Heimatkalender

Ein Burgturm und ein Ritter

1965 | S.58-62 | Von Pfarrer Dr. Benedikt Caspar

Der Kreis Bitburg ist reich an kirchlichen Kunstwerken. Mit berechtigtem Stolz hüten Pfarrer und Pfarreien ihre historischen Kirchen, Kapellen, Altäre, Sakramentshäuschen, Paramente, heilige Gefäße, Kommunionbänke, Kanzeln, Fenster, Chorgestühle, Gemälde und Grabdenkmäler. Sie sind einmal als Werke der verschiedenen Stilepochen interessant für den Kunsthistoriker, der aus ihnen Geschmack und Schönheitssinn der einfachen Bevölkerung und des nicht minder einfachen Klerus jener Zeiten feststellt, aber mehr noch sprechen sie vom Opfersinn ihrer Vorfahren, sind ein Gradmesser einstiger Glaubensinnigkeit und Frömmigkeit.

 

Fortlebende Zeugen
So stehen sie inmitten der Pfarreien als Zeugen der religiösen Inbrunst ihrer Väter und werden für uns Lebende täglich Mahner, im Glauben nicht zu erlahmen. Mehr noch: unsere Städte und Dörfer werden durch diese Kunstwerke immer wieder mit den alten Zeiten in Kontakt gebracht, nicht in bloßer Erinnerung an das Gute und Fromme von früher, sondern täglich treten in diesen Werken die Menschen von früher den Pfarreien gewissermaßen gegenüber. Oft sind in den steinernen Kunstwerken die Meißelschläge der Urgroßväter noch zu sehen, man spürt an ihnen noch die Hände, die sie ausgeführt haben, oft gleichen Porträtfiguren auf Grabsteinen und Altären jetzt lebenden Menschen. So stehen die Kunstwerke da wie fortlebende Testamente. Glücklich die Pfarrei, die viele solcher Werke besitzt. Sie helfen mit, den Menschen der Gegenwart für Gott zu erziehen.

 

Wegweiser zu Gott
Aber nicht nur die Pfarreien selbst leben religiös von diesen Kunstwerken. Für unsere Gäste, die unter uns Aufenthalt nehmen, für erholungsuchende Großstädter, die unsere Kirchen in stillen Stunden betreten und heilige Dienste in ihnen mit uns feiern, werden die Kunstwerke oft Wegweiser zu neuem, religiösem Leben. Wie oft kann man doch beobachten, daß Kurgäste sich zu Gebet und Meditation in unseren Kirchen niedersetzen. Stille umfängt sie im Gotteshaus, die dem Menschen so nötig ist, die aber der gehetzte Mensch der Großstadt in seinen Lebenskreisen überhaupt nicht mehr kennt. Ja, diese Stille im Heiligtum einer Eifelkirche! Sie ist eine Medizin für viele. Sie werden selbst wieder still von der Stille, die sie umgibt. Steht nicht auf einmal die übernatürliche Welt mit allen Ordnungen, die sie verkündet, ganz sicher vor diesen Menschen auf? Und wie oft überhören sie sie sonst, wenn der Großstadtlärm sie umgibt! Eine Hummel hat sich von den Wiesen her ins Gotteshaus verflogen! Und der Geruch der reinen Landschaft dringt ein bis zu den Stufen des Altares. Die Ewigkeit umgreift den Menschen, der sonst im Tempo moderner Betriebsamkeit durchhalten muß, ohne zu einem tieferen Gedanken über sich, sein Leben und Sterben zu finden.
Und nun schauen ihn in den Kunstwerken (natürlich wird er auch den Tabernakel sehen, wenn er ihn auch vielleicht lange nicht mehr beachtet hat) längst vergangene Zeiten an, die Romanik, die Gotik und das Barock. Übrigens ist der Vorgang, der vielleicht jetzt folgt, kein rein natürlicher, da ja die Gnade an allem anknüpfen kann. Er wägt ab, vergleicht und fragt sich: was das wohl für Menschen gewesen seien, wie sie zu Gott standen, welche Werte sie doch geschaffen haben, wie unser heutiges Leben dagegen daran so arm sei. Er fragt sich weiter, ob diese Bauherren, diese Gläubigen der alten Pfarreien von der Religion wohl enttäuscht worden seien? Aber er wird davon in den Kunstwerken keine Spur feststellen können. Weder Enttäuschung noch Problematik, höchste Sicherheit und Sieghaftigkeit herrschen hier vor. Einer unserer deutschen Philosophen ist‘s gewesen (seinen Namen kenne ich nicht mehr), der beim Anblick des Kölner Domes ausrief: „Die so etwas bauten, kannten eben keine Meinungen!“ Ja, es war ein triumphierender Glaube, der ihr Bauen und Schaffen beseelte. Sind diese Werke, mit Geist und Liebe geschaffen, nicht Zeugen für eine große Wahrheit, die hinter ihnen stehen muß? Dahinter kann doch kein Irrtum stehen! Theodor Fontane (1819 – 1898), Dichter und Kritiker, schreibt einmal an seine Frau über den Markusdom in Venedig: „So kolossale Sachen, die in einem Jahrtausend geworden, gewachsen, gemodelt sind, liegen über aller Kritik hinaus. Man hat sich lediglich vor ihnen zu verneigen!“ Das ist ein Wort, das schwer wiegt. Und mancher, der durch unsere kunstvollen Kirchen kommt, sich einmal Zeit gönnt, nachdenkt, still wird und betet, wird dieses Wort in seinem Herzen nachsprechen. Seine Gedanken werden noch weiter gehen (die Gnade, die Gnade!): „Diese Kunstwerke haben doch jeden Zeitenwechsel in der Achtung der Menschen überdauert. Werden sie nicht immer neu bewundert‘? Auch von uns heute, die wir sonst nur dem Nüchternen, Rationellen Beifall zollen? Welche Tiefe ihres Gehaltes! Welche Schönheit ihrer Formen! Wer so etwas schafft, muß hohen Geist besitzen, Gemüt und Innigkeit. Und dieser hohe Geist ist die Lehre Christi, die die Kirche geschichtlich im Abendland verkörperte und noch verkörpert, wie bei allen Völkern und zu allen Zeiten! Alle Meister der Dome, der gesamten kirchlichen Architektur, der Malerei und Plastik waren Kinder dieser heiligen Kirche. Und sie haben so gebaut, weil sie von Christus und seinem Gottesreich erfüllt waren, wie es die Kirche Jesu Christi seit der Zeit des Urchristentums verkündet und darstellt.
Aus keinem anderen Geist haben sie gebaut! Nicht aus Weltraumgefühl und Weltensehnsucht, nicht aus rassischem Ethos germanischer Welteroberung (ach, was wurde nicht alles nach 1933 in Deutschland über den Geist der Dome und Kathedralen geschrieben), sondern nur aus dem Geist der Kirche, nicht einer nicht existenten, allgemein christlichen, sondern wie sie sich hier unter uns seit den Tagen der Apostel zeigte, der heiligen, katholischen und apostolischen Kirche, die auf Petrus erbaut ist. Warum sollte ich kleiner Mensch mich weiter diesem Glauben verschließen? Auch ich will die Sprache Gottes, die aus diesen Kunstwerken spricht, wieder verstehen lernen, wenn auch manche Lebensrätsel bleiben. Das liegt an der Begrenztheit unseres Daseins!“
Ja, nun habe ich versucht, einem Menschen, der vor den Kunstwerken unserer Kirchen sinnt und betrachtet, nachzudenken.

 

Pflege der Kunstwerke
Allerdings fordern alle Kunstwerke ihre Pflege. Vernachlässigte Kunst in Kirchen wirft schlechtes Licht auf die Gemeinden. „Bedeutet sie ihnen etwa nichts mehr?“ wird der Fremde sich fragen. Wird er bei solchem Anblick für unsere heilige Kirche begeistert werden können? Wir könnten ihm die Weichen dazu stellen oder geben ihm Anlaß, weiter über die Religion des Christentums, über die katholische Kirche zu spotten. Vielleicht bleibt er nach einem Besuch unserer Kirche um so lieber Atheist oder Skeptiker! Oder aber – er wird innerlich umgeworfen, wenn er nämlich in einer unserer Eifelkirchen echte und gepflegte Kunst erleben kann, Werke, hinter denen er die liebende Hand des Pfarrers und seiner Pfarrkinder vermutet. Hier stehen lebende, fromme und geistvolle Menschen gegen seine These! – Und wenn fremde, gläubige Besucher in unsere Kirchen einkehren und sie finden Vernachlässigungen, falsche und kitschige Restaurierungen, das kann sie unsagbar traurig machen. Vielleicht kommen sie zur Überzeugung, daß das Christentum, wo es zur täglichen Gewohnheit wird, im Herzen der Menschen abstumpft. Sie gehen jedenfalls nicht froher aus unseren Gotteshäusern der Eifel. Finden aber gläubige Gäste die Kunstwerke in der ihnen gebührenden Schönheit vor, wie froh ist dann ihr Herz, das sich inmitten der entgotteten Massen der Großstadt an Christus hält, daß auch in der kleinsten Eifelgemeinde unseres Kreises ebenso fromme und gläubige Menschen wohnen wie im Gewühl der Städte.

 

Kunstwerke in der Stiftskirche
In der Stiftskirche zu Kyllburg wird jeder Besucher glücklich über die Kunstwerke sein, die er hier vorfindet: den Bau selbst (13. und 14. Jahrhundert), den Kreuzgang (14. Jh.), das Gnadenbild U. L. F. (um 1300), das spätromanische Triumphkreuz (um 1300), das Sakramentshäuschen (um 1450), die drei Chorfenster (1534), den Grabstein Johanns von Schonenburg (1550), das Chorgestühl (16 Jh.), die Pieta (17 Jh.), den Annenselbdrittaltar (17. Jh.), viele Grabsteine (vom 15. bis 18. Jh.), das hochbarocke Orgelgehäuse (um 1750) und endlich die Beichtstühle (um 1750). Vieles muß erst restauriert werden, aber auch so schon legen die meisten Denkmäler beredtes Zeugnis ab vom katholischen Glaubensgeist der Zeiten, in denen sie entstanden.

Ein Gemälde von kulturhistorischer Bedeutung

Ein Kunstwerk ist jetzt zur Restaurierung weggegeben worden: ein Gemälde des 16. Jh. Es ist nicht nur künstlerisch sehr beachtenswert als Werk der deutschen späten Renaissance, nicht nur aufschlußreich für die religiöse Volkskunde des 16. Jh., sondern es hat für Kyllburg kulturhistorische Bedeutung. Es handelt sich um das Gemälde (130 mal 157) des Gekreuzigten, das nach 1821, wie es die Pfarrakten aufweisen, auf dem Kreuzaltar der Stiftskirche stand. Noch im 19. Jahrhundert wurde dieser Altar beseitigt, wahrscheinlich als die Seitenaltäre geschaffen wurden. Das Gemälde selbst geriet ohne Rahmen auf den Kirchenspeicher, von wo es vor etwa 15 Jahren zwar gerettet und vor gänzlichem Zerfall bewahrt, aber von nicht fachkundiger Hand ausgebessert und stellenweise übermalt wurde. Nun kann nur noch der Restaurator unter Aufsicht des Bistumskonservators die ursprüngliche Fassung wiederherstellen.
Wir sind in der Lage, es ziemlich genau datieren zu können, weil die unter dem Kreuz kniende Stifterin mit Äbtissinenstab nach dem vor ihr liegenden Wappen eine Äbtissin von Lontzen genannt Roben ist. Das Adelsgeschlecht von Lontzen (auf Burg Seinsfeld) hatte zwei Töchter, Tante und Nichte, die vor und nach 1600 Äbtissinnen in St. Thomas waren. Da im Gemälde noch der Einfluß der spätgotischen Malerei zu spüren ist, glauben wir nicht fehlzugehen, wenn wir sagen: die unter dem Kreuz kniende Äbtissin ist Anna von Lontzen, die 1590 das berühmte „Pateschkreuz“ im Kyllburgweilerer Wald errichten ließ. Eine zweite Zisterzienserin, die rechts des Kreuzes kniet, könnte, nach dem Wappen zu schließen, ihre Nichte sein, die später während des 30jährigen Krieges Äbtissin in St. Thomas war und 1536 an der Pest verstarb. Setzen wir das Gemälde um 1595 an.
Wie kommt es nun nach Kyllburg? Die Vermutung liegt nahe, es sei mit dem barocken Hochaltar, dem Chorgestühl und einem Steinrelief der Kreuzigung (16. Jh., jetzt im Kreuzgang) aus der ebengenannten Zisterzienserinnenabtei St. Thomas zu Beginn des 19. Jh. gebracht worden. Wir wissen nämlich aus anderen Quellen (s. Heimatkalender des Kreises Bitburg 1964), daß Hochaltar und Stallium von St. Thomas durch Verfügung der napoleonischen Regierung in Saarlouis von St. Thomas nach der Stiftskirche in Kyllburg geholt werden durften. Wahrscheinlich gingen bei dieser Gelegenheit andere wertvolle Stücke mit, die sonst in dem dem Zerfall preisgegebenen Gotteshaus zerstört worden wären. Oder, die Schwestern von St. Thomas haben von vornherein dieses Gemälde der Stiftskirche geschenkt.

Votivbild der Volksfrömmigkeit

Unter dem Gekreuzigten sind dargestellt vier volkstümliche Heilige: der heilige Bischof Valentinus, der heilige Papst Kornelius, der heilige Bischof Hubertus und der heilige Einsiedler Antonius. Besondere Gründe mögen Äbtissin und Konvent von St. Thomas bewogen haben, das Kreuzgemälde gerade mit diesen Heiligen zu zieren. Der heilige Valentinus war der Patron gegen die Fallsucht. Darum liegt zu seinen Füßen auch ein fallsüchtiger Junge. Papst Kornelius (mit dem Horn in der Hand) war Patron des Hornviehs, der heilige Hubertus war Schutzherr der Waldtiere und wurde gegen Hundebiß angerufen und endlich der heilige Antonius schützt die Schweine. Zweifellos ein Votivbild, das die Verehrung vieler Hilfesuchenden fand.
Die vier Heiligen stehen unter dem Gekreuzigten. Rings herum sehen wir bergige Landschaft, ein Wiesental und einen sich windenden Fluß. Auf schroffer Felsenkuppe ragt ein Burgturm von außergewöhnlicher Höhe empor, ganz rechts ein burgähnliches Gebäude.

Die Kyllburg

Wir glauben, nicht übereilt zu urteilen: das ist die Kyllburg, die auf dem Felsen steht, das ist das Kylltal rechts mit der Feste Malberg, damals noch ohne ihren barocken Anbau. Links könnte St. Maximin stehen. So besäßen wir also in diesem Gemälde aus dem Ende des 16. Jh. das einzige uns bisher erhaltene Bild der Kyllburg, wie sie vor ihrer Zerstörung durch die Franzosen 1794 aussah: ein majestätischer Bergfried mit Festungsbauwerken beherrschte die Bergkuppe, rings von der Kyll umflossen. (1794 wurde die Kyllburg mit allen anderen Burgen des Kurfürstentums Trier und anderer Dynasten geschleift und der Bergfried um viele Meter abgetragen.) Hier würde auch eine alte Überlieferung durch ein Gemälde bestätigt, wonach der Turm im 13. Jh. so hoch gewesen sei, daß die kurfürstlichen Mannen der Kyllburger von den Zinnen ihrer Burg herab bis zur Feste Malberg blicken konnten, um kriegerische Operationen des Ritters Rudolph genau zu beobachten. War ja die Burg und der Turm als Trutzfeste gegen die Herrschaft Malberg-Luxemburg vom Erzbischof Theodor v. Wied in der Mitte des 13. Jh. erbaut worden.
Von einem so hohen Bergfried aus, wie ihn unser Gemälde darstellt, war das gewiß möglich. So hat das Gemälde sowohl für Kyllburg als auch für Malberg kulturhistorische Bedeutung.
Wenn es restauriert ist, können es alle Freunde der christlichen Kunst in der Stiftskirche bewundern, wo es über dem Chorstallium der Evangelienseite hängen wird.
Alle Besucher des Bildes werden bei dieser Gelegenheit von der Sicherheit jener noch ganz religiös ausgerichteten Zeiten irgendwie innerlich berührt werden, mit der diese ihre Heimat, die Eifel, das Kylltal, Mensch und Tier in den Schatten des Kreuzes und unter das Patronat ihrer volkstümlichen Heiligen stellten.

Die Zinnen der Kyllburg

Sie werden auch den stolzen historischen Wehrwillen einer Bürgerschaft im wahren Sinne des Wortes bei solchem Bergfried kennen lernen, und dabei kommt es wahrscheinlich zu Fragen, warum dieses Turmdach im Anfang des 20. Jh. als gekipptes Zeltdach oder Mansardendach mit turmartigem Oberteil durch die damalige staatliche Denkmalpflege angeordnet wurde. Nahm diese Art der Schieferbedachung der Kyllburg nicht ihren eigentlichen Burgfriedcharakter? Wie schön, wenn das Wahrzeichen der Stadt, nach dem sie benannt ist, wieder durch die staatliche Denkmalpflege auf seine ursprüngliche, historische Höhe gebracht und wieder mit Zinnen versehen würde, wie z. B. die Nürburg. Es ist sicher anzunehmen, daß dann viel mehr Fremde den Turm besteigen würden, weil es direkt reizt, von den Zinnen einer mittelalterlichen Burg herab ins Land zu schauen. In diesem Bergfried ist die Geschichte Kyllburgs gewissermaßen zusammengefaßt: zuerst die der Ritter da, dann die Burg mit Bergfried, um sie herum wächst die Stadt und in ihrem Schatten entsteht dann die Stiftskirche mit ihrer Kunst. Daher die Überschrift.

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