Örtlichkeiten

Die Trümmer der sogenannten Langmauer

schmino.de - ein Projekt der historischen Gesellschaft Kyllburg
Ein Beitrag zur Alterthumskunde im Rheinlande | Von Dr. Jakob Schneider

I. Vorbemerkung

Wir haben die Absicht, das archäologische Publicum in den nachfolgenden Blättern mit einem Gegenstande bekannt zu machen, der bisheran bei weitem nicht die Aufmerksamkeit der Alterthumsforscher in dem Grade auf sich gezogen hat, wie er es seiner allgemeinen Wichtigkeit wegen zu verdienen scheint. Wenn es überhaupt wahr ist, daß trotz der Bemühungen einzelner Männer noch manches Denkmal aus der Römerperiode in unserem Lande dem Blicke des Forschers verborgen liegt und auf eine genauere Untersuchung harret; so gilt Dies insbesondre von den unter dem Namen Langmauer oder Landmauer bekannten Mauertrümmern auf den Gebirgen des linken Moselufers.
Soviel und bekannt, war es zuerst der Regierungsrath Hetzrodt, welcher dieses Alterthumsüberbleibsel in seinen „Nachrichten über die alten Trierer“ Erwähnung thut und dabei seine muthmaßliche Ansicht über dessen Zweck und Bedeutung kund gibt . Bald darauf hat der Professor Minola zu Bonn, auf Hetzrodt’s Nachrichten gestützt, eine andere Vermuthung geltend zu machen versucht, ohne aber dieses Alterthum selbst gesehen oder dessen eigenthümlichen Verlauf näher gekannt zu haben . Von dieser Zeit an blieb der Gegenstand einige Decennien hindurch unbeachtet und unberührt ruhen, bis wir vor einigen Jahren in der Nähe des im Kreise Bitburg, Regierungsbezirk Trier, gelegenen Dorfes Erdorf (wovon auch Hetzrodt spricht) auf die wohlerhaltenen Reste dieses Monumentes stießen, und, durch eine Bemerkung des Herrn Oberlehrers Steininger zu Trier, in der Trier’schen Zeitung , und einige Nachrichten des Herrn Oberförsters Mohr daselbst, in dem Beiblatte dieser Zeitung , veranlaßt, unseren Fund in einer Notiz des genannten Blattes, behuft weiterer Nachforschungen, mittheilten .
Sowohl die Wichtigkeit des Gegenstandes für die Specialgeschichte unserer römisch-trierischen Lande, als auch die Befürchtung, daß dieses umfangreiche Denkmal der Vorzeit durch das stete Vorschreiten des Ackerbaues allmälig vernichtet und somit für die Geschichte unseres Vaterlandes gänzlich verloren gehen möchte, veranlaßten uns alsbald mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln die noch vorhandenen Trümmer desselben aufzusuchen und in ihrem Zusammenhange zu bestimmen, um dadurch wenigstens die Basis zu jeder weiteren Forschung über Zweck und ursprüngliche Gestalt desselben für die Nachwelt zu retten. Wir sind dabei der zuverlässigen Ansicht, daß aller Forschung über die anfängliche Bestimmung dieses Bauwerkes eine gründliche Untersuchung über dessen Ausdehnung, sowie über die eigenthümliche Beschaffenheit der noch vorhandenen Überbleibsel vorausgehen müsse. Jeder Geschichtskenner weiß es, in welche Unsicherheiten und Irrthümer Diejenigen gerathen sind, welche sich mit der Aufklärung der auf der rechten Rheinseite und an der Donau befindlichen ähnlichen Mauerzüge beschäftigten, und wie schwankend dieser Gegenstand wegen der ungenauen und oberflächlichen, ja oft irrthümlichen Angaben über den Verlauf dieser Ueberbleibsel noch heutzutage dasteht. Darum glaubten wir in alle Einzelheiten und Besonderheiten unseres Gegenstands eingehen, und eher eine theilweise trockene, als auf Kosten der Genauigkeit unterhaltene Darstellung desselben wagen zu dürfen.

II. Beschaffenheit der Mauertrümmer

Das Bauwerk, wovon hier die Rede ist , erscheint allenthalben nur in seinen Trümmern, und diese Trümmer gehören sämmtlich einer Mauer an, die zum größten Theile mit c. 2 Fuß tiefen, in Kalkmörtel gemauerten Fundamenten versehen, über dem Boden aber durchgängig mit 1-3 Fuß großen Bruchsteinen von meist unregelmäßiger Form ohne festes Verbindungsmittel, aufgeführt war. Die Festigkeit und Tiefe des Fundaments und die Anwendung des Kalkmörtels ist nicht überall die nämliche: in den meisten Fällen besitzen die Fundamente eine Tiefe von 2 Fuß, und sind in großen, zuweilen behauenen Bruchsteinen aufgeführt, die durch einen sehr festen Mörtel verbunden sind; zuweilen aber ist der Mörtel, in 1-2 Fuß Tiefe, nur sparsam angewandt, oder er fehlt auch gänzlich, und nur große Bruchsteine bilden die Grundlage im Boden, auf welcher sich der ganze Bau erhoben. Mit der ursprünglichen Breite der Mauer konnten wir nirgends außer an einem unten näher zu bezeichnenden Punkte zu einer absoluten Gewißheit gelangen: denn auch da, wo man die Fundamente bloß legen läßt, kann man aus der jetzigen Breite derselben nicht vollkommen gewiß auf die ursprüngliche Breite der Mauer schließen, indem dieselben an den Seiten aus den angrenzenden Aeckern ausgeräumt und somit schmäler geworden sind, und auch in den Waldungen durch frühere Bebauung des Bodens eine solche Schmälerung stattgefunden haben kann. Indessen läßt sich im Allgemeinen annehmen, daß die Breite durchschnittlich 6 Fuß betrug, so daß sie in gewissen Fällen bis zu 10 Fuß wachsen konnte. Die Trümmer erscheinen an verschiedenen Orten in verschiedener Form, am deutlichsten in solchen Gegenden, die durch Ackerbau und Cultur am wenigsten verändert sind; meist treten sie als ein langgezogener Rücken übereinanderliegender Steinmassen von 1-4 Fuß Höhe und 3-20 Fuß Breite, auf, der bald mit bloßer Dammerde bedeckt eine chausseeartige Wölbung bildet, bald mit Moos und Gesträuch dicht überwachsen ist; zuweilen bilden sie auch nur eine schwache Erhöhung des Bodens, oder es zeigen sich einzelne Steinhaufen, die in gewissen Entfernungen zu Tage treten; hie und da verschwinden die Spuren über dem Boden auch gänzlich. In diesem Falle kann man doch mit Sicherheit auf das frühere Dasein derselben schließen, indem sich beim Nachgraben im Boden die Fundamente meist wiederfinden; wo aber auch diese ausgereutet sind, da erblickt man bei frisch gepflügtem Felde, ungefähr in der Breite der Mauer, die Dammerde stark mit Kalkmörtel gemengt; sind dieselben nur ohnehin beseitigt, so daß die Dammerde nur eine schwache Schicht darüber bildet, so kann man an solchen Stellen an dem magern Getreidewuchse, wo sie aber gänzlich ausgeräumt sind, an der üppigen Vegetation (indem der Kalkmörtel gleichsam als Düngemittel dient) das frühere Vorhandensein derselben erkennen. Wo aber gar keine in Kalk gemauerten Fundamente vorhanden waren, und auch die Trümmer über dem Boden vertilgt sind, dienen diese Stellen entweder als Feldwege oder als Kreisscheidungen oder auch als Waldgrenzen; da solche Strecken keine sonderliche Länge haben und die Trümmer in derselben Richtung alsbald wiedrum über dem Boden erscheinen, so kann man auch hierbei über den ursprünglichen Lauf der Mauer nirgends in Zweifel gerathen.
Die zweckmäßige Auswahl der Baumaterialien, denen die Gebäude der Alten hauptsächlich die Dauerhaftigkeit verdanken, die wir an ihnen bewundern, sehen wir auch an dieser Mauer, die in allen ihren Theilen den Stempel römischer Bauart an sich trägt; die Bruchsteine und der Mörtel sind durchgehends vortrefflich, so daß erstere noch heutzutage von den Landleuten bei ihren Bauten begierig gesucht und verwandt werden. Es gilt ferner als Regel, daß die Trümmer aus derselben Gesteinart bestehen, wie sie der Boden, über den sie hinlaufen, jedesmal liefert, mithin bald aus Muschelkalk, bald aus buntem Sandsteine, wobei man jedoch ausnahmsweise den Sandstein auch da als Baumaterial Trifft, wo der Boden nur Kalk liefert, während wir den umgekehrten Fall nirgends beobachtet haben.
Aus der gegenwärtigen Höhe der Trümmer kann man schlechterdings nicht auf die anfängliche Höhe der Mauer schließen; nur so viel ist gewiß, daß dieselbe weit höher war, als es die noch vorhandenen Reste verrathen; denn die schönen Bruchsteine, aus denen sie bestand, wurden und werden noch heutzutage theils zum Straßen-, theils zum Häuserbau so eifrig verwandt, daß in Kurzem der Vorrath gänzlich erschöpft und das ganze Denkmal spurlos vom Boden verschwunden sein wird; jedoch möchte die anfängliche Höhe 10-12 Fuß nicht überstiegen haben. Alte Leute versicherten uns, daß die Trümmer in früheren Zeiten, bei einer Breite von 14-16 Fuß, noch eine Höhe von 3-4 Fuß und darüber gehabt, wo man jetzt nur mehr kleine Steinhaufen oder alle Spuren über dem Boden vertilgt sieht, – und welche Zerstörungen konnten in einem Zeitraume von vierzehn bis fünfzehn Jahrhunderten erfolgen!
III. Ausdehnung und Verlauf der Mauertrümmer
Der südlichste und der Stadt Trier am nächsten gelegene Punkt, den die Mauer auf ihrem bis jetzt bekannten Laufe berührt, ist das Dorf Aach, eine starke stunde nordwestlich von Trier. Schon in einiger Entfernung, da wo der Weg von der Aachener Landstraße rechts nach Aach ablenkt, in der Nähe des Sivenicher Hofes, sieht man, wie sich dieselbe in Gestalt einer langen Hecke (daher auch von den dortigen Landleuten Langhecke genannt) über die fernen Thalberge hinüberzieht. Wenige Schritte oberhalb Aach beginnt dieselbe auf dem unteren Thalhange, geht durch die Felder in westnordwestlicher Richtung die Anhöhe hinauf, wo sie, auf eine kurze Strecke unterbrochen, sich etwas nördlicher wendet und sodann über die oberen Höhen weiter fortsetzt, bis sie sich nach einem Laufe von 25 Minuten, ungefähr einen Büchsenschuß weit von der Aachener Straße, einige Hundert Schritte oberhalb des Wirtshauses Hohesonne, allmählig im Felde verliert. Daß sie sich ursprünglich bis zur Thalsohle (wo sie vielleicht durch das Dorf lief) erstreckte, ist um so weniger zu bezweifeln, da sie auf der andern Seite am Berghange wieder zu Vorschein kömmt und sich weiter nach Nordosten fortsetzt, wovon später die Rede sein wird.
In dieser Erstreckung bilden die Trümmer einen gewölbten, in seiner ganzen Ausdehnung mit Gesträuch bewachsenen Steinhaufen; die Steine, von ½ bis 1½ Fuß nach ihrer größten Abmessung, zeigen über dem Boden nirgends eine Spur von Mörtel und bestehen aus demselben Muschelkalke, der in dieser Gegend dem bunten Sandsteine des Moselthales aufgelagert erscheint. Während die Trümmer durchschnittlich eine Breite von 10 Fuß und eine Höhe von 1½-2 Fuß haben, besitzen die Fundamente, bei einer Tiefe von c. 2 Fuß, eine geringere Breite, und sind mit einem festen Kalkmörtel, derzuweilen kleine Ziegelstückchen eingemengt enthält, gemauert, wobei die Seitenwände aus größeren Bruchsteinen bestehen, die an der nach Außen gekehrten Seite flach behauen sind. Die Mauerung ist besonders gut an dem nördlichen Ende, oben auf der Höhe, zu sehen, wo auf eine ziemliche Strecke die eingemauerten Steine in gerader Linie über dem Boden hinlaufen.

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