Geschichte

Eine Episode aus kurtrierscher Zeit

Eifel-Kalender 1929, S.69/70
Von H. Gueth, Kyllburg

Wohl keiner der zahlreichen Kurgäste, die jahraus, jahrein das freundliche Städtchen Kyllburg besuchen, versäumt es, einen Abstecher nach Otrang zu machen. Es sind nicht nur die interessanten Ruinen der römischen Villa, die einen Besuch Otrangs zu einem festen Programmpunkt der Kyllburger Kurgäste machen, sondern es lohnt sich auch die herrliche Wanderung an sich, die alles bietet, was der Geschichts- und Naturfreund sich nur wünschen mag.
Zunächst geht es hinauf zum „Konert“, wo die tausendjährige Wilsecker-Linde winkt und lockt. Sie wird schon im Jahre 1533 in einem alten Dokument als „Wahrzeichen“ der Gegend erwähnt. Von hier aus hat der Wanderer einen wundervollen Ueberblick auf den Stiftsberg mit seinen mittelalterlichen Bauten: Burgturm, Stiftskirche mit Kreuzgang, Kapitelhaus und Kurien. Im Süden, jenseits des tiefeingeschnittenen Kylltales, zeigen hohe Pappeln den Ort, wo einst die märchenhafte römische Jagdvilla stand, heute die Ruine von Otrang.
Unmittelbar vor dem Wanderer aber liegt alter Kulturboden, die Gemarkung von Wilsecker-Etteldorf. Schon 893 in einer fränkischen Urkunde erwähnt, war das heutige Wilsecker mit Etteldorf (Ettelendorpht) im Mittelalter ein bedeutendes Dorf.
Eine christliche Kirche gab es dort schon im 8. Jahrhundert. Vorher stand hier ein heidnischer Tempel, und Etteldorf wird gar von Etzel abgeleitet. Das Registrum Prumiense führt Wilsecker-Etteldorf mit dem verschwundenen Wachert schon im Jahre 893 als Besitztum der Abtei Prüm auf. Etteldorf hatte später sogar zwei Gotteshäuser und ein Heiligtum, das lange Wallfahrtsort war.
Die Bewohner waren Leibeigene und der Abtei Prüm zehntpflichtig, bis auf die Bewohner des „Tempelhauses“, die dem Herrn von Kyllburg untertänig waren. Als Untervögte der Abtei Prüm regierten auf dem Herrenhofe die Ritter von Wilsecker, gar gestrenge Herren, die sehr auf die Vermehrung der Güter bedacht waren.
Nach den Stürmen des 30jährigen Krieges war es auch mit der Herrschaft und den Rechten der Ritter von Wilsecker aus, aber auf ihrem Hofe lebten die Nachkommen als stolze und recht vermögende Grundeigentümer bis ins 18. Jahrhundert.
Im selben Jahrhundert war es, als der Kurfürst von Trier in seiner treuen Stadt Kyllburg als Gast verweilte. An einem schönen Tage fuhr er in prächtiger Reisekarosse von Kyllburg nach Dudeldorf. diese Gelegenheit wollte der geldstolze und protzige Herr von Wilsecker benützen, um sich seinem gnädigsten Herrn in seinem ganzen Reichtum zu zeigen. Die vier schönsten Gäule wurden gar prächtig aufgezäumt, mit kostbaren, bunten Decken behängt und vor den Pflug gespannt. Mit diesem lächerlichen Gefährt pflügten die Knechte an der Straße, die der Kurfürst passieren mußte. Der Herr von Wilsecker stand stolz dabei.
Bald kam der kurfürstliche Wagen und der hohe Herr bemerkte mit Verwunderung die ungewöhnliche Prachtentfaltung bei einer bäuerlichen Hantierung. Erstaunt ließ er halten und beschied den protzigen Herrn von Wilsecker zu sich: „Er hat ja prächtige Pferde! Welch reiches Geschirr! Und diese prachtvollen Decken! Er muß ja sehr reich sein, daß er sich diesen Luxus leisten kann! Werde nicht verfehlen meinem Kellner (Rentmeister) in Kyllburg dementsprechend Instruktionen erteilen zu lassen.“ Sprachs und fuhr davon. Der Herr von Wilsecker machte ein nicht sehr geistreiches Gesicht, aber einige Zeit nachher hielt er ein ellenlanges Dokument aus der kurfürstlichen Renteikammer in seinen vor Wut zitternden Händen, in welchem viel von neuen und höheren Steuern und Abgaben die Rede war. Mit einem fürchterlichen Fluche rief er, was heute noch sprichwörtliche Redensart ist: „Da wär‘ ich besser mit der Nas davon geblieben!“
Damit hatte der Herr von Wilsecker vollkommen recht und jedermann kann daraus die Lehre ziehen:

„Geh‘ nicht zu deinem Ferscht,
Wenn du nicht gerufen werscht!“

Einen Kommentar verfassen

captcha

Please enter the CAPTCHA text