Heimatkalender

Einheimische Singvögel und anderes Getier in der Kyllburger Mundart

1976 | S.198-201 | Von Josef Brück

Im Schaufenster des an der Gartenfront der Eifelerhof-Terrasse gelegenen Pavillons zeigt die dem „Deutschen Bund für Vogelschutz“ angegliederte Ortsgruppe Kyllburg auf einer großen Tafel siebenundfünfzig naturgetreue Nachbildungen unserer einheimischen Singvögel. Ziel dieser Ausstellung ist es, die Bevölkerung Kyllburgs mit den einzelnen Vogelarten vertraut zu machen und groß und klein für die Hege und Pflege unserer gefiederten Freunde zu gewinnen.
Aus der großen Schar der dort abgebildeten Sänger wollen wir nur einige der bekanntesten herausgreifen und sie mit der altüberlieferten Kyllburger Mundart ansprechen. Es kann sich hier jedoch nur um solche Exemplare handeln, deren mundartliche Benennung sich wesentlich von der neuhochdeutschen Schriftsprache unterscheidet.
Schon die hier anstehende Pluralform „Singvögel“ unterliegt im heimischen Dialekt einer stärkeren lautlichen Veränderung; wir sagen „Singviejel“ und gebrauchen die Pluralform „Singvijelcher“. Eine totale Namensänderung muß sich die Amsel gefallen lassen: viele Kyllburger kennen diesen großen, schwarzen Vogel mit dem goldgelben Schnabel nur als „Mädel“, eine Bezeichnung, die mit dem weiblichen Geschlechtsnamen nichts zu tun hat, es handelt sich hierbei nämlich um eine Verballhornung der seit dem 12. Jahrhundert nachgewiesenen fr. Formen „merle“ und „merlette“ (Amsel und Amselweibchen). Nur die ältere Generation weiß noch um das befreiende Gefühl, das dem ersten Pfeifen und Flöten und dem dann folgenden Jubilieren der „Miäzenmädl“ (Märzenmädl) ausgelöst wird, ein untrügliches Zeichen dafür, daß der nun beginnende Frühling den Winter in die Flucht geschlagen hat.
Nah verwandt mit der Amsel ist die Drossel, hierzulande „Dreschel“ genannt. Ihre klangvoll kräftigen Schläge ähneln dem Gesang der Amsel. Die Nesthocker werden „Dreschelcher“ geheißen.
Der Stieglitz, ein Name tschechischer Herkunft, existiert bei uns als „Distelfink“, und der Hänfling ist hier nur als „Floasfink“ bekannt, meist unter der Koseform „Floasfinkelcher“.
Die Bezeichnung Gimpel oder Dompfaff sind ebenfalls weithin unbekannt, wir sagen zu diesem Vogel mit auffallend roter Brust „Blutfink“, und das Rotkehlchen, dieser unermüdliche kleine Sänger, trägt bei uns den Namen „Roudbrestchen“ (Rotbrüstchen).
Uralt ist auch der Vogelname „Meise“, mundartlich „Meesjen“ genannt. Dieses ewig hungrige, von Baum zu Baum hüpfende Vöglein erscheint in althochdeutscher Zeit als „mesinga“, die seit dem 12. Jahrhundert nachweisbare fr. Form lautet „mesange“.
Klein wie eine Maus huscht der Zaunkönig in sein Heckenversteck. König wurde er durch eine List beim Wettflug der Vögel, das Bestimmungswort Zaun meint hier die „lebende Hecke“. Wegen seiner Kleinheit wird er bei uns „Meisbeidel“ genannt, fig. auch für Kleinkind.
Mit dem Sperling, diesem Hansdampf in allen Gassen, beschließen wir die Reihe der mundartlich erfaßten „Sänger“. Die fremdartige Bezeichnung Sperling wird hier nur selten angewandt, wir gebrauchen lieber die Koseform „Spatz“ oder „Spätzjen“. Alt-Kyllburg verwendet ausschließlich die in weiten Gebieten des .Westens und bis in die Ardennen hinein gebräuchliche Dialektform „Mösch“.
Wie erklärt sich nun die Gleichbedeutung der hochdeutschen Bezeichnung Sperling/Spatz mit dem Dialektwort „Mösch“? Zur Beantwortung dieser Frage müssen wir weit in die Vergangenheit zurückgehen. Unser neuhochdeutsches Sprachgut hat sich im Laufe von vielen Jahrhunderten aus primitiveren Grundformen heraus entwickelt. Noch in mittelhochdeutscher Zeit (etwa 1050—1350) gliedert die deutsche Sprachgemeinschaft die Tierwelt nach der Bewegungsart: Fisch ist alles, was schwimmt, „Vogel“ ist alles, was fliegt. Fliegen im eigentlichen Sinne ist die Fortbewegung durch Flügel. Dementsprechend war die Grundbedeutung des Wortes „fliegen“ in damaliger Zeit bedeutungsgleich mit Vogel, Fliege und Mücke. Diese Begriffsverbindung ist auch heute noch nachweisbar im Namen der Grasmücke und ihrer artgleichen Verwandten, der Zaungrasmücke, deren englische Bezeichnung hedge-sparrow Wald- oder Weidensperling bedeutet. Die fr. Benennung für Zaungrasmücke lautet „fauvette des haies“ oder nur „mouchet“, eine Erweiterung von „mouche“ = Mücke, nachweisbar seit dem 12. Jahrhundert als „moche“, „muche“, letzteres gesprochen: müsch.
Hiermit dürfte die Gleichbedeutung des Dialektwortes „Mösch“ mit Sperling/Spatz mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit erbracht sein. Um etwaige Zweifel hinsichtlich der Gleichsetzung Vogel mit einem Insekt (Fliege oder Mücke) zu beheben, sei darauf hingewiesen, daß die „Lichtmotte“, ein Kleinschmetterling, der des Abends eine Lichtquelle umschwirrt, im Volksmund mancherorts auch heutzutage noch Geldvogel genannt wird.
Neben den eben angeführten Mundartformen aus der Vogelwelt folgen hier noch einige interessante Beispiele aus dem Tierbereich: Von den Haustieren erwähnen wir zunächst das Jungpferd, das „Fielchen“, das Füllen oder Fohlen.
Der Eber wird „Bihr“ genannt, „Bihrich“ heißt: nach dem Eber verlangen (vergl. engl. „boarish“, zum Eber gehörig, säuisch.)
Für Ziege sagt der Kyllburger „Butsch“, das Wort gilt für Bock und Geiß, es ist wurzel- und stammverwandt mit fr. „bouc“ und geht auf eine keltische und germanische Wurzel — „bucco“ — zurück. Die Ableitung „boucher“ = Schlächter besagt eigentlich „wer Fleisch vom Bouc verkauft“, beide Formen sind seit dem 12. Jahrhundert beurkundet. Die gallische Wortform „bouc“ hat lat. „caper“ verdrängt (Albert Dauzat).
Von kleinerem Getier in Wald und Feld sollen anschließend noch einzelne Exemplare angeführt werden, deren mundartliche Benennung fast nur noch den älteren Einwohnern Kyllburgs vertraut ist. Zwar freut sich jung und alt am possierlichen Treiben des Eichhörnchens, wie es sich in den Ästen und Zweigen der Bäume tummelt, doch sehr gering ist die Zahl der Jugendlichen, die den gewandten Kletterer unter dem Namen „Kawecher“ erkennen. Die aus dem niederdeutschen Raume stammende Form „Katteker“ oder „Katteiker“ wird bei uns nicht gebraucht. Wasserzieher sieht in dieser plattdeutschen Bezeichnung eine Umkehrung des nhd. Namens Eichkatze/Eichkätzchen und definiert deswegen Katze als Katt, engl. „cat“, spätlat. „cattus“, fr. „chat/chatte“. Trotz unterschiedlicher Lautgestalt sind Katteker und Kawecher bedeutungsgleiche Begriffe und besagen dasselbe: Eichkatze, die Koseform „Kawecherchen“ = Eichkätzchen. Im Gegensatz zur niederdeutschen Wortform verrät unser „Kawecher“ gallo-romanische Herkunft. Naheliegend ist die Angleichung an die fr. Bezeichnungen „chat-huant“ und „chevéche“. Zu ersterem schreibt Albert Dauzat im dictionnaire étymologique: „chat-huant, von lat. vulg. cayannus (5. Jh.), ist ein Wort keltischer Herkunft mit diversen dialektischen Variationen, eine Zusammensetzung von chat und huer“ (chat = Katze, huer = schreien). Die wörtliche Übersetzung ist Kauz/Waldkauz.
„cheveche“, Grundwort mit gleicher Wurzel wie „chat-huant“ (lat. vulg. cav-) und prélat. Suffic -icca, noch nachweisbar in provençalisch cavec(o), bedeutet ebenfalls Kauz. Beide Wortformen stammen aus dem 13. Jahrhundert. Setzen wir nun an Stelle des ersten Gliedes bei „cheveche“ das Wurzelwort cav, so erscheint Kawecher zumindest als Lehnübersetzung dieser fr. Dialektform, zumal unser „w“ lautlich mit fr. „v“ übereinstimmt. Im französischen Sprachgebrauch heißt das Eichhörnchen „écureuil“, die Dialektform „écurieu“ ist in die Heraldik eingegangen. In Kyllburgs Alt-St. Maximin befanden sich neben dem Triumphbogen vor der totalen Zerstörung durch Bombenabwurf zwei Grabplatten, und zwar eine als Nachruf für den Kanonikus und Kantor Mathias Vitalis Richardi, die andere für seine Schwester. Beide Platten zeigten je zwei Eichhörnchen als Wappenschmuck, eine derselben hat im Kreuzgang der Stiftskirche Aufstellung gefunden.
Höchst unwillkommene Gäste sind die oft in Scharen auftretenden Wühlmäuse, „Hottermeis“ genannt, die in Gärten, Wald und Feld großen Schaden anrichten und sich von Samenkörnern und Wurzeln und Halmen ernähren, und diese zum Teil für den Winterbedarf „horten“.
Trotz seiner Nützlichkeit ist auch der Maulwurf nicht sonderlich beliebt, weil er Gärten, Wiesen und Feldern seinen Stempel aufdrückt in der Form unerwünschter „Hiwel“, er selbst wird seit altersher „Molterof“ genannt, wohl in Anlehnung an mhd. moltwerf.
Die noch um die Jahrhundertwende existent gewesene Bezeichnung Scheeß-Unk ist untergegangen. Gemeint war hiermit eine Schlange, worauf das Grundwort Unk, ahd. „uno“ = Schlange eindeutig hinweist. Wir gehen wohl nicht fehl, wenn wir uns hierunter die noch häufig vorkommende Ringelnatter vorstellen, deren pfeilschnelle Bewegung mit schießen, mundartlich „scheeßen“ von unseren Vorfahren gleichgesetzt wurde. Eine Verwechslung mit Unke oder Kröte ist ausgeschlossen, weil dieses häßliche und im Garten doch so nützliche Tier seit altersher „Muck“ genannt wird.
Von Insekten und Kerbtieren seien noch genannt: Der „Hiez“ als Name des Hirschkäfers, die Heuschrecke als „Haisprung“, und die Ameise als „Seechoames“. Die Hummel, die laut summend Blüten und Blumen umfliegt, heißt bei uns „Brummeier“, in Frankreich „bourdon“ genannt, eine Bezeichnung, mit der auch die großen, dicken Glocken wegen ihres Brummbasses bedacht werden. Schwer zu definieren ist der Name „Pedszwiewel“, womit der Mistkäfer gemeint ist. Höchstwahrscheinlich handelt es sich hierbei um eine Verstümmelung der fr. Bezeichnung „pedzouille“, nach Dauzat ein volkstümlicher Ausdruck für „Bauer“. Die reguläre fr. Bezeichnung für Mistkäfer ist „scarabée“, von den Ägyptern Skarabäus geheißen und als heilig verehrt wegen der geheimnisvollen Zeichen, die sie auf dem Bauche trugen (C. W. Ceram, Götter, Gräber und Gelehrte). Eine andere Version besagt, der allerorten anzutreffende Käfer lege seine Eier im „Mist“ ab und lasse sie von der Sonne, dem höchsten religiösen Wesen der Ägypter, ausbrüten, daher die göttliche Verehrung. Unter dem Einfluß des Christentums mußten viele Wörter, die mit dem heidnischen Glauben zusammenhingen, verdrängt oder aber ihres früheren Inhalts entledigt werden. Zu den Wörtern, die einer den Sinn entstellenden Bedeutung unterlagen, gehört das von Skarabäus abgeleitete „scarabée“, nun mit Mistkäfer gleichgesetzt. Hierbei ist darauf hinzuweisen, daß nicht der Käfer, sondern die alte Lehre „Mist“ ist und „Gestank“ verbreitet. Die Wortform „pedzouille“ ist eine Zusammensetzung aus pet-de-zouille, prov. „pezouil“. Das erste Glied dieser Komposition „per“ ist gleichbedeutend mit lat. und span. „pedo“, dtsch. farzen oder stinken. Unter diesem Gesichtspunkt erscheint auch die oben angedeutete Gleichsetzung Mistkäfer/Bauer unter einem ändern Licht: fr. „paysan“ und fr. „paien“ von lat. „paganus“ sind bedeutungsgleiche Begriffe, beide stehen für Bauer, obwohl „paien“ eigentlich mit Heide zu übersetzen ist. Die Gleichbedeutung ist darauf zurückzuführen, daß das Heidentum auf dem Lande sich länger behaupten konnte als in den Städten. Auf dieser Tatsache basiert die in früherer Zeit allgemein, verbreitete Mißachtung des Bauernstandes.
Mit dieser Hypothese beschließen wir die Aufzählung einheimischer Singvögel und anderen Getiers in der Kyllburger Mundart. Immer geringer wird die Zahl der alten Kyllburger, denen die alten mundartlichen Ausdrücke von Kindheit an vertraut sind, und so steht zu befürchten, daß der von unseren Ahnen überlieferte kostbare Wortbestand in nicht allzu ferner Zeit zum Untergang verurteilt sein wird. Niemand braucht sich seiner Mundart zu schämen, und niemand soll sie als etwas Lächerliches oder Minderwertiges ansehen, es ist die Sprache, in der noch zu Beginn unseres Jahrhunderts unsere Mütter uns umsorgten und umhegten, unsere eigentliche „Muttersprache“.

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