöglichkeiten, sodaß der Handel in der Lederindustrie einen ungeahnten Aufschwung nahm. Alte Gerber denken aber auch heute noch gern zurück an die Zeit, da sich der ganze Geschäftsbetrieb konzentrierte um die zwei Termine, an denen sie stolz ihre Ware per Achse nach Frankfurt zur Ledermesse brachten. Es klingt ein wehmütiger Unterton der Trauer um die verflossene gute alte Zeit durch, wenn ein hochachtbarer Gerbereibesitzer mir erzählt, welch‘ emsiges Treiben, welch‘ fieberhafte Tätigkeit in seiner ansehnlichen Kyllburger Gerberei herrschte, wenn zum Beispiel Ostern nahte; denn in der Osterwoche mußte die Ware in Frankfurt sein, wollte man ein gutes Geschäft machen. Da wurden die fertigen Häute getrocknet, abgebürstet, sassioniert und schließlich auf kunstgerechte Weise fünf Häute in einen Pack geschnürt. (Bei Kuhhäuten nahm man sechs Stück.) Jeder Pack wog etwa zwei Zentner. Es war ein Ereignis für den ganzen Ort, wenn dann das Fuhrwerk aus Wittlich ankam und mit 60 bis 70 Zentnern besten Leders beladen wurde. Gegen die Unbilden der Frühjahrswitterung wurde die Ware durch Stroh geschützt und der ganze Wagen mit einer Plandecke versehen. mit Peitschenknall ging’s dann auf die große Fahrt über Wittlich, Bernkastel, Über den Hunsrücken, über Mainz nach Frankfurt. Oder es wurden in Trier ganze Wagenzüge zusammengestellt, die dann gemeinsam die Fahrt unternahmen. Die Fahrt dauerte fünf bis sechs Tage, bei ganz wenig Nachtruhe. Gewöhnlich hatten die Gerber in Frankfurt auf der Ledermesse langjährige Abnehmer. So ging das Kyllburger Leder, das sehr gesucht war, gewöhnlich nach Reutlingen. Der Preis betrug pro Zentner 50 bis 60 Taler. Nach 1871, als auch französische Händler in Frankfurt erschienen, wurden pro Zentner gar 75 Taler erzielt. Damals kostete das Sohlleder zu Hause im Detailhandel 15 bis 16 Groschen das Pfund, mit Oberleder zusammen 17 bis 18 Groschen, Oberleder allein 20 bis 23 Groschen. Für Lohngerberei zahlten die Landwirte dem „Lauger“, wie sie die Gerber nannten, 50 Pfennig pro Pfund. Auf den Messen wurden also immerhin bessere Preise erzielt und der Verdienst war größer, wenn der Fuhrmann auch pro Zentner 50 Groschen Fuhrlohn erhielt.

Der Handel auf der Ledermesse war immer bald gemacht und der Gerber steckt vergnügt den Schlußschein in die Tasche, um ihn auf der Lederbörse in klingende Münze umzutauschen. Die Firma Rautenstrauch hatte auch in Frankfurt ein Kontor. Hier konnten die Gerber dann mit barer Münze ihre Verbindlichkeiten regulieren und sich gleich wieder mit Rohhäuten eindecken. Einen guten Batzen aber brachte der zufriedene Gerber mit nach Hause. Aber auch der Fuhrmann konnte lachen. er fuhr bei den Spediteuren vor und belud dein Fuhrwerk mit Gütern aller Art. Spekulative „Stahlenreiter“,auch Musterreiter genannt, benutzten die Gelegenheit, ihre Kunden in der Eifel, wo sie wochenlang eifrig Bestellungen gesammelt hatten, zu bedienen. Der Fuhrmann verdiente dann an der Rückfracht gewöhnlich so viel, daß er das Geld für die Hinfahrt netto verdient hatte. Wenn er dann hochbeladen in Kyllburg wieder einfuhr, gab es frohe Gesichter. Er brachte die sehnsüchtig erwarteten Waren, und wenn es ans Ausladen ging, stellten sich auch die Gerbereiarbeiter ein; denn als erwünschtes und beliebtes Messestück erhielt jeder eine schöne Tabakspfeife. Und so endete die Messefahrt, und alle waren glücklich und zufrieden.

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