Geschichte

Die Kyllburger Galgensteine

Die Eifel, 1934, Nr 4, S. 35/36, Von Heinrich Gueth

Unheimlich eng standen in der sogenannten guten alten Zeit im lieben Eifelland die Galgen, jene schaurigen Werkzeuge einer allzu raschen unerbittlichen mittelalterlichen Justiz. Dies bezeugen für alle Zeiten die im Kataster so oft wiederkehrenden Namen: Galgenberg, Galgenfeld, Gericht, am Gericht, Rabenstein u. a. m.

Natürlich hatte auch das kurfürstliche Städtchen Kyllburg einen Galgen. Er stand an der Wegkreuzung Kyllburg—Mohrweiler, Malberg—St.-Thomas oben auf dem Rosenberg und war weithin sichtbar. Es war ein solider, betriebssicherer Galgen. die beiden aufstehenden Pfosten, welche in 3 Metern Höhe den ominösen Querbalken trugen, waren sauber eingezapft in mächtige, achteckig behauene Sandsteinblöcke. Mit der französischen „okkupation“ am Ende des 18. Jahrhunderts hielt dann die Guillotine ihren Einzug in das von den Franzosen besetzte linksrheinische Gebiet. Da verschwanden allenthalben die Galgen. Sie wurden zerschlagen und verbrannt. So geschah es auch dem Kyllburger Galgen, aber die sdchönene Galgensteine aus dem harten, unverwüstlichen Kyllburger Sandstein waren einfach nicht kaputt zu kriegen. Sie trotzten jeder Zerstörung. Da hatte der Wirt der Kyllburger Torschenke einen sonderbaren Einfall. Er eignete sich die Steine an und setzte sie als Prellsteine links und rechts der Freitreppe zu seiner Schenke, die dicht „am Port“ des Städtchens lag. Vielleicht lebte der Schenkwirt noch im abergläubigen Wahn des Mittelalters, daß alles, was mit dem Galgen in Beziehung stand, einen heilsamen und glücklichen Einfluß habe. Man weiß, daß spekulative Henker aus siesem Aberglauben ein gutes Geschäft machten. Die Schenke (Haus H. Fränkel, Stiftstraße) hat im Laufe der vielen Jahre manche bauliche Veränderung erfahren, hat vor allen Dingen eine modern frisierte Fassade (leider!) erhalten, aber sie steht heute noch, und die Kyllburger Galgensteine stehen auch heute noch als Zeugen einer anderen Zeit rechts und links der kleinen Freitreppe an dem Straßeneingang des Hauses. Die Zapflöcher für die Galgenpfosten sind mit Mörtel ausgefüllt, aber deutlich erkennbar.

Ob die Erwartungen des pfiffigen Schenkwirts sich erfüllte und die Galgensteine sich für den Besuch der Schenke als zugkräftig erwiesen? Jedenfalls berichtet der Volksmund, daß die Schenke im Anfang des 19. Jahrhunderts einmal einen seltenen Galgenvogel als Gast bewirtete.

Saßen an einem schönen Abend einige biedere Bürger beim Dämmerschoppen in der Torschenke. Draußen war es schon schummerig, just die beste Zeit, schaurige Mordgeschichten zu erzählen. Stoff dazu gab es in jener Zeit in Hülle und Fülle. berüchtigte Räuberbanden trieben im Hunsrück, an der Mosel und in der Eifel ihr Unwesen. Der furchtbare Mord an der Familie des Müllers Krones auf der Sprinker Mühle seitens der Mordbande am 26. 8. 1796 harrte noch der Sühne. Die Taten eines Johannes Krämer, genannt „Iltis Jakob“ aus Sipshausen, eines „Tuchhannes“, eines „Krumbiere Klos“ und vieler anderer Mordbrenner und schließlich eines Johannes Büchler, genannt „Schinderhannes“, erfüllten die Bewohner des Hunsrücks, der Mosel und besonders der Eifel mit Angst und Schrecken. „Schinderhannes“ genoß bei der Landbevölkerung durch einige rein menschliche Züge eine gewisse Sympathie. Von ihm war an dem Stammtisch in der Torschenke auch besonders die Rede. Obschon der Hunsrück das Hauptfeld seiner Tätigkeit war, munkelte man, daß er auch in letzter Zeit in der Eifel gesehen worden sei. — Einer der Zechkumpane verstieg sich zu der lauten und kühnen Bemerkung, er mache sich gar nichts daraus, einmal mit dem Schinderhannes zusammenzutreffen, im Gegenteil, er würde sich freuen, den Schinderhannes einmal von Angesicht zu Angesicht zu sehen. — Da erhob sich im Hintergrund des Schenkzimmers ein einsamer Gast, der aufmerksam, aber bisher unbemerkt, den Reden der Bürger zugehört und dazu spöttisch gelächelt hatte. Er trat an den Stammtisch und sagte: „Ihr wollt einmal den Schinderhannes sehn? Seht mich genau an! Ich bin es!“ Kreideweiß wurde die Nasenspitze des vorher so mutigen Bürgers, und die ganze Stammtischgesellschaft bekam einen mächtigen Schrecken ins klappernde Gebein. Der Schinderhannes aber war durch eine Hintertür des Schenkzimmers spurlos verschwunden, und man sah ihn in der Eifel niemals wieder. bald erreichte die Räuberbanden auch ihr Schicksal. Die Mitglieder der furchtbaren Moselbande wurden in Koblenz und Johannes Büchler, genannt „Schinderhannes“, mit seinen Spießgesellen in Mainz hingerichtet.

Wenn der lang gehegte Plan, in Kyllburg ein Heimatmuseum zu errichten, einmal verwirklicht werden sollte, dann dürfen ihm die Kyllburger Galgensteine nicht fehlen. Sie sind doch Marksteine in der Geschichte der Justizpflege im kurfürstlichen Städtchen Kyllburg. Sie könnten erzählen von dem letzten armen Sünder, der vom kurfürstlichen Gericht in Kyllburg gehenkt wurde. Es war ein Straßenräuber mit dem schönen Namen „Bienchen“ und stammte aus Hamm in der Eifel. Ein sehr alter Kyllburger erzählte: „Mein Großvater hat den ‚Bienchen‘ noch am Galgen hängen sehen. Schaurig war es gewesen, wenn der Wind auf der luftigen höhe den armen Teufel hin und her gedreht, so daß das im Tode verzerrte Gesicht einmal auf Kyllburg, dann auf Malberg herabgesehen hat.“

Auch ein anderer Markstein der Kyllburger Rechtspflege dürfte in diesem Museum nicht fehlen, Ein Fenstersturz aus dem alten Pallas der Kyllburger Burg. Dieser Stein zeigt um ein gescharrtes Wappen die Initialien H. C. v. S. Hugo Cratz von Scharfenstein war zur Zeit des Kurfürsten Johann VII. von Schöneberg (1581-1599), der 1583 Kyllburg die Statdrechte verlieh, als Domherr Lehnsherr von Kyllburg. zur Zeit der Hexenprozesse war er Hochgerichtsherr. Unter ihm wurden die letzten Hexen in Kyllburg als Unschuldige Opfer einer irrsinnigen Wahnidee gerichtet. „Soltessen Kät“ und „Gret“ wurden im Vorbüsch vor dem Stadttor öffentlich verbrannt. Bald darauf wurde Hugo Cratz von Scharfenstein (20. 10. 1590) selber angeklagt und entging nur mit Not der hochnotpeinlichen Frage und dem Tode. Fensterlein und Galgensteine sind also wahrhafte Marksteine in der Geschichte der Rechtspflege im kurfürstlichen Städtchen Kyllburg. Hier letzte Hexenverbrennung, dort letzter armer Sünder am Galgen.

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