Gedicht/Lied

Die Wilsecker Linde – Gedicht von Simon Salomon (1899)

Und wieder saß ich träumend wie vor Jahren
Gelehnt an meinen trauten Lindenbaum,
Gedenkend aller, die einst lieb mir waren; —
So manches schwand dahin – ein Traum, ein Schaum.
Wohl kannt‘ ich doch sein altgewohntes Rauschen,
Drum kam ich her, zu horchen und zu lauschen,
Was er zu flüstern wüßt‘ von alten Tagen,
Doch diesmal klang’s so fremd, so weltentlegen,
Wie Blätter, die sich welk im Winde regen,
Wie märchenhafte, längstverklung’ne Sagen.

Und wehe, kaum vernarbte Herzenswunden,
Die brechen schmerzgewaltig wieder auf.
Gestalten, längst versunken und verschwunden,
Sie nahen stumm, in schwankem Nebelhauf‘,
Umgaukeln mich mit lockenden Gebärden,
Verschwinden und entsteh’n, vergeh’n und werden
Und huschen leicht und sacht in meiner Nähe,
Und mählich, mählich schwinden mir die Sinne;
Auf einmal seh‘ ich mich auf hoher Zinne
Und schaue tief hinab und späh‘ und spähe.

Tief unten dehnt sich wallend, unermeßlich,
Ein wildbewegtes, bleiches Nebelheer,
Darin die Freuden, die mir unvergeßlich,
Und meiner Leiden ungezähltes Heer
In unfaßbaren Formen wild sich jagen;
Und meine Brust zerwühlt ein ängstlich Zagen,
Und drunten lockt’s: Was willst du länger säumen?
Und zaubermächtig zieht’s mich nach dem Rande
Und raunt: Zerbrich des Lebens läst’ge Bande!
Da wacht ich trostlos auf aus meinen Träumen.

Am Himmel war der Sterne Licht verblichen,
Der Mond erspähte bleichen Scheins den Tag.
Wie Geisterspuk die nächt’gen Nebel wichen,
Und graue Dämmerung auf den Höhen lag.
Schneeweiße Nebel aus den Tälern stiegen,
Wie Laken, die um tote Leiber fliegen,
Wie windgebauschte, wallende Gewänder.
Da plötzlich brach der Sonne erst Geflimmer
Fern hinterm Berg hervor mit ros’gem Schimmer,
Und Purpurschein umflutend rings die Ränder.

Das Tal erschien wie eine off’ne Blüte,
Und mitten in dem Kranz der duft’gen Höh’n.
Sah ich mit märchengläubigem Gemüte
Tief unten eine Burgruine steh’n,
Zu deren Fuß, in weitem, rundem Kessel, —
Umfangen halb noch von der Dämm’rung Fessel —
Ein Dörfchen schlief auf kyllumrauschtem Berge.
Von Wald und saft’gen Wiesen rings umschlossen,
Lugt’s lieblich auf, als sei’s dem Grün entsprossen,
Zum Aufenthalt für Nymyhen, Fee’n und Zwerge.

Es kühlte mir der Anblick dieses Bildes
Das brennendheiße Weh, die wilde Pein,
Als göß‘ der Tau des blühenden Gefildes
Sich balsamduftend mir ins Herz hinein. —
Und zausen mich zu arg des Lebens Winde,
So walle ich hinauf zur lieben Linde,
Wenn sie erglüht vom Kuß des Frührotstrahles;
Mir wird’s zumut so morgenfrisch, so wonnig,
Die Seele geht mir auf so male wonnig,
Seh‘ Kyllburg ich, den Schmuck des Kyllbachtales.

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