Heimatkalender

Die Stauden-Madonna der Kyllburger Stifts- und Wallfahrtskirche im Spiegel von Legende und Geschichte

Heimatkalender 1966 | S.75-90 | Von Josef Brück

Nach einer treulich von Generation zu Generation überlieferten Legende sollte die im Jahre 1276 auf dem Stiftsberg erbaute Wallfahrtskirche zu Ehren „Unserer Lieben Frauen“ ursprünglich auf dem gegenüberliegenden Kyllberg bei dem Dorf Wilsecker errichtet werden. So hatte es der Bauherr, der Trierer Erzbischof Heinrich von Finstingen, geplant. Schon waren die ersten Bausteine auf jenem Berg angefahren, als ein höchst merkwürdiges Ereignis eintrat: urplötzlich waren die Steine verschwunden – am Morgen des folgenden Tages wurden sie auf dem diesseitigen Bergkegel, dem Stiftsberg, wiedergefunden. Engelshand habe dies bewirkt, doch auch der Teufel sollte seine Hand im Spiel haben, denn am Folgetag befand sich das Baumaterial wieder am vorgesehenen Platz bei Wilsecker.

Dreimal wiederholte sich dieser geheimnisvolle Vorgang, und als spielende Kinder im staudenartigen Gesträuch der Bergkuppe zu gleicher Zeit eine Madonnen-Darstellung fanden, glaubte der Erzbischof hierin eine Weisung des Himmels zu erblicken und begann mit dem Bau der Kirche auf dem Kyllburger Stiftsberg.

Das gläubige Volk aber hat eine Verbindung zwischen Sage und Wirklichkeit hergestellt, indem es das legendäre Madonnenbild in untrennbaren Zusammenhang mit Unserer Lieben Frau vom Stiftsberg brachte, die nun bald sieben Jahrhunderte hindurch als Stauden-Madonna dort oben „hoch im grünen Eifeltal“ thront.

Der einseitig nur dem materialistischen Zeitgeist der Gegenwart verhaftete Mensch des sogenannten Wirtschaftswunders hält nichts mehr von solch legendärer Kunde, doch wäre es lebhaft zu bedauern, wenn unsere fromme Sage das Opfer dieses Zeitgeistes würde.

Noch hüten die „Kinder der Eifel“ das ihnen überlieferte Sagen- und Legendengut als ein köstliches Vermächtnis ihrer Ahnen, und alle Stätten und Objekte, die Mittelpunkte denkwürdigen Geschehens bilden, sind unserer Eifelbevölkerung besonders ans Herz gewachsen. Und wenn gelegentlich ein hergelaufener Snob unsere Legende mit dem sattsam bekannten überlegenen Lächeln als frei erfundenes Ammenmärchen abtun will, so braucht sich der Erzähler dessentwegen nicht zu schämen; denn wie fast alle Sagen und Legenden frühchristlicher Zeit enthält auch unsere Mär einen historischen Kern mit unleugbarem Wahrheitsgehalt. In der Umrahmung der Stauden-Madonna am Nordportal der Stiftskirche hat Künstlerhand diesen Kern aus dem wetterbeständigen Kyllburger Sandstein herausgemeißelt und allegorisch dargestellt.

Um diese Symbolik in ihrer vollen Bedeutung verständlich zu machen, bedarf es einer sehr weitschweifigen Untersuchung der kirchlichen Verhältnisse damaliger Zeit sowie der äußeren Organisationsformen des kulturellen Lebens in den vorhergehenden Jahrhunderten, soweit diese den Raum Kyllburg-Wilsecker betreffen. Hören wir, was der Chronist an Hand herkömmlicher Überlieferung oder mittels urkundlich bezeugten Geschehnissen vermeldet: In der Einleitung zu einer Kurzgeschichte, die sich in der näheren Umgebung von Wilsecker abspielt, beschreibt der Verfasser, Heinrich Gueth, diesen Ort der Handlung wie folgt:

Schon in einer Urkunde vom Jahre 893 erwähnt, war das heutige Wilsecker mit Etteldorf (Ettelendopht) im Mittelalter ein bedeutendes Dorf. Eine christliche Kirche gab es dort schon im 8. Jahrhundert. Vorher stand hier ein heidnischer Tempel, und Etteldorf wird gar von Etzel abgeleitet. Das Registrum Prumiense führt Wilsecker-Etteldorf mit dem verschwundenen Wachert schon im Jahre 893 als Besitztum der Abtei Prüm auf. Etteldorf hatte später sogar zwei Gotteshäuser und ein Heiligtum, das lange Wallfahrtsort war.

Die Bewohner waren Leibeigene und der Abtei Prüm zehntpflichtig, bis auf die Bewohner des „Tempelhauses“, die dem Herrn von Kyllburg untertänig waren. Als Vögte (Untervögte) der Abtei Prüm regierten auf dem Herrenhof die Ritter von Wilsecker…

Zur Geschichte der Pfarrkirche Kyllburg schreibt Ernst Wackenroder in „Kunstdenkmäler der Rheinprovinz“ – Kreis Bitburg – S. 134:
„Eine Kirche in Kyllburg war schon im 9. Jahrhundert vorhanden. Das Güterverzeichnis der Abtei Prüm vom Jahre 893 (Beyer, mrh. Urk.-B. I, Nr. 135) kennt auf Etteldorfer Gebiet zwei Kirchen. Davon ist eine nach dem Kommentar des Caesarius von Prüm v. J. 1222 auf dem Berge Kileburgh gelegen und wird von Caesarius als Mutterkirche bezeichnet.“

Zur Geschichte der Pfarrkirche Kyllburg schreibt Dr. Franz Bock in „Kyllburg und seine kirchlichen Bauwerke des Mittelalters“: „Im Jahre 800 war die Höhe (der Stiftsberg) schon mit einer Burg gekrönt (Beyer, Urk.-B. zur Geschichte der mittelrheinischen Territorien). Damals schenkten nämlich die Eheleute Elmfried und Doda mehrere Ländereien, welche am Kiliberg gelegen waren, der Abtei Prüm. Vielleicht infolge dieser Schenkung wurde auf dem Berg auch eine Kirche errichtet; sie wird in einem Güterverzeichnis der Abtei Prüm schon i. J. 1222 als Mutterkirche bezeichnet.“

Bei genauer Durchsicht des Schenkungsvertrages v. J. 800 läßt sich gar leicht die Feststellung treffen, daß hinsichtlich der Lage der vorstehend genannten Ländereien irrtümliche Ansichten vertreten wurden. Nicht stichhaltig ist vor allem die bisher vertretene Auffassung, wonach diese Liegenschaften ausnahmslos im engeren Bereich des Stiftsberges zu suchen seien. Der Urkundentext spricht nämlich klar und deutlich von einem Grundstück, das mit bereits vorhandenem Prümer Besitz gemeinsame Grenzen hat (habet confines de uno latus terra s. saluatoris). Diese Definition dürfte auf den Stiftsberg nicht anwendbar sein, da dieser erst durch das Vermächtnis der beiden Eheleute in den Besitz der Abtei überging. Der Schenkungsakt als solcher wurde getätigt „in pago Bedinse iuxta castrum Kiliburg. et in alio loco. qui dicitur Mainouuis“.

Im Heimatkalender für den Kreis Bitburg 1962, S. 33, erwähnt Theo Kyll unter „Wüstungen im Kreis Bitburg“ u. a. auch eine untergegangene Siedlung in der Umgebung Kyllburgs, die unter dem Namen Mainouus schon i. J. 760 nachweisbar gewesen ist. Es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß wir es hier mit der im Schenkungsakt v. J. 800 bezeichneten Örtlichkeit gleichen Namens zu tun haben, zumal dieser Abhandlung eine Handzeichnung beigefügt war, aus der die Lage der wüst gewordenen Niederlassung leicht zu ersehen war. Sie lag im Raum Wilsecker/Etteldorf auf der Malberger Höhe. Diese Feststellung wird noch erhärtet durch den Wortlaut des Vertrages, den der Trierer Erzbischof Theoderich von Wied mit dem Abt Friedrich von Prüm i. J. 1246 anläßlich der Erbauung der Kyllburg geschlossen hat. Hier heißt es u. a.: „Jenseits des Kyllflusses sollen der Abt und die Seinen im ruhigen Besitze und Fortgenusse alles dessen verbleiben, was zu ihren Höfen in Badenheim und Wilsackere gehört.“

Angesichts der Tatsache, daß der jenseitige Kyllberg bereits vor dem Jahre 800 besiedelt war, erhebt sich die Frage, ob die Bezeichnung „Kiliberg“ urtümlich nicht diesem von der Kyll umflossenen und an Steilhängen dicht bewaldeten Bergplateau gegolten hat, dessen Zugang an der schmalen Halsstelle oder Kehle zwischen Wilsecker und dem heutigen Erdorf mit geringem Aufwand abgeriegelt werden konnte. Im Schutz dieser von Natur aus vorzüglich abgeschirmten und zusätzlich befestigten Frühzeitburg war es einem nach der Landnahme hier seßhaft gewordenen keltischen Sippenverband leichthin möglich, sich ungefährdet und stetig zu entfalten und mit fortschreitender Entwicklung neue Siedlungsgebiete zu erschließen.

Im Gegensatz hierzu ist von einer Dauerbesiedlung des diesseitigen Bergrückens vor Erbauung der Kyllburg (1239) nirgends die Rede. Viele Anzeichen sprechen allerdings dafür, daß diese gleichfalls kyllumflossene und zum weitaus größeren Teil auch dicht bewaldete Bergkuppe schon in frühester Zeit als Fluchtburg mit Bergwacht und Signalstation hergerichtet war und von den nicht kampffähigen Bewohnern der umliegenden Bergsiedlungen als ein Schutz und Schirm bietendes Refugium aufgesucht wurde, wenn feindliche Horden sich den heimatlichen Gefilden näherten, um diese in Besitz zu nehmen. Auch für die Verteidiger der Heimatscholle war der vom Hügel zur Kuppe des Stiftsberges leicht ansteigende Bergrücken von entscheidender Bedeutung, zumal er dem nach der Überlieferung sowie augenscheinlich ringwallbewehrten Burscheider Bergkopf vorgelagert war, von wo aus ein evtl. eingedrungener Feind in die Zange genommen und vernichtet werden konnte.

Ein radial angeordnetes Signalsystem ermöglichte es dem Beobachtungsposten auf der zentral gelegenen Stiftsberg-Kuppe, die an der Peripherie der gegenüberliegenden Hochfläche vorhandenen Stationen als Leitstellen einzuschalten und so den Anschluß an das größere und weitverzweigte keltische Signal- und Verteidigungssystem zu gewährleisten.

Hufeisenförmig und parallel verlaufend mit den gegenüberliegenden Kyllhängen, stellte dieser vorgelagerte „Brückenkopf“ schon in frühgeschichtlicher Zeit ein ideales und typisches Außenwerk dar. Die in den abendländischen Festungsbau eingegangenen Benennungen „Lunette“ (kleiner Halbmond) sowie „Demi-lune“ (Halbmond) spiegeln diese ihnen zugrunde liegende natürliche Landschaftsformung deutlich erkennbar wider. (Lunette ist die Bezeichnung für ein militärisches Außenwerk, das aus zwei Facen und zwei Flanken sowie einer offenen Kehle besteht. Demi-lune ist in etwa gleichbedeutend, nur daß hierbei im inneren Bereich noch eine Rückenschanze, eine Redoute, vorhanden war, in die sich die Besatzung nach Wegnahme der äußeren Verschanzung zurückziehen konnte. Diese Redoute war letztes Asyl oder Refugium für die Verteidiger.
Es gehört keinerlei Phantasie dazu, wenn ein kundiges Auge diesen Halbmond mit umgewandeltem Asyl oder Refugium als Symbol der „Stadt und Freiheit Kyllburg“ auf dem Kyllburger Wappenstein zu erkennen glaubt.
Offensichtlich widerspräche es nun dem Charakter einer durch urwüchsige Buchen- und Eichenbestände geschützten Fluchtburg, wollte man außer sogenannten Pirsch- oder Schleichwegen einen auch nur halbwegs passablen Zugang dorthin voraussetzen. Mit Recht kann daher gefolgert werden, daß dieses unwegsame Gelände erst mit Erbauung der Kyllburg einem geregelten Verkehr erschlossen und zugänglich gemacht wurde, so daß bis zu diesem Zeitpunkt das Vorhandensein einer christlichen Kirche auf dem Stiftsberg nicht gut denkbar ist. Hingegen trug der Stiftsberg zweifelsohne eine christliche Kultstätte auf seiner Kuppe, wo die in Notzeit und Bedrängnis dort weilenden Frauen und Mütter Hilfe für ihre Männer und Söhne sowie für Haus und Hof erflehen konnten. Unter den hier vorgebrachten Gesichtspunkten klingt es daher nur wenig überzeugend, wenn Dr. Bock im Vorhergehenden schreibt: „Vielleicht infolge dieser Schenkung wurde auf dem Berg auch eine Kirche errichtet“, und wenn diese dann unter Berufung auf das Güterverzeichnis der Abtei Prüm als Mutterkirche bezeichnet wird, oder wenn E. Wackenroder dasselbe Argument sinngemäß ins Feld führt. Da beide Autoren sich auf das vom Prümer Abt Caesarius i. J. 1222 verfaßte Güterverzeichnis berufen, mag es angebracht sein, den diesbezüglichen Originaltext zu einem Vergleich heranzuziehen.

Unter Anführung und Ausdeutung dieser Glosse kommt K. Föst (KYLLBURG EINST UND JETZT, S. 65) zu einem ähnlichen Ergebnis; er schreibt: „Kyllburg besaß schon sehr früh eine Kirche, und die Abtei Prüm hatte schon im Jahre 800 hier Ländereien. Das Güterverzeichnis der Abtei vom Jahre 893 nennt im Bereich des Prümer Hofbezirks zwei Kirchen: „Sunt in Etteldorpht ecclesie due.“ Abt Caesarius fügt in seinen Erläuterungen v. J. 1222 zu dieser Stelle des Güterverzeichnisses hinzu:

„Una ecclesia sita est iuxta malbergh. in monte. qui appelatur kile burhc et bona matrix ecclesia. alia sita est in uilla que appelatur willesacger. Videtur nobis quod comes vienne patronatus illius ecclesie. Cum decima teneat in feodo. que ecclesia sita est in monte iuxta malberhc.“

Von den beiden Kirchen lag also eine in der Nähe einer Gerichtsstätte (iuxta malberhc) auf dem Berge, welcher Kileburhc genannt wird, vermutlich dort, wo heute die Stiftskirche steht.“

Zu diesen Erläuterungen ist vorerst zu sagen, daß Abt Caesarius das eine oder andere aus dem Blickwinkel seiner Zeit kommentiert; so konnten die Grafen von Vianden um 893 noch nicht Vögte oder Schirmherren des Prümer Klosters sein, da die Geschichte der Grafschaft erst 1096 mit Gerhard von Vianden beginnt. Auffallend ist auch die Tatsache, daß Caesarius erst zwei Kirchen in Ettelendorpht erwähnt und diesen dann anschließend einen anderen Standort zuweist.

Wie erklärt sich nun diese Translation, derzufolge es möglich geworden ist, daß die zuvor angeführten Chronisten resp. Historiker eine dieser Kirchen auf den Stiftsberg verlegen wollen, und zwar dorthin, wo die im Jahre 1276 erbaute Marienkirche steht?

Im Staatsarchiv zu Koblenz befinden sich lt. Wackenroder Urkunden der gefürsteten Abtei Prüm v. J. 720 bis 1797 aus dem Klosterarchiv, darunter das Registrum Bonorum monasterii prumiensis in Eiflia vom Jahre 1222, geschrieben vom Exabt Caesarius von Prüm, der die Bemerkung hinzusetzte: librum antiquum conscribtum, transscripsi.

Dieser Zusatz ist von wesentlicher Bedeutung für die Aufhellung der von Caesarius vorgenommenen Umschreibung der beiden Kirchen. In Wirklichkeit handelt es sich hierbei lediglich um einen sprachgeschichtlich bedingten Vorgang, der folgendermaßen zu erklären ist: Mit dem Eindringen und Seßhaftwerden der germanischen Franken begann auch deren Stammessprache mit ihren unterschiedlichen Lauten in den kelto-romanischen Sprachraum einzuwandern bzw. einzudringen. Klostermönche unterzogen sich der schwierigen Aufgabe, die bisher an die keltische Sprache angelehnten Ortsnamen einzudeutschen. In Hinsicht auf die künftige Missionierung ergab sich zwangsläufig die Notwendigkeit, alle diejenigen Stätten umzubenennen, die noch vom Ruch keltischen Brauchtums umwittert waren, vorwiegend aber solche, die an den Sippenkult und die hiermit in Verbindung stehenden Weihestätten erinnerten. Somit ist es nicht verwunderlich, wenn das Prümer Urbar vom Jahre 893 die mit Willesacger weitgehendst bedeutungsgleiche Bezeichnung Ettelendorpht aufweist. Die enge Verwandtschaft zwischen diesen äußerlich grundverschiedenen Wortformen läßt sich nur auf etymologischer Basis nachweisen, und hier ist es wieder Abt Caesarius von Mylendunk, der uns über eine schwierig zu nehmende Hürde hinweghilft.

Das Bestimmungswort „Ettel“ in Ettelendorpht (heutige Schreibweise: Etteldorf) ist abgeleitet von „Atten“, ein Begriff, den Abt Caesarius in seiner Beschreibung der Güter und Renten des Klosters Prüm v. J. 1222 zwecks Erläuterung der Wortformel „mansi indominicate“ folgendermaßen herausstellt: Dies sind Hofäcker oder agri curiae, welche wir gewöhnlich Selgunt (Saatland) oder Atten oder Cunden nennen. Die Benennung curtis kommt häufig unter der Bedeutung Hof oder Mark vor. In späteren Zeiten bildeten mehrere Gemeinden einen Hof (Schannat-Bärsch – Eiflia III. – 1/2, 99).

Da die lautliche Entwicklung von Atten über Attel zu Ettel unschwer zu übersehen ist, könnte Ettelendorpht oder Etteldorf mit Attelendorpht oder Attendorf übersetzt werden. In der noch heutzutage von Einheimischen zumeist gebrauchten Redewendung „Etteldorfer Hof“ oder kurzhin nur „Hof“ klingt die Erinnerung an den Prümer Besitz noch deutlich an.

Im Gegensatz zum altererbten Stammwort Acker kommt „Atten“ als selbständiges Wort im deutschen Sprachgebrauch nicht mehr vor. Mit Ablaut begegnen wir ihm in Etter, gleichbedeutend mit Zaun, Einfriedung oder Grenzscheide. (Vgl. Mark = Grenzland, Grenzscheide oder abgegrenztes Gebiet).

Besondere Erwähnung verdienen in diesem Zusammenhang noch die beiden mit Acker/Atten eng verknüpften und bedeutungsverwandten Wortformen Ethel und Etzel; (germ.) „ethel“ ist die frühgeschichtliche Bezeichnung für Land oder Los = Losland, Ackerlos, d. i. mit der Lanze erobertes und durch Los zugeteiltes Land. In Auswirkung der 2. Lautverschiebung wurde Ethel zu edel = adel (ahd. adal), u. a. Bezeichnung für edles Geschlecht. „Etzel“ ist die mhd. Form für Attila (got.), Diminutiv von Atta, gleichbedeutend mit Vater, Herr, Haupt oder Fürst.
Die Erinnerung an diesen heidnischen Wolgafürsten, der zum Schrecken der Menschheit wurde, lebt weiter fort im traditionellen Husarenrock, der zum Attribut des lanzenbewehrten Reiters wurde.
Mit dieser Interpretation ist auch die weiter oben von H. Gueth angedeutete Verwandtschaft zwischen Etzel und Etteldorf in die rechte Ordnung gerückt.
Es wäre nun verfehlt, wollten wir uns unter dem Ettelendorpht des 8. Jahrhunderts eine geschlossene Ortschaft oder gar ein Dorf im heutigen Sinne vorstellen. Die Bewohner der im Gelände verstreut liegenden Einzelgehöfte waren in Sippenschaften oder Sippenverbänden zusammengeschlossen und bildeten eine kultisch-politische Gemeinschaft. Religiöser Mittelpunkt war der heilige Bezirk mit der Kult- oder Weihestätte. „Besonders verehrt wurde eine einheimische Trias von Schutzgöttinnen der ländlichen Gehöfte und Familien ihrer Besitzer, die sog. Matronen. Sie werden deshalb auch regelmäßig in ländlich-einheimischer Tracht und mit Fruchtkörben auf dem Schoß dargestellt und so als Schützerinnen des Landbaus und seiner Erzeugnisse charakterisiert; meist zu dritt in der Nische eines Tempelchens sitzend und von Pilastern flankiert, tragen sie lange Mäntel, die auf der Brust durch eine Spange gehalten werden, und große Hauben.“ (Rudolf Pörtner: Mit dem Fahrstuhl in die Römerzeit – S. 110/111).

Eine anders geartete Darstellung zeigt „die Gruppe der drei Muttergöttinnen von Vertillum (Côte d’Or). Frontal zum Betrachter sitzen die drei keltischen Muttergöttinnen in gallo-römischer Gestalt auf einer Bank nebeneinander. Die eine trägt das Wickelkind, die mittlere hält ein Wickelband bereit, die dritte Schwamm und Wasserschale“. (Pobé-Roubier: Kelten-Römer – Walter-Verlag, Olten und Freiburg i. Br.). Die zuletzt genannte Gruppe von Muttergöttinnen trug die spezielle Bezeichnung „Nutrices“; es waren die Schutzgeister von Mutter und Kind. Neben diesen als „Genien“ (genius loci) gedachten Heilkräften „verehrten die Kelten die verschiedensten Naturkräfte und Naturobjekte: Sonne, Mond, Meer, Wind, Quellen, Berge, Bäume (namentlich die Eiche) sowie bestimmte Tiere, denen übernatürliche Fähigkeiten zugeschrieben wurden… Wenn Caesar mitteilt, daß die Kelten von dem Dispater (d. h. Pluto, der Beherrscher der Unterwelt) abzustammen behaupten, so könnte dies auf die auch bei anderen Völkern vorkommende Anschauung hin gedeutet werden, daß die Menschen ihr Dasein auf einen Gott des Wachstums zurückführen, der unter der Erde wohnt und zu welchem sie nach dem Tode zurückkehren. Dies wird in der Tat auch von dem altirischen Gott Donn behauptet. Manche setzen ihn mit Cernunnus gleich, der in menschlicher Gestalt, aber mit zwei Hörnern am Kopf versehen, dargestellt wurde.“ (Die nichtchristlichen Religionen – von Professor Dr. Helmut Glasenapp.)

Das zuvor erwähnte Werk von Pobé-Roubier „Kelten-Römer“ bringt unter Nr. 177 ein Relief aus Reims (Marne) mit Kernunnos zwischen Apollo und Merkur: der mit untergeschlagenen Beinen hockende, den Torques (1) tragende, ursprünglich (weil mittlerweile zerstört) gehörnte keltische Gott, den ein Hirsch und ein Stier begleiten, thront zwischen den römischen Göttern Apollo und Merkur. Im linken Arm trägt er eine Keule, von der Rechten hängt über den Sitz herunter ein Netz oder ein Stück Fell, in dem man eine mit Geldstücken gefüllte Tasche als Zeichen seines Reichtums vermutet. Im Giebelfeld als drittes ihn begleitendes Tier die erdverhaftete Ratte.“

Unter Nr. 175 zeigt das gleiche Werk eine andere Darstellung: Kernunnos – Relief von Paris. Der menschengesichtige, jedoch gehörnte Gott ist an einer quadratischen Stütze dargestellt, von der nur der obere Teil mit dem Kopf erhalten ist. Meist wird Kernunnos mit einem Hirschgeweih dargestellt; hier hängen daran typisch keltische Schmuckringe (Torques) – (Cluny-Museum, Paris. Torqu [lat. torques] Halskette, ein Schmuckstück kelt. Herkunft.)

Für das Bergvolk der Kelten war dieser Erdgeist des Wachstums und der Fruchtbarkeit von elementarer Bedeutung. Älter wohl als die Genien, wurde Kernunnos seit archaischer Zeit als Spender der wildwachsenden Baum- und Strauchfrüchte verehrt, unter denen die Ecker, die Frucht derBuche und Eiche, als wichtigstes Grundnahrungsmittel dominierten, für den Menschen nach entsprechender Verarbeitung, für die Nachkommenschaft des domestizierten Wildebers als natürliche Rohkost.
Eine Bestätigung dafür, daß dieser Wachstumsgeist auch in unserer engeren Heimat verehrt wurde, liefert uns das bodenständige Fastnacht- und Nikolausabend-Brauchtum.

Unter der Überschrift „St.-Nikolaustag in der Westeifel“ veröffentlicht Dr. Nikolaus Kyll einen heimatgeschichtlich sehr wertvollen Beitrag, in welchem dieses uraltüberlieferte Brauchtum trefflich geschildert wird. Von besonderem Interesse ist hier die auf Seite 43 geschilderte Kritik des Prümer Abtes Regino, die da lautet: „Nun haben wir um das Jahr 900 im Visitationshandbuch des Regino von Prüm einen frühen Beleg für ein Maskentreiben an den Kalenden des Januar, das von ihm als heidnische Erscheinung getadelt wird. Dieses Kalenderbrauchtum vollzog sich nach einer Beichtfrage des Regino als ein Maskentreiben, bei dem besonders die Masken des Hirsches und eines alten Weibes für ihn auffallend sind. Hinter diesen Masken sind jahreszeitliche Wachstumsgeister zu suchen, bemerkt Dr. Nikolaus Kyll dann weiter. Jahreszeitlich fällt der merkwürdige ,,Pälzebook“ mit dem von Regino gerügten Maskentreiben zusammen. Man ist versucht, ihn aus dieser Zeit und Handlung als Abwanderung zum späteren Brauchtum am Nikolausabend anzunehmen und im „Pälzebook“ nicht zu Unrecht einen brauchtumsmäßig abgewandelten Wachstumsgeist zu suchen…“

Während dieser keltische Wachstumsgeist, personifiziert als leibhaftiger „Gottseibeiuns“ mit Stierhörnern und rasselnder Kette nur noch als Schreckgespenst im Kinderglauben existiert, wurde der Matronenkult verdrängt durch die im Anschluß an die Missionierung einsetzende Verehrung der drei heiligen Jungfrauen: Irmina, Adele und Clothildis, die fortan für den Sehutz und die gedeihliche Entwicklung der Hofstätten und ihrer Bewohner, insbesondere auch für gesundes Wachstum der Haustiere angerufen wurden.

Die Pfarrkirche zu Fließem birgt zwei spätgotische Retabel aus der im Jahre 1787 abgebrochenen Wallfahrtskirche Wachenfort. Über einem derselben stehen drei Heiligenfiguren, deren Attribute sie als Fides, Spes und Caritas ausweisen. Man geht wohl nicht fehl in der Annahme, dieses Vorkommen auf eine ursprüngliche Verehrung der drei heiligen Jungfrauen in der ehemaligen Klosterkirche Wachenfort zurückzuführen. Über den räumlichen Zusammenhang dieser Örtlichkeit mit dem Abteihof erfahren wir Näheres in Band 8 der „Veröffentlichungen des Trierer Bistumsarchivs“, herausgegeben von Bistumsarchivar und Bistumskonservator Dr. Alois Thomas, verfaßt von Dr. Ferdinand Pauly. Hier heißt es S. 187: „Der Prümer Abt Tankrad erwarb im Jahre 804 durch einen Prekarievertrag mit einem gewissen Berengard Besitz in Fließem, der im Jahre 971 um den Herrenhof Wachfort samt Kirche und einem Hof in Fließem vermehrt wurde. Als Entschädigung für die prekarische Schenkung überließ die Abtei einem gewissen Berland auf Lebenszeit 10 Hufen im Nachbarort Etteldorf, der uns als Sitz der Prümer Grundherrschaft um Kyllburg bereits begegnet ist. Da der Prümer Besitz östlich der Kyll in Etteldorf und Wilsecker den Bezirk Fließem flankiert (s. Schenkungsvertrag), scheint die Vermutung nicht unbegründet zu sein, daß die Prekarieverträge zur Arrondierung älterer Prümer Güter in Fließem geschlossen wurden.“
Bezüglich der in unmittelbarer Nähe von Wilsecker gelegenen Ortschaft Metterich befindet sich S. 143 des Bandes 8 eine Eintragung, wonach die Abtei Prüm lt. Prümer Urbar vom Jahre 893 dort einen Besitz von 5 Hufen hatte, die dem Hof Etteldorf zugeordnet waren.
Eigenartigerweise wird hier vom Vorhandensein einer Kirche nicht gesprochen, wohingegen E. Wackenroder in „Kunstdenkmäler des Kreises Bitburg“ folgendes anführt: „Metriche geht mit seiner grundherrlichen Filialkirche im Jahre 844 in den Besitz der Abtei Prüm über.“ (Beyer, mrh. Urk.-B. I, Nr. 58 – Goerz, mrh. Reg. I, Nr. 353.)
Wenn dem so ist, müßte diese Filiale eine Tochterkirche der mit Zehntrecht ausgestatteten Mutterkirche Wilsecker/ Etteldorf gewesen sein. Drei heilige Jungfrauen wurden auch in Metterich verehrt.

Recht auffallend ist hier die eindeutige Lokalisation der vorgenannten Kirchen, was man von der im Urbar von 893 erwähnten zweiten Kirche in Ettelendorpht nicht behaupten kann. War es dem hochgebildeten Sprachwissenschaftler Caesarius ein leichtes, eine der beiden unter Ettelendorphtrubrizierten Kirchen auf den herkömmlichen Standort Wilsecker zurückzuführen, so vermochte er einen definitiven Standort für die zweite Kirche nicht anzugeben; er verlegte sie auf einen Berg „iuxta malbergh“, Kiliburgh genannt. Diese vage Ortsbezeichnung gewährte nun der Spekulation weitesten Spielraum, und niemand ist in der Lage, dieses frühzeitliche Gotteshaus mit Sicherheit zu lokalisieren. Mit der örtlichen Bezeichnung malbergh kann die wohl später als 893 gegründete Ortschaft im Kylltal nicht gemeint sein. Der Stiftsberg scheidet offensichtlich wegen der weiten Entfernung von dieser Talsiedlung ebenfalls aus. Wenn es seine Richtigkeit mit der im Urbar vom Jahre 893 buchmäßig geführten zweiten Ettelendorphter Kirche hat, so kann deren Standort nur auf dem jenseitigen Kiliberhc im Raum WillesacgerEttelendorpht gesucht werden, denn dort liegt der frühgeschichtliche Malberg, der nachweisbar schon im 8. Jahrhundert besiedelt war. Aus dieser Keimzelle heraus hatte sich im Laufe der Jahrhunderte eine weit ins Hinterland verzweigte Sippen- resp. Stammesgemeinschaft entwickelt, deren kultisch-politischer Mittelpunkt auf diesem Berg lag. Als Oberhaupt dieses Stammesverbandes fungierte ein auf diesem mâle – Berge von 7 Freien erwählter Häuptling oder Dynast, der dort seinen Sitz hatte.

Als mit der Einführung des Christentums die uralte keltische Gesellschaftsordnung zerbrach, waren diese Dynasten als Träger des politischen und zum Teil auch des religiösen Lebens gezwungen, die angestammte Heimat zu verlassen, um in der Fremde neue Siedlungs- und Lebensmöglichkeit zu suchen. (Vgl. Finstingen-Malberg und Finstingen-Fenestrange, Kreis Saarburg.)

Der Name Malberg kommt in den mittelalterlichen Urkunden unter lautlich sehr verschiedenen Formen vor. „Bei den alten Deutschen hieß Malberg oder Malloberg ein Gericht oder vielmehr eine Gerichtsstätte. Unter dieser Bedeutung kommt der Name in einer Urkunde König Ottos III. vom Jahre 989 vor. In Verbindung mit dem jeweiligen Namensträger kommen dann noch folgende Bezeichnungen vor: Adalbero von Madelberg (1075), Kuno von Madelburg (1075), Adalbero von Machelburg (1107), Cuno von Mailberg (1204). Andere vor dem 16. Jahrhundert vorkommende Formen sind Modelberg, Mahilberg, Mailenberg oder Malberg (Eiflia III. I/2, 744 – 747).
Es braucht nicht besonders betont zu werden, daß alle diese Formen einen gemeinsamen Grundbegriff haben. Allerdings ist dieser mit der hier verzeichneten Gleichsetzung: Malberg = Malloberg = Gerichtsstätte nur teilweise erfaßt. „Mallen hießen die Gerichtssitzungen oder Volksversammlungen, in denen das, Salische Gesetz entworfen wurde, dessen 6. Artikel die merkwürdige Stelle enthält: Kein Teil der Salischen Erde soll an die Weiber kommen, sondern nur das männliche Geschlecht soll folgen können und nur den Söhnen soll das Erbe werden“ (Eiflia III. I/1, 69 – 98).
Mallo-berg ist demnach die älteste Grundform für Malberg, soweit es dessen Bestimmungswort anbelangt. Von den übrigen angeführten Bezeichnungen interessieren hier hauptsächlich die beiden Wortpaare Machelburg/Mahilberg und Mailberg/Mailenberg.
Beiden als erstes genannten Komposta ist das jeweilige Bestimmungswort wurzel- und stammverwandt mit: (lat.) macula = Fleck, Flecken (Ort), Mal, Schandfleck, Masche u. a.; (frz.) macule = tache = Fleck, Befleckung, Farbflecken, körperliches Mal, Einwirkung der Sünde auf die Seele, Eklipse; (frz.) macle = Durchdringung, Verschmelzung, Verwandlung; als Wappenemblem bedeutungsgleich mit einer Raute, deren Mitte wiederum eine kleinere Raute mit rautenförmiger Öffnung zeigt. Rautenfenster oder Facette.
Im frz. Sprachschatz befindet sich das Wort „Losange“ als Bezeichnung für „Raute„. Nach Larousse ist dieser Name gallischer Herkunft. Als ältestes heraldisches Ehrenzeichen stellt „Losange“ eine Lanzenspitze dar. (frz.) losanger ist transitives Verb; es bedeutet: in Rauten aufteilen.Raute=Rute ist ein uraltes Feldmaß (3,77 m); (engl.) rod oder rood ist gleich 17 Fuß oder dem vierten Teil eines Ackers.
Das Bestimmungswort „los“ ist gleichbedeutend mit: Anteil eines aufzuteilenden Ganzen, oder auch das, was dem einzelnen innerhalb einer Schicksalsgemeinschaft zufällt als Geschick (Los). Das Grundwort ange/anger entspricht unserem nhd. Wort Anger.
Zu den Bestimmungswörtern der Formen Mailberg/Mailenberg nun folgendes: (frz.) mail ist die Bezeichnung für einen walzenförmigen Hammer aus Holz, der an beiden Enden beringt ist und einen flexiblen Stiel besitzt. (frz.) mail-coach ist engl. Lehnwort = Postkutsche; diesem entspricht (frz.) malleposte = Postkutsche zum Befördern von Eilpost und Personen. Sowohl die englische als auch die französische Sprache haben für Post und Posten eine einheitliche Bezeichnung: so bedeutet frz. post einmal Post als Einrichtung zur Beförderung von Nachrichten aller Art, sodann aber auch Posten zum Bewachen oder zur Verteidigung eines bestimmten Gebietes. Für die Reiterpost sowie für die Pferde der Postkutschen wurden in bestimmten Entfernungen Umspann- oder Relaisstationen eingerichtet, um auch weit entfernt liegende Gebiete noch erreichen zu können. Die gleiche Doppelbedeutung geht hervor aus (engl.) post, was zusätzlich noch mit Pfosten, Pfahl, Säule und Ständer übersetzt wird.
(Frz.) maille, (lat.) macula, bedeutet u.a.: Masche, Knoten eines Netzes, der die sich kreuzenden Fäden eines Netzes miteinander verknüpft; Kette oder einzelner Ring der Kette, Kettenpanzer; ferner Fruchtknoten, Auge, Knospe sowie Fleck oder Sprengel im Gefieder junger Falken und Rebhühner. (Frz.) mailler ist trans. Zeitwort; es ist abgeleitet von maille und bedeutet: ein Netz Gechten oder stricken, häkeln (in Karo- oder Rautenform); desgl. Knospen oder Sprossen treiben = maien. (Frz.) mailleton, ebenfalls Erweiterung von maille, ist gleichbedeutend mit: Sprößling, Schößling, Setzling sowie mit Maitrieb. (Frz.) maillot (von maille) = Wickel, Windel, Kindesalter oder Kindheit.
Eng assoziiert mit mailf/maille ist frz. mille (lat. mille), ein Längen- oder Wegemaß, bei den Römern 1000 Fuß = Meile; (engl. mile = Meile).

Abgesehen von einzelnen, dem Wandel der Zeiten angepaßten Formeln vermitteln uns die hier beigebrachten Definitionen wertvolle Aufschlüsse über die Bedeutung des Kompositums Malberg. Als Knotenpunkt eines weitverzweigten Signalnetzes mußte auch das äußere Erscheinungsbild dieses Mailenberges bestimmten Anforderungen entsprechen; vor allem sollte er nach allen Seiten eine meilenweite Aussicht ermöglichen. Gewichtige Gründe sprechen dafür, daß es sich bei diesem mit Malberg identischen Mailenberg nur um den aus der großen Kyllschleife emporragenden Bergbering handeln kann, dessen höchste Erhebung (437 m) bis auf den heutigen Tag in Kartenwerken noch als Malberger Höhe mit trigonometrischem Punkt verzeichnet ist. Dieser Festpunkt im Vermessungsnetz gewährt einen meilenweiten Rundum-Blick, bei klarer Sicht bis zu 40 Meilen, allerdings mit einer Ausnahme: in nordöstlicher Richtung wird diese Sicht gehemmt durch die benachbarte, ca. 50 m höher gelegene Bourscheider Bergkuppe.

Der die Malberger Höhe in gleicher Richtung hin begrenzende und zur Kyll steil abfallende Berghang trägt die Bezeichnung Malberger Etzelter (noch so genannt in einer Remonstration vom Jahre 1711, heute mundartl. mit Etschelter bezeichnet). Dieser Wald gehörte ehedem zum Etteldorfer Hofbering der Abtei Prüm. An der eingangs erwähnten Halsstelle oder Kehle bei Wilsecker befindet sich ein sehr breiter und tiefgefurchter Graben, der nur nach längeren Regenperioden oder bei Schneeschmelze nennenswerte Wassermengen hangabwärts in Richtung des heutigen Ortes Erdorf zur Kyll hin befördert. In einem Beleydt (Zehntbegehung) vom Jahre 1575 wird derselbe Vinnessgraben oder Winkelsbach genannt. Das Bestimmungswort Winke1 weist hier auf einen abgeschlossenen und versteckt liegenden Platz hin, während Vinness verschiedene Bedeutung haben kann. Naheliegend ist die enge Verwandtschaft dieses Stammwortes mit lat. finis = Grenze oder Ende. Das Wurzelwort fin (frz.) bedeutet ebenfalls Ende, Endpunkt oder Spitze; (frz.) finage bezeichnet die gebietliche Ausbreitung einer Gemeinde, früher juristischer Verwaltungsbezirk. Die zweite Silbe dieser Wortverbindung war ursprünglich ein selbständiges Wort, wurzel- und stammverwandt mit lat. ager = Feld, Acker, Mark oder Bannmeile etc. Demnach kann finage mit Finacker übersetzt werden, und da die fränk.-germ. Endform für die Namen mit ack, acum, agker = Acker meist als ich, ach, ing und ingen in Erscheinung tritt, ergibt sich die mit Finacker eng assoziierte Wortform Finstingen logischerweise als gleichartiges Kompositum.

Nach Adam Wrede, „Eifeler Volkskunde“, weisen diese Namen auf die Siedlung einer Verwandtschaftsgruppe, einer Sippe, eines Geschlechtes hin. Demzufolge ist Finstingen bedeutungsgleich mit einem Sippenacker, an dessen Spitze ein Dynast oder Edelfreier die Herrschaft führte; er hatte seinen Sitz auf dem Malberg.

Es ist eine geschichtliche Tatsache, daß dieser Malberg bis zum Beginn des 14. Jahrhunderts nordwestlicher Grenzpunkt des Erzbistums Trier war. Erst Kurfürst Balduin gelang es, seinen Herrschaftsbereich über diese Grenze hinaus zu erweitern; denn im Jahre 1320 gab Friedrich von Malberg ihm den zur Herrschaft Malberg gehörigen Hof Burscheid für 100 Pfund Heller zu Lehen (Theo Kyll, Heimatk. Bitburg 1962, S. 41). Aus der mundartl. überlieferten und noch heute gebräuchlichen Bezeichnung op Burscheed geht eindeutig hervor, daß es sich bei dieser Belehnung nicht nur um einen Hof, sondern um ein größeres Gebiet auf dem bis zu 480 m ansteigenden Bergkopf handelte, dessen kyllumflossene „Nase“ wir im vorhergehenden als Kyll-Bergrücken mit Stiftsberg kennengelernt haben. Infolge ihres mäandrischen Verlaufs wurde die Kyll in diesem Raum zur Bergscheide; ihr verhältnismäßig breites Band trennte und vereinte zugleich die beiden Bergköpfe: Malberg und Burscheid. In fränkischer Zeit bildete der Burscheider Bergbering den südöstlichen Grenzsaum des Carosgau. Somit lag der seit vielen Jahrhunderten zur Wüstung gewordene ehemalige Herrenhof vor und nach der Belehnung auf einer urtümlichen Stammesgrenze, weshalb Burscheid ebenfalls als Malberg bezeichnet werden kann.

Erdwälle und Steinrauschen sowie die Flurnamen Annenberg, Rosenberg und Langmauer stützen die bereits weiter oben geäußerte Ansicht, daß diese Hochterrasse schon in frühgeschichtlicher Zeit besiedelt war und als strategischer Stützpunkt im keltischen Signal- und Verteidigungsnetz eine wichtige Rolle spielte. Unter Einschaltung der Signalpostenkette auf dieser hochgelegenen Bergkuppe konnte der vorhin erwähnte Übelstand auf dem gegenüberliegenden Malberg beseitigt und die dort vorhandene Lücke geschlossen werden.

Die Annahme ist durchaus berechtigt, daß aus diesen dicht beieinanderliegenden Frühzeitburgen, die durch das silberne Band der Kyll und zweifellos auch durch Blutsbande miteinander verbunden waren, die Geschlechter der Finstingen-Malberg und Malberg-Burscheid hervorgegangen sind.

Als mit Beginn des 11. Jahrhunderts die durch den Verfall der Karolingerherrschaft bedingten Rivalitätskämpfe um die Macht zwischen dem höheren Klerus und dem Adel durch einen Gottesfrieden beigelegt waren, stiegen auch die bis dahin auf ihren unzugänglichen Berghorsten noch verbliebenen „Seigneurs“ (Edelfreie und Barone) von ihren Höhen herab in die Niederungen der Flußtäler. Sie erbauten neue, mauer- und turmbewehrte Burgen auf kleineren Anhöhen am Fuß des Berges, den sie bisher bewohnt, und so ist es nicht verwunderlich, wenn wir nicht nur in Malberg, sondern auch andernorts an ehemaligen Stammesgrenzen Doppelburgen finden (Manderscheid, Ulmen u. a.).

Ein kritischer Leser mag vieles von dem hier Dargebotenen als unrealistisches Wunschdenken oder reine Hypothese ablehnen. Solche mehr oder weniger berechtigte Zweifel werden jedoch mit Hilfe unserer feinen Legende von der Stauden-Madonna weitgehend abstrahiert und in den Bereich der Wirklichkeit gerückt. Denn gleicherweise wie ein Parabolspiegel die Strahlen der Sonne, so reflektiert die von Künstlerhand geschaffene Symbolik am Nordportal der Stiftskirche die wesentlichen Details der hier vorliegenden geschichtlichen Betrachtung.

Da ist zunächst die historische Persönlichkeit des Heinrich von Finstingen, dem hier ein monumentales Denkmal errichtet wurde. Ein aufmerksamer Leser wird sogleich feststellen können, in welcher Form und unter welcher „Beschriftung“ sich dieser Gedenkstein unserem Auge darbietet. Über den Geburtsort dieses Trierer Erzbischofs vermerkt die Gesta: „Heinrich von Finstingen (Fenetrange) aus einem lothringischen Geschlecht an der oberen Saar, geboren zu Malberg an der Kyll“. (Emil Zenz – Die Taten der Trierer – Anm. zu Kap. 112 Bd. IV, S; 107).

Wie erklärt sich wohl die ursprüngliche Absicht dieses Kirchenfürsten, die Kirche U. L. Frauen auf dem Berg bei Wilsecker und nicht in Malberg, der Stätte seiner Geburt, zu errichten’? Befragen wir die Stauden-Madonna, sie wird uns in gedrängter Form eine umfassende Antwort geben; denn wie alles Sakrale, so ist auch dieses Madonnen-Bildnis der Vorstellungswelt des säkularen Lebens entnommen, was allein schon durch das schmückende Beiwort „Stauden“ zum Ausdruck gebracht wird. Unter diesem Gesichtspunkt mag es statthaft sein, das von Künstlerhand in die Konturen dieser Statue projizierte Gedankengut zu enthüllen, ohne den kultisch-religiösen Gehalt derselben anzugreifen oder zu verletzen. Die Staude ist ein treffliches Sinnbild des menschlichen Lebens, des Todesschlafes und der Auferstehung. Nicht der oberirdische Teil dieser Pflanze ist das Wesentliche – er stirbt jährlich ab –, sondern der in der Erde ruhende Wurzelstock, der im Frühjahr wieder neu ersprießt, zu neuem Leben erwacht.

Unter dem Gattungsnamen Wurzelstock (radix et matrix) werden alle Arten von Staudengewächsen zusammengefaßt. Die urtümliche Bedeutung dieses Fundamentalbegriffes läßt sich an Hand der französischen Sprache noch nachweisen. So bedeutet (frz.) cep: Wurzelstock, Stamm, Weinstock, Rebe; (frz.) cépée = Schößlinge und Sprößlinge, die von einem Wurzelstock oder Stamm ausgehen, oder auch Busch, Büschel, Haarbüschel.
(Frz.) cépage = Rebacker, Pflanzung von Setzlingen oder Setzreisern, Beben; (frz.) souche = Wurzelstock, Baumstumpf, Stamm, Stammvater (fig.), Ursprung, Quelle, Herkunft, desgl. Kerzenstock aus Holz oder Metall.
Gleiche Bedeutung hat in etwa (span.) cepa = Wurzelstock, Stamm (ebenfalls fig. gebraucht), desgl. Weinstock, Weinrebe. Hierher gehört noch (irisch) sept = Stammvater, Geschlecht; (frz.) tige = Stengel, Stammvater.
Der Zusammenhang dieser kelto-romanischen Wortreihe mit (germ.) sipp oder Stammvater, sowie mit ahd. sibba = nhd. Sippe ist unverkennbar.
Obwohl die ursprüngliche Bedeutung dieser Wurzel- und Stammwörter eine Einschränkung erfahren hat, machen sich in den kelto-romanischen Formen noch Einflüsse der keltischen Naturreligion bemerkbar, und wir werden gleich feststellen können, wie eng uraltes Gedankengut aus vorchristlicher Zeit in das Bildnis der Stauden-Madonna hineinverwoben ist.

Drei Stauden entspringen einem gemeinsamen Wurzelstock. Die drei unverzweigten, kantigen Stengel dieser Stauden bilden mit ihren ineinander verzahnten Hochblättern ein naturgetreues Pflanzenkapitell, aus welchem eine „Dolde ganz besonderer Art“ emporwächst: sie präsentiert sich uns in ihrem Äußeren als keltisch-römische Matrone, unnahbar, feierlich und würdevoll in Haltung und Gebärde. Ihr ernstes Auge schaut weit zurück ins Dunkel der Vergangenheit, ins Reich der Mütter… So thront sie hier in majestätischer Zeitlosigkeit als Stammutter und Ahnfrau uralt-adligen Geschlechts. So sah sie wohl der Künstler, der dieses Bildwerk schuf und mit ihm noch manche Zeitgenossen. Doch etwas anderes noch sah des Meisters geistiges Auge: den Sprößling einer reinen, keuschen Magd, den Knaben Jesus! Nachdem er auch dessen Bildnis aus dem spröden Sandstein herausgemeißelt hatte, setzte es der Meister der Matrone auf den Arm zur Linken. Nun wandelt sich das vorher noch so weltenferne, bereits erstarrte Bild, denn nun thront auf dem Staudenkapitell eine anders geartete zweite Stammutter mit ihrem Sprößling: Notre-Dame, die Stauden-Madonna!

Geblieben ist der alte Schmuck der angestammten Herrscherin. Den hehren Stand versinnbildlicht die perlverzierte Krone. Natürliche Eigenart verrät die Form der Zacken oder Zinnen, die aus Heiden- oder Heckenrosen gebildet werden, sowie die geflochtenen Zöpfe, die beiderseits den Rand des typisch keltischen Kopftuches flankieren. Originell ist auch die Brosche (frz.) broche (ein Wort keltischer Herkunft), die hier als Fibula das Untergewand der „Domina“ zusammenhält: durch die vierbogige Öffnung eines Vierpaß-Schildchens werden die beiden am oberen Rande des Untergewandes befestigten Ringe vertikal hindurchgezogen und mittels eines starken, auf dem Schilde aufliegenden Dorns (kleiner Spieß) befestigt. – Auffallend am Oberkleid ist die scharfe Kurve unter dem rechten Arm, die den Gürtel mit dem Schloß sichtbar werden läßt. Zweifelsohne kann hierin ein Hinweis auf die große Kyllschleife erblickt werden, eine Vermutung, die durch den Gürtel mit der Schnalle zu sicherer Gewißheit wird. Die Allgemeinbedeutung des Gürtels als Band aus Stoff, Leder oder Metall zur Befestigung irgendeines Objektes ist uns bekannt. In Zusammensetzungen dient das Wort zur Bezeichnung von einem Wassergürtel oder Flußlauf, einem Mauergürtel (Verschanzungsmauer usw.), Erdgürtel oder einer Zone u. a. –

Eng verknüpft mit dem Gürtel ist die Schnalle, deren Zweck uns ebenfalls generell bekannt ist. Eine begriffliche Erweiterung dieses Wortes liefert uns die französische Sprache. Dort bedeutet „boucle“ Schnalle; u.a. noch folgendes: geflochtene oder gelockerte Haartracht (Ondulation), fernerAgraffe, ein Häkchen mit Öse zur Befestigung gegenüberliegender Randsäume eines Gewandes, Ohrringe, und – was von besonderer Bedeutung im Rahmen dieser engeren Thematik ist – „une grande courbe d’un cours d’eau“ große Krümmung eines Wasserlaufs.

Nach dieser Erläuterung des äußeren Zierats wenden wir unseren Blick von dessen Trägerin ab und dem auf ihrem Arm ruhenden Sprößling zu. Hier ist es wiederum das äußere Erscheinungsbild, dem unsere Aufmerksamkeit vorerst gilt. Da ist zunächst das Jäckchen des Knäbleins, das die Form einer Attila hat und mit fünf Knöpfen und der zugehörigen Verschnürung ausgestattet ist; es ist dies das unverkennbare Merkmal eines Pagen oder Edelknaben. Dann ist’s das liebreizende, adlige Köpfchen des Kindes, das die Oberflächenform einer Doldentraube aufweist – ein untrüglicher Hinweis auf die enge natürliche Verwachsung dieses „Sprosses“ mit der Staude und dem Wurzelstock. Ein eigener Reiz liegt in diesem Köpfchen, insofern es, statt sich seiner Mutter zuzuwenden, nach oben blickt, dorthin, wo auf der unteren Eichblattkrabbe des Baldachins ein winzig kleiner Wildeber neugierig nach dem Knäblein blinzelt. (Der ausgewachsene Wildeber genoß bei den Kelten kultische Verehrung; als Sinnbild urwüchsiger Kraft, des Mutes und des ungestümen Andranges schmückte er die Standarten keltischer Truppenverbände.) – An dieser Stelle verdient noch das Tympanon besondere Erwähnung, das unmittelbar über dem Türsturz emporragt, und dessen Bilderschmuck wesentliche Grundelemente der keltisch-kosmologischen Weltanschauung zum Ausdruck bringt.

Mit diesem Hinweis auf die „heidnische“ Vergangenheit und die christliche Gegenwart beschließen wir diese Betrachtung. Noch einmal muß hervorgehoben und besonders betont werden, daß es sich hier nicht darum handeln konnte, eine sakrale Darstellung zu analysieren und so deren Würde anzutasten; der religiöse Gehalt des Bildnisses sollte nicht zerteilt, zerlegt werden. Es ging ausschließlich darum, den in der Umrahmung und den äußeren Konturen integrierten historischen Kern herauszuschälen und die hierauf gegründete geschichtliche Abhandlung unter Beweis zu stellen.

Verharren wir zum Abschluß noch einen Augenblick vor der Stauden-Madonna mit dem Jesusknaben, um die stille Weihe dieser Darstellung zu genießen. Wer je an einem sonnigen Frühlingsmorgen in andächtiger Betrachtung vor diesem Bildwerk stand, dem war’s, als vernähme er im Gesang der Vögel, im Singen und Klingen der wiedererwachten Natur das verhaltene Echo des im Laufe der Jahrhunderte von tausendmal Tausend Pilgerstimmen gesungenen Marienliedes:

Kommt, Christen, kommt zu loben,
der Mai ist froh erwacht!
Singt aus des Lobes Lieder
in seiner Blütenpracht!

Kommt, singt mit reichstem Schalle,
tief aus des Herzens Grund!
Stimmt alle ein, ihr Vöglein,
ihr Blüten, reich und bunt!

Du reinste Himmelsblüte,
an Gnadentau so reich,
dir ist an Duft und Schönheit
auf Erden keine gleich.

Kommt, schlingt um die Altäre
des Maien schönste Pracht
zum Preis der Makellosen,
die Gott so groß gemacht!

 

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