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Erinnerungen ans Freibad Kyllburg

Fast senkrecht stand die Sonne am Himmel. Jetzt zur Mittagszeit waren die Schatten, die ihr Licht warf zu einem kleinen Punkt geschrumpft, der keinen Rückschluss auf seinen Besitzer zu ließ. Da ich, wie meist, barfuß den Weg durch den Hahn zum Schwimmbad zurückgelegt hatte, brannten jetzt meine nackten Füße auf dem heißen Teer. Doch das kleine Stück asphaltierter Straße, kurz vor den drei Stufen zum Sehnsuchtsort meiner Kindheit, waren schnell im Storchenschritt überbrückt – „Au! Heiß, heiß, heiß!“ – und ich konnte meinen Füßen die ersehnte Abkühlung auf den Fliesen im Eingangsbereich des Freibadgebäudes gönnen. Die Dame am Eintritt kannte mich, da ich, so es das Wetter zuließ, täglicher Gast der Badeanstalt war. Ich brauchte meine Saisonkarte daher nicht vorzeigen und hörte somit auch kein metallisches Rumms-Rumms, das der Tageskartenkäufer üblicherweise vernahm, wenn der Kartenautomat einen kleinen gelben Bon ausspuckte. Dieser Bon, der laut Aufdruck seine Gültigkeit beim Verlassen des Freibades Kyllburg verlor, berechtigte dazu den Kassenbereich beliebig oft zu passieren. Das war auch nötig, um sich mit diversen Naschereien aus dem Kiosk zu versorgen.

Ich, ein gebürtiger Kyllburger von damals wahrscheinlich 10 oder 11 Jahren, machte mich an den Abstieg, die Treppen links der Kasse hinab ins Kellergeschoss des Gebäudes. Was mich auch heute noch erstaunt ist die Tatsache, dass es hier erstaunlich kühl ist, kurz bevor einen die volle Hitze des Kylltales wieder erbarmungslos umschlingt.

Die Umkleiden und Duschen rechterhands ließ ich für gewöhnlich unbeachtet passieren. Die Badehose hatte ich schon an. Einziges Gepäck: ein Handtuch und eine zusammengerollte Strohmatte, erstanden beim „Boanen“. Mein Weg führte mich zum Stammliegeplatz, der für gewöhnlich die komplette Saison nicht geändert wurde. Anfang der 80er Jahre sah das Freibad etwas anders aus als heute. So glaube ich, dass auf dem gesamten Gelände nicht ein Baum stand, zumindest kann ich mich an keinen erinnern. Im Schatten hätte damals eh keiner liegen wollen. Für uns wäre ein Sommer ohne ordentlichen Sonnenbrand und sich schälender Haut kaum vorstellbar gewesen. Die beliebtesten Liegeplätze gab es direkt am Schwimmerbecken. Drei, etwa zwei Meter tiefe Treppenstufen erstreckten sich entlang der fast kompletten Länge des Schwimmerbeckens. Hier schlug auch ich mein Quartier auf.

Damals wie heute scheint es im Kyllburger Freibad ein ungeschriebenes Gesetz zur Trennung zwischen den einzelnen Besuchergruppen zu geben. Für gewöhnlich sammeln sich Familien mit kleineren Kindern auf der Wiese links des Nichtschwimmerbeckens. Die Halbstarken und jungen Erwachsenen trifft man eher auf der „Liebewiese“, dem Bereich hinter dem Springerbecken, an. Und der ganze Rest teilt sich den schmalen Grasstreifen entlang der Kyll.

Damals reichte die Kyll noch bis direkt an die Liegewiesen heran, sodass der ein oder andere Abstecher ins fischig riechende Fließgewässer zum Freibadbesuch irgendwie dazu gehörte. Man durfte sich jedoch nicht vom Bademeister Alli erwischen lassen.
Damals war das Schwimmbad noch unbeheizt. Das bedeutet, das das Wasser mitunter arschkalt war. Zu Beginn des Saison waren wir mit 16°C Wassertemperatur durchaus zufrieden. Mit zunehmender Sonneneinstrahlung waren Wassertemperaturen bis zu 25°C im Hochsommer drin. Die Aktuelle, mehrmals täglich von Alli handgemessene Wassertemperatur, war auf zwei Tafeln nachzulesen. Die eine hing am Eingang, die andere neben dem „Bademeisterhäuschen“. Ja, der Bademeister… Ich darf jetzt nichts Falsches über ihn schreiben, sonst bekomme ich in der nächsten Musikprobe Ärger von meinem guten Posaunenkollegen. Alfred „Alli“ Ostermann war nicht einfach nur Bademeister. Während seiner aktiven Zeit war er eine Institution – er war das Freibad. Kaum, dass die ersten warmen Sonnenstrahlen im Frühling den letzten Schnee weggeschmolzen hatten, begann Alli damit das Freibad für die kommende Sommersaison herzurichten. Aufgabe Nummer Eins bestand darin, blaue Farbe auf diverse Fehlstellen zu pinseln und die leeren Schwimmbecken wieder mit Wasser zu füllen. Wo heute, aufgrund irgendwelcher Hygienevorschriften, kostbares Trinkwasser die Becken füllt, war es damals reinstes Kyllwasser, das gratis und im Überfluss vorhanden war. Das Neubefüllen der Becken übernahm die Kyllburger Feuerwehr, die diese Aktion für eine kleine Übung nutzten. In der Regel beleitete ich meinen Vater, wenn er mit seinen Feuerwehrkollegen einen langen Schlauch von der Kyll zu den Becken legte. Die Befüllung dauerte mehrere Stunden. Da das Ergebnis noch nicht badetauglich war, musste anschließend das Wasser wochenlang gefiltert und gechlort werden. Pünktlich zum ersten Badetag war es jedoch immer kristallklar und bereit für tausende Badegäste.

Doch zurück zu meiner eigentlichen Schilderung eines typischen Badetags im Hochsommer. Da nie die Frage aufkam ob, sondern höchstens wann wir uns im Schwimmbad träfen, dauerte es nie lange bis man einen geeigneten Spielkameraden fand. Beliebte Spiele waren Tunken, Spritzen, Springen, Tauchen und natürlich Rutschen. Zugegeben, der Rutschspaß dauerte jeweils nur gefühlte 0,3 Sekunden, doch dafür lohnte sich selbst das längste Anstehen. Die parabelförmige Betonrutsche, blaubepinselt wie alle Becken, hatte eine Länge von etwa 6 Metern. 13 Stufen führten nach oben. Ein Geländer, bestehend aus dünnen, abwechselnd rot, blau und gelb lackierten Rundstäben flankierte die Treppenstufen beiderseits. Das Geländer endete am Scheitelpunkt der Wasserrutsche. Eine derartige Rutsche hätte heutzutage keine Chance auf Genehmigung. Und dennoch ist in all den Jahren meines Wissens nach nie etwas Schlimmeres passiert.

Wir waren irgendwie härter im Nehmen damals. Das musste man auch sein, denn Schwimmbad war Gleichbedeutend mit Schürfwunden an Armen, Beinen und Rücken, aufgeritzten Füßen und Zehen, abgebrochenen Zähnen und zerstochenen Gliedmaßen. Klingt natürlich in dieser gehäuften Zusammenstellung schlimmer, als es in Wirklichkeit war. Die heute geltenden Unfallverhütungsvorschriften gab es damals noch nicht in deren heutigem Ausmaß. So waren die Beckenränder mit relativ scharfkantigen Basaltplatten abgedeckt. Es ließ sich nicht vermeiden, dass man sich gelegentlich beim Reingleiten ins Wasser Schürfwunden zuzog. An den Plattenfugen stieß ich mir zum Beispiel regelmäßig die Zehen an. Ein äußerst schmerzhafter Moment. Das Brett des 3-Meter-Spungturmes und der beiden 1-Meterbretter waren wie scharfkantiges Schmirgelpapier. Ein verunglückter Sprung konnte so leicht an Vorder- und Rückseite Schürfwunden und Prellungen hinterlassen. Und dennoch war es immer schön; selbst bei unverhofften Wolkenbrüchen.

Mehr fällt mir heute Abend nicht zum alten Schwimmbad ein. Ich bin mir sicher, dass, wenn ich mit anderen über unsere gemeinsame Schwimmbaderlebnisse rede, zahlreiche weitere Storys einfallen. Ich werde diesen Artikel daher bei Gelegenheit erweitern.

Abschließend möchte ich auf einen schwimmbadbetreffend wichtigen Jahrestag hinweisen. Am 26. Juni 1966 wurde das Schwimmbad feierlich eröffnet. Als wenn das Wasser in den Becken nicht ausgereicht hätte, goss es in Strömen vom Himmel. Das hielt jedoch die anwesenden Kinder und Jugendlichen nicht vom allerersten Badespaß ab. Warum auch?

Während ich diese Zeilen schreibe tagt der Verbandsgemeinderat Bitburger-Land in geheimer Sitzung über die Zukunft unseres Freibades. Hoffen wir, dass die Damen und Herren eine Entscheidung im Interesse der badefreudigen Bürgerinnen und Bürger treffen.

4 Kommentare

  • Hallo Dussy!
    Ich möchte dir hiermit mal ein Lob aussprechen.
    Ein toller Bericht über deine Erinnerung an (unserem) Schwimmbad, die mir sehr ähnlich ist. Es lief vor meinen Augen wie ein Film ab!
    Eins solltest du noch wissen: Alli war nie Bademeister, er ist oder war Schwimmeister, das ist vom Berufsbild ein Unterschied!!! Frag ihn mal bei der nächsten Probe ☺️
    Ich freue mich schon auf eventuelle weitere Erinnerungen was das Freibad Kyllburg anbelangt.
    Liebe Grüss
    Patricia

    • Dass Alli Schwimmmeister (mit drei m!) war weiß ich doch. Aber wir haben aber allzuleben Bademeister gesagt. Ich glaube, das bekommst du aus den Köpfen auch nicht mehr raus.

      • Ohhh…was könnte man den Bericht ergänzen. Um so manche im Schwimmbad verbrachte Tage bei Regenwetter, an denen es auch nie langweilig wurde. Um A…bomben Wettbewerbe (Contests kannten wir noch nicht). Heimliche Beobachtungen der Umkleidekabinen (die wir nie benutzt haben, da wir, wie schon erwähnt, bereits Barfuß und in vollem Schwimmoutfit dort eintrafen. Um blaue Augen beim Rutschen und gebrochene Zehen beim Barfuß-Fußballspiel auf der Wiese. Danke Dussy, fürs Auffrischen dieser tollen Erinnerungen.
        Liebe Grüße
        Daniela

  • Hallo Dussy!

    Mittlerweile lebe ich auch schon 20 Jahre hier in Kyllburg! Ich bin dennoch immer wieder erstaunt und freue mich immer wieder sehr, diese Geschichten zu lesen und zu hören!!! Vielen vielen Dank dafür! Vielleicht magst du ja mal deine geschichte auch live erzählen…. Im Rahmen von Kunst-Kultur-Kyllburg…. quasi als Erlebnislesung? Das wäre bestimmt spuer schön! Kannst dich ja mal melden, wenn du magst. Ich finde diese Dinge einfach absolut klasse!!! Danke!

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