Örtlichkeiten

Die römische Villa Oterang bei Kyllburg

Das Eifelland 1897, Nr. 21, S. 172-174
Von Friedrich Kreutz, Kyllburg

In den Trierischen Zeitungen sind vor einiger Zeit nähere Mittheilungen über den jeweiligen Stand der Freillegungen der auf dem Schaab’schen Grundstück (in der Nähe des römischen Kaiserpalastes) in Trier neuentdeckten Mosaikböden gemacht worden. Manche Leser der Zeitschrift „Eifelland“ werden diese Nachrichten mit Interesse verfolgt, der eine oder andere vielleicht auch schon an Ort und Stelle die Ausgrabungen persönlich in Augenschein genommen haben, jedoch nicht jedem dürfte es bekannt sein, daß die Eifel weit schönere und künstlerisch werthvollere römische Mosaiken besitzt, als solche bis jetzt die alte Augusta Trevirorum aufzuweisen vermochte.

Geht man von Kyllburg über die Wilsecker Linde, durch die Thalschlucht ins Kyllthal, überschreitet an den Schulte’schen Steinbrüchen die Kyll und wendet sich den jenseitigen Höhen zu, so bemerkt man südlich vom Dorfe Fließem, etwa ½ Kilom. von der ehemaligen Trier—Kölner Römerstraße entfernt, in geschützter Thalmulde mehrere zumeist scheunenartige Gebäude und Hallen sowie eine Wärterwohnung, welche dazu dienen, die werthvollsten Stellen eines aufgedeckten umfangreichen Ruinenfeldes zu überdachen und vor weiterer Zerstörung zu schützen.

Die ganze, überaus luxuriöse Beschaffeneheit der Gebäudereste bezw. der in denselben ausgestellten Funde deuten darauf hin, daß der Prachtbau in der Blüthezeit der römischen Herrschaft entstanden sein muß und gibt der Vermuthung Raum, daß derselbe die Jagdvilla eines Kaisers oder eines römischen Grafen gewesen ist.

Bevor ich auf die nähere Beschreibung der interessanten Ausgrabungen eingehe, möchte ich noch einer Sage gedenken, welche nebst vereinzelten Funden an römischen Münzen und Mörtel- und Mosaikstückchen hauptsächlich den Anlaß zu den erfolgreichen Nachgrabungen gegeben hat. Dieselbe lautet:

Ein armer Hirtenknabe weidete einst im Distrikt Oterang-Weilerbüsch seine Heerde. Indem derselbe über seine und seiner Eltern Armuth ernste Betrachtungen anstellte, erblickte er plötzlich an der heutigen Trümmerstelle dem Erdboden entsteigend ein prächtiges stolzes Schloß. Das Schloßtor öffnete sich und heraus trat eine schöne, weißgekleidete Frau, welche dem erstaunten Hirtenjungen ein mit Gold und goldenen Früchten gefülltes Körbchen überreichte. Kaum war dies geschehen, als die Erscheinung ebenso rasch und auf dieselbe Weise verschwand, wie sie wenige Augenblicke vorher aufgetreten war.
Wiederholt soll die weiße Frau an dieser Stelle den Kindern erschienen sein und selbige Geldstücke als Geschenke überreicht haben. (vergl. auch Schmitz, Eifelsagen Seite 11 „Die Frau von Oterang“). Abgesehen von einzelnen Münzfunden, welche besonders nach heftigen Regengüssen im Sturzacker gemacht wurden, kam man im Jahre 1827 bei Auffindung eines größeren Mosaikstückes auf den Gedanken, daß obige Sage doch wohl einen realen Untergrund haben müsse. Ein Ackersmann Namens Hilarius Leuk aus Fließem grub im Jahre 1833 nach und entdeckte schon beim ersten Versuch in einer Tiefe von 1,20 Meter einen schönen Mosaikboden.

Der damalige Königliche Kreissecretair Herr Malegaur in Bitburg erhielt von dem Funde Kenntniß und ist es diesem Herrn hauptsächlich zu verdanken, daß die Ausgrabungen durch fachkundige Hände geleitet und die betreffenden Grundstücke Staatseigenthum geworden sind. Wäre Herr Malegaur nicht sofort vermittelnd eingetreten, so wären die herrlichen Mosaiken bei der Suche nach Schätzen ohne Zweifel vollständig durchbrochen und zerschlagen worden, zumal die betreffenden Eigenthümer weniger Werth auf die Kunstgegenstände legten, sondern recht emsig nach dem vermeintlichen Geldtopfe suchten und alle anderen Sachen achtlos bei Seite warfen.

Aber auch die Kosten der sorgfältigen Ausgrabungen wären für die Grundeigenthümer zu hoch geworden, denn es handelte sich um eine bloßzulegende bezw. zu durchforschende Gebäudefläche von nicht weniger als 4000 Quadratmeter.

Gelegentlich der Anwesenheit des kunstsinnigen König Friedrich Wilhelm IV. in den Rheinlanden nahm dieser Monarch bei seiner Reise von Prüm nach Trier von der Oteranger Römervilla persönlich Einsicht und ordnete noch weitere Nachgrabungen sowie zweckmäßige Vorkehrungen für die dauernde Erhaltung der prächtigen Funde an.

Die Materialien der bloßgelegten Umfassungs- und Binnenmauern bestehen aus regelmäßig zugerichteten Kalksteinen mit Mörtel und Kalk und grobem Sand, wie solche z.B. in den Ruinen des Amphithaters in Trier vorkamen. verbindende Ziegelschichten, welche u.A. am Mauerwerk des römischen Kaiserpalastes sowie an der Westseite des Domes in Trier zu Tage treten, sind nicht vorhanden. nur die Heizanlagen sind aus gut gebranntem Ziegelstein, in Lehm versetzt, hergestellt worden.

Der Mauerputz ist in den Prunkgemächern sehr stark aufgetragen und besteht aus drei deutlich erkennbaren Lagen, von denen die erste ziemlich grob, die mittlere fein, die letzte dagegen politurfähig war. Die polierten Flächen waren mit schönen lackartigen, sehr dauerhaften Farben bemalt und sind davon noch größere, wohlerhaltene Fragmente zu sehen.
Die gewöhnlichen Gemächer, welche muthmaßlich zum Aufenthalt für Diener und Sklaven bestimmt waren, sind weit einfacher gehalten, tragen einen groben, blaßgelben Anstrich mit braunrothen Streifen in den Ecken und haben weder Mosaikböden noch Heizanlagen, sondern nur einfachen Estrich mit einer Unterlage von Kalksteinpflaster. Die besterhaltenen Räume der letzten Art befinden sich im Erdgeschoß der heutigen Aufseherwohnung.

Die Unterlage zu den Mosaikböden ist durch Kalksteinpflaster mit darüber angelegtem Kalkmörtelanstrich gebildet. Auf dem Estrich breiten sich wundervolle Teppichmuster und Bildwerke aus, welche durch niedliche, etwa ¾—1 Cubikcentimeter große, vielfarbige Steinchen kunstvoll in seinen Kalkkitt zusammengesetzt und an der Oberfläche poliert sind. Die würfelförmigen Steinchen sind anscheinend mittels scharfer Meißel von Marmor und Kalkstein sowie gebackenen, farbigen Thonstangen mühsam abgespalten worden.

Einige der Prunkgemächer sowie die Schwitzkammern bei den Badeanlagen waren mit Heizvorrichtungen versehen, welche theilweise noch vorzüglich erhalten sind. bei diesen Räumen befinden sich die Heizkammern, von welchen die Wärme mittels der Heizkanäle unter die auf Ziegelpfeilerchen von etwa 30 Centimtr. Abstand hohlgelegten Mosaikböden gelangte und an den Wänden (Insbesondere in den Schwitzkammern) auch durch aufsteigende Ziegelröhren weitergeleitet wurde.

Weder die Heizkanäle noch due Ziegelpfeilerchen und Heizröhren tragen nennenswerthe Spuren von Rauch, und es muß daraus geschlossen werden, daß als Brennmaterial ausschließlich gut gebrannte Holzkohle gedient hat. In den Heizkammern finden sich noch Spuren von Kohlestaub und Asche.

Der größte und schönste Boden besteht aus zwei Teppichmustern, welche mit besonderer Sorgfalt ausgeführt sind und wovon das eine ein Rechteck, das andere einen Halbkreis bildet.
An der Stelle, wo die Teppiche zusammenstoßen, ist ein Band von etwa 60 Centimtr. eingeschoben, welches von den übrigen 6 Mosaikarbeiten erheblich abweicht, in dem es auf einfarbigem Untergrunde verschiedene Thiergestalten aufweist, die von einer geschmackvoll ausgeführten Ranke gruppenweise umschlungen sind. In einem der gößeren Felder verfolgt ein Löwe ein flüchtiges Pferd, in dem anderen ein Tiger einen Steinbock, ferner gewahrt man in den kleineren Feldern künstlerisch geordnet zwei Eichhörnchen, eine Eule, sowie einen nach einer Schlange haschenden Storch.

An einem Bergabhange gegenüber den Ausgrabungen wurden ungefähr gleichzeitig im Steingeröll schöne Architekturfiguren, sowie mehrere Stücke einer etwa 2 Meter hohen weiblichen Figur ausgegraben und handelt es sich bei diesen Fragmenten muthmaßlich um einen der Göttin Diana geweihten Tempel.

Schon bei Aufdeckung der Ruine fand man, daß einer der Böden mittels einfachen Mörtels ausgebessert worden war, und zog daraus den Schluß, daß jedenfalls kein Römer den Bau zuletzt bewohnt hat. Ueber dem ganzen Trümmerfeld lag eine leichte Kohlen- bezw. Aschenschicht, und ist der stolze Bau wahrscheinlich erst unter der Herrschaft der Franken und zwar hauptsächlich durch Feuer zerstört worden.

Bei den Ausgrabungen haben sich ferner vorgefunden und sind ausgestellt: schöne Bruchstücke von Wandbekleidungen und Frescomalereien in Gelb und Grün auf rothem Untergrund, prächtige Säulenfragmente, Lanzenspitzen, Speere, Urnen und Urnentheile aus gewöhnlichem Thon sowie aus terra sigilata, kunstvolle Schlüssel, Schmuckgegenstände, ein größeres Reliefbild in Bleiguß, darstellend eine Sauhatz, Köpfe von Statuen der Juno und Minerva, eine noch gut erhaltene Diana, wie sie von Antäon im Bade belauscht wird, Röhren, verschiedene Marmorstücke, Messer, Löffel, eine Tischglocke, eine zierliche Waage ähnlich den noch heute in der Eifel gebäuchlichen sogenannten Glückwaagen, Spielsachen usw.

Zahlreiche, scharfgeprägte Münzen der römischen Kaiser Vespasian, Constantin, Diocletian, Claudius-Nero, ein Geldstück, darstellend die Wölfin mit Romulus und Remus, sowie drei Stücke, um welche sich in Folge des mehr als tausendjährigen Lagerns im Kalkboden und der Oxydation ein glasartiger durchsichtiger Emailüberzug in Blaugrün gebildet hat, erregen besondere Aufmerksamkeit.
Verschiedene eiserne Schellen, welche daselbst aufbewahrt werden, sind zwar an Ort und Stelle aufgefunden worden, scheinen aber nichts weiter gewesen zu sein, als sogenannte Kuhglocken, wie man solche noch zu Anfang des Jahrhunderts in der Eifel dem Vieh beim Weidegang umzuhängen pflegte; auch findet man in der Münzsammlung ein Stück, welches sich bei näherer, aufmerksamer Besichtigung als ein ausgehämmerter alter Pfeifendeckel erweist, den ein pfiffiger Bauer dem jetzigen Aufseher als wichtigen Fund zur Einverleibung in die römische Münzsammlung überbrachte.
Fast von allen sehenswerten Ortschaften, Bauwerken, Ruinen u.s.w. der Eifel sind gegenwärtig Abbildungen, Ansichtspostkarten ec. zu haben, worunter ganz besonders die Lichtdrucke der Graphischen Anstalt von Schaar & Dathe in Trier sowohl die Bewunderung der Liebhaber als die Anerkennung der Kunstkenner erregen, nur bis hierhin hat sich die Ansichtspostkarte noch nicht gewagt, obwohl dieselbe wegen der Moasaikarbeiten doch so sehr erwünscht ist und dringend begehrt wird.

Eine von dem Architekten C. W. Schmidt gefertigte ausführliche Beschreibung der Alterthümer, sowie ein Grundriß und 6 Tafeln, welch letztere die genauen Zeichnungen der Mosaikböden enthalten, liegen in Oterang zur Einsicht offen.

Auch von Station Erdorf, sowie per Provinzialstraße Kyllburg—Malberg—Staffelstein sind die Alterthümer bequem zu erreichen.

Jeder Besucher findet in dem Herrn Aufseher Werner zu Oterang stets einen ebenso kundigen als liebenswürdigen Führer und ist im Gasthause Berens—Fließem für ländliche Erfrischungen aufs Beste gesorgt. Ein Besuch der beschriebenen Sehenswürdigkeiten verlohnt sich sehr und wird Niemand die dafür aufgewendete geringe Mühe bereuen.

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