Heimatkalender

Die Pinn in Kyllburg

Heimatkalender 1995 | S.173-177 | Von Thea Thömmes, Kyllburg

Fast hundertfünfzig Jahre ist die Pinn als Wirts- und Gasthaus bekannt; zumindest allen älteren Kyllburgern Bürgern. Warum dieses Haus Pinn heißt, dürfte weniger bekannt sein. Damit es jeder weiß: hier war vordem eine Pinnenschmiede, das ist eine Nagelschmiede.
Pinnen nannte man und nennt man vielfach heute noch die Schuhnägel. Gepinnte Schuhe gibt es heute nicht mehr. (in einer Turnschuhgeneration“ sind Pinnenschuhe nicht mehr gefragt.) Früher trug man fast nur gepinnte Schuhe. Wenn die Kinder zur ersten hl. Kommunion gingen, bekamen sie neue Schuhe. Diesen einen Tag sollten sie auf leisen Sohlen schweben. Aber meistens wurden die Schuhe dann am folgenden Tag benagelt. Die benötigten Schuhnägel hatte man oft schon vor Wochen oder Monaten gekauft. Die Pinnenschmiede gingen alle drei bis vier Wochen mit ihren selbstgeschmiedeten Nägeln hausieren. In einem zweiteiligen Sack, der über die Schulter gelegt wurde, trugen sie die Pinnen. Der letzte Pinnenschmied in Kyllburg war „Pinneklaudchen“. Er wohnte in der Schneidergasse (ehemals Oberkailer Straße) jetzt Bademer Straße. In den 1890er Jahren wanderte er nach Amerika aus, ein großer hagerer Mann mit einem langen, spitzen Schnurrbart. Wir Nachbarsjungen, schreibt mein Onkel in der Familienchronik, gingen gern und oft in die Schmiede (Nagelschmiede); teils wegen des spaßigen Meisters, teils wegen Tyraß, seines Hundes. In der kleinen Schmiede waren 2 Ambosse, dahinter der Blasebalg, den der in einem Rade laufenden Tyraß in Bewegung setzte und einen Haufen dünner runder Eisenstangen. „Tyraß, ins Rad!“, sagte Klaudchen, und dann ging’s los. (Klaudchen kommt aus dem Französichen von cloutier = Pinnenschmied.) In den letzten Schuljahren durften wir uns zuweilen auf dem Reserveamboß versuchen, Pinnen zu schmieden. Oft sind sie zwar schlecht geraten, aber „Klaudchen“ sagte: „Macht nichts, die gehen mit durch“, berichtet mein Onkel.
Die Zeit, da die Pinnenschmiede gut verdienten, war längst vorüber. Ehemals, da man noch keine Draht- und Stahlnägel kannte, blühte das Geschäft. Die Pinnenschmiede mußten damals alle Nägel schmieden, kurze und lange; sie wurden damals Pinnen genannt. Bauhandwerker brauchten sie, besonders aber die Schiffswerften und das Heer forderten sie in Mengen, „Wenn ich noch wüßte“, sagte ein alter Pinnenschmied damals, „wozu der Krieg alle die Nägel braucht.“
Nach und nach wurden die Pinnenschmiede arme Leute. Die Pinnenschmiede, von der die „Kyllburger Pinn“ ihren Namen bekam, gehörte einem Meister Kaufmann, einem Onkel der Pinnen-Urgroßmutter. Die Tür seiner Pinnenschmiede, eine Gattertür, war dicht mit kunstvoll geschmiedeten Nägeln beschlagen und als nicht mehr benutzte Seitentür bis 1885 zu sehen. Im Keller des Hauses ist noch eine Tür, auf deren Sandsteinpfosten A.D. 1701 zu lesen steht.
Die Urgroßmutter wohnte nebenan in einem Haus, das beim Bau der Provinzialstraße und der jetzigen alten Brücke zum größten Teil abgerissen werden mußte. Die ganz alte Dorfbrücke stand da, wo jetzt die neue steht, weshalb diese Stelle „am Arken“ genannt wurde. Das Wort „Arken“ kommt aus dem Französischen. (L’arc = Bogen, Pfeiler z.B. arc de Triomphe). „Krimiesch Griet“ nannten die Leute von Überbrück die Urgroßmutter, weil sie einen Kramladen betrieb. Der Onkel Pinnenschmied starb in den 1840er Jahren. Seine Nichte erbte das Haus, ließ es umbauen und konnte jetzt ihren Kramladen vergrößern. Später heiratete sie einen jungen Witmann, Peter Weber. Dieses war der jüngste Sohn aus einem Hotel Weber in der Stiftsstraße (damals kurz „de Gaaß“ genannt), heute das Haus von Peter Weinandy. In der Franzosenzeit erhielt das Haus den Namen „Objag“ (franz. = I‘ Auberge) und behielt ihn. 1813 starb der Besitzer Joh. Joseph Weber. Keines der sieben Kinder war in der Lage, den Betrieb zu übernehmen. Um ihre Erbansprüche zu befriedigen, verkauften sie das Haus.
Peter Weber wurde Bäcker. Dann heiratete er in St. Thomas bei Erasmy ein. Seine Frau starb und er kehrte mit drei Kindern nach „Kilburg“ zurück. Hier heiratete er, wie bereits erwähnt, die Margarethe Densborn (Kriemisch Griet). Im Kramladen an der Brücke wurde jetzt auch Brot und Mehl verkauft. Urgroßmutter war eine mittelgroße, sehr energische, kluge und strebsame Frau. Sie gab die Veranlassung, sich um die Wirtschaftskonzession zu bewerben. Die Verhältnisse waren günstig, der Straßenbau war noch im Gange und der Eisenbahnbau sollte beginnen. Die Konzession wurde, wenn ich mich recht erinnere, 1848 erteilt, schreibt mein Onkel in der Familienchronik. Im Kriege ist die betreffende Urkunde abhandengekommen. Der Kramladen wurde beibehalten, mehrere Kostgänger genommen und Landwirtschaft betrieben, u.a. auch Hopfenanbau. Die Kinder wurden groß und arbeiteten mit, und es konnte erwartet werden, daß die „Pinn“ sich mit der Zeit eines gewissen Wohlstandes erfreuen werde. Als die Eisenbahn gebaut wurde, gab es auf dieser Seite der Brücke vier Wirtschaften:
Thießen (Niederprüm), heute Oberkailer Straße 8; Pittisch (Schwickerath), neben der Pinn/Oberkailer Straße 4; de Pinn (Weber) und Frungen (Weis), jetzt Bademer Straße/Boltz. Auf der anderen Seite der Kyll nur drei: Musch (Simon) im Koarbisch (Bierbrauerei), Hotel Schweizer auf dem Hüwel und in der Stiftsstraße eine Wirtschaft „bei der Mama“ genannt. Thießen-Niederprüm, Branntweinbrennerei und Schankwirtschaft war die älteste. Ein altes Geschäftsbuch des Hauses ist heute noch vorhanden. Leider ist im letzten Krieg die erste Hälfte herausgerissen worden. Jetzt lautet die erste Eintragung: „heit date 1779 den 12. Julius haben ich mit jen Heberechner gerechnet se blieb Er mir schuldig 2 rd und 11 Albus.“
Der Urgroßvater in der Pinn starb 1876, die Urgroßmutter lebte bis 1888. Ein Jahr vor dem Tode übertrug sie die Wirtschaft ihrem Sohn Theodor Weber. Er war Kriegsinvalide von 1870/71. Inhaber des E.K. II. und von 1876 bis 1886 Exekuter im Steuerbezirk Kyllburg. 1878 heiratete er Susanne Niederprüm, eine Wirtstochter aus Thiessen-Niederprüm die sich als Wirtin ausgezeichnet bewährt hat. Nachdem er „Pinnepits“ seines Vetters Haus geerbt hatte, tauschte er es gegen Eckfelds Haus ein. Dann ließ er die „Pinn“ umbauen. An der Kyllseite war, wie heute noch, die Wirtsstube. Sie war viertel so groß wie heute. Gegenüber war noch ein kleiner Laden, Überbleibsel des Kramladens. Hier hielt man dicken, schwarzen Tabak (Rolltabak), schwarze und weiße Tonpfeifen, Feuersteine, Zunder u.a. feil. 1/4 Pfund Tabak und für 2 Pfennig Schwaamb, d.h. Zunder, wurden am meisten verlangt. Der Tabak kostete 18 Pfennig das Viertel, eine Tonpfeife 2 Pfennig und ein Feuerstein 3 und 5 Pfennig. Dieser Raum wurde beim Umbau 1887 eine „gute Stube“. So blieb es bis 1905. In diesem Jahr entstand der Neubau, so wie er heute steht auf den alten Kellermauern. Nach der Kyllseite wurde er um 1,25 m erweitert. Baumeister war der alte Herr Kronibus. Daß er gut und stabil baute, hat sich bei der Brückensprengung 1945 gezeigt. Der Wirtschaftsbetrieb war damals, während des Umbaues, zwei Jahre ins Thiessen-Haus verlegt.
Mein Großvater war ein stiller und freundlicher Mann und allgemein beliebt. Lange Jahre Mitglied des Gemeinderates besaß er das allgemeine Ehrenzeichen. Nach dem ersten Weltkrieg wurde er krank und starb 1921. Die Großmutter folgte 1928.
Wer zählt die Gäste, nennt die Namen derer, die im Laufe der Jahre gastlich in der „Pinn“ zusammenkamen Fast drei Jahrzehnte übte der Kirchenchor im Sälchen, später auch der Musikverein.
In der „Pinn“ wurde 30 Jahre lang Kyllburger Bier aus der Brauerei Simon, Mühlengasse verzapft, und zwar direkt vom Faß. Bierleitungen mit Kohlensäure gab es noch nicht. Bevor diese aufkamen, benutzte man mehrere Jahre Zapfhähne mit Luftpumpen. Die Kyllburger Brauerei ist in den 1890er Jahren eingegangen. Bis zuletzt wurde hier nach alter Weise gebraut, während die anderen Brauereien?? fortschrittlich eingestellt waren. Das Bier entsprach nicht mehr dem Geschmack der Gäste (und doch war es gut und gehaltvoller, meinte mein Großvater, wenn niemand mehr gern trinkt). Deshalb wurde ab und zu zuerst ein Fäßchen Bitburger verzapft. Für 50 Pfennig holte damals ein Bote mit der Hotte ein Fäßchen von 30 Litern in Bitburg ab. Als die Merziger Brauerei (Aktienbrauerei) hier eine Niederlage aufmachte (in der Bademer Straße im Eiskeller), wurde für einige Jahre daneben Merziger Bier, Dortmunder Bier und Casparybräu getrunken. Selbstverständlich gab es von jeher Wein und Branntwein. Eine Zeitlang waren Mürlenbacher und Eulendorfer Korn sehr bevorzugt. Liköre kannte man vor 100-110 Jahren kaum. Statt dessen hielt man einen süßen Melbern (Waldbeeren-)schnaps bereit.
Das Schnäpschen kostete 5 Pfennig. Meist wurde ein halber Schoppen (4 Schnäpschen) zu 15 Pfennig verlangt. „Beim alten Wirtshaus an der Kyll steh’n unsrere Pferde von selbst schon still“, sagte ein Oberkailer Holzfuhrmann. Sie kamen alle Tage der Woche mit Langholz, das hier verladen wurde. Vom Güterbahnhof bis in die Oberkailer Straße stand oft Wagen um Wagen.
1912 übernahm mein Onkel Jakob die „Pinn“. Er war der zweitälteste Bruder meiner Mutter. Nach einer kaufmännischen Lehre machte er sich in Köln mit dem Hotelbetrieb bekannt. Er heiratete Clementine Niemand aus einer westfälischen Stadt. Sie war Teilhaberin eines Lebensmittelgeschäftes. Nach der Heirat richtete sie ein gutgehendes Lebensmittelgeschäft in der „Pinn“ ein. Sie starb 1939 nach einer Operation in Bonn. Auch mein Onkel starb sehr früh, kurz bevor die Amerikaner 1945 einrückten.
Von den beiden Söhnen, Jakob und Theo Weber, ist der älteste (Jakob), der die „Pinn“ übernehmen sollte, nicht mehr aus dem Krieg heimgekehrt. Über sein Schicksal ist nichts bekannt. Nach dem Tode meiner Tante hat meine Mutter sich um meinen Onkel und Vettern gekümmert. Sie hielt während der schweren Kriegsjahre den Betrieb aufrecht. Es war nicht leicht für sie, da mein Vater ja in Orsfeld und meine Brüder versorgt werden mußten. Sie hat sich in den schweren Jahren in der „Pinn“ sehr verdient gemacht.
Nach Kriegsschluß mußte die durch Bombenabwurf und Brückensprengung stark beschädigte „Pinn“ wieder instand gesetzt werden. Meine Mutter und mein Bruder Hermann haben viel dazu beigetragen, daß der Wirtschaftsbetrieb am 1. Mai 1948 wieder eröffnet werden konnte. Meine Mutter konnte den . Betrieb noch drei Jahre leiten, bis sie 1951 plötzlich ganz unerwartet starb. Mein Vater überlebte die Mutter nur um vier Jahre. Dann übernahm mein Bruder Hermann aufgrund eines Familienbeschlusses das Geschäft. Acht Jahre hatte er Gelegenheit, sich im Gastwirtsgewerbe genügend Kenntnisse und Erfahrung zu erwerben. Mit seiner Frau Angelika geb. Klein aus Kyllburg hat er nach alter Tradition die „Pinn“ weitergeführt. Mein Bruder Hermann gab dem Namen „Pinn“ sein altes Anrecht, indem er ihn in der Schrift am Hause in Erscheinung treten ließ.
Die drei Kinder meines Bruders sahen sich nicht imstande, den Betrieb als „Gasthaus zur Pinn“ weiterzuführen. So wurde die „Pinn“ an einen Italiener verpachtet, der dort seit ca. 12 Jahren eine „Pizzeria“ betreibt.

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