Heimatkalender

Die Kyllburg

Heimatkalender 1956 | S.72-76 | Von Karl Föst, Amtsbürgermeister, Kyllburg

Aus Kyllburgs landschaftlich reizvoller und zur militärischen Befestigung in vergangenen Zeiten besonders geeigneten Lage auf der von der Kyll umflossenen schmalen Felsenkante darf man schließen, daß das „castrum Kiliberg“ längst, vielleicht Jahrhunderte früher bestand, ehe es im Jahre 800 als fränkische Siedlung geschichtlich in Erscheinung tritt. Man darf sogar vermuten, daß der Kyllberg schon in vorgeschichtlicher und vorrömischer Zeit ein befestigter Platz, eine sogenannte Wallburg oder Fliehburg gewesen ist. Eine Feste war der Kyllberg jedenfalls seit Jahrhunderten schon, als im Jahre 1239 Erzbischof Theoderich von Trier, um sein Gebiet gegen die Nordgrenze des Erzbistums und gegen die Dynasten von Malberg zu schützen, als Eckpfeiler und Grenzfeste Kurtriers eine größere Burg, die eigentliche Kyllburg, erbauen ließ, die im Jahre 1256 einschließlich der anliegenden Häuser mit einer festen Mauer umgeben wurde. Es entstand die Burgsiedlung mit ihrem eigenen sozialen Gepräge. Händler, Handwerker und Gewerbetreibende suchten den Schutz der Burg. Die Burgsiedlung entwickelte sich zum Markt- und Landstädtchen, das seiner Tradition getreu bis heute in engster Fühlung mit dem Bauerntum des Landes blieb. Ende des 15. Jahrhunderts ließ Erzbischof Johann II. neue Bauten aufführen und Erzbischof Lothar zu Anfang des 17. Jahrhunderts das Wohnhaus neu errichten.

Die nur zum Teil erhalten gebliebene Burganlage läßt aber noch heute den alten Zustand dieser ehemaligen erzbischöflichen Burg erkennen. Von der Burg aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts ist der 1910 instandgesetzte und zugänglich gemachte interessante und wertvolle hohe Turm erhalten. Das im Hintergrunde gelegene Wohngebäude ist 1912 durch einen Schulhausneubau ersetzt worden. Links von diesem Neubau ist ein rundbogiges Tor, das alte Mühlenpförtchen, durch das man von der Burg zur Mühle im Tale gelangte, die seit vielen hundert Jahren mit der Geschichte der Burg und des Städtchens Kyllburg aufs engste verknüpft ist. Ein links im Vordergrunde dem Burgturm gegenüberliegendes Wirtschaftsgebäude vom Jahre 1764, außen der Rundung des Hügels folgend, ist während des letzten Krieges so zerstört worden, daß es von Grund auf wird neu hergerichtet werden müssen. Rechts neben dem Turm hinter einer hohen Rampe lag die ehemalige Stallung, später Schule, dann Jugendherberge, jetzt Wohngebäude.

Im Zuge der Ringmauer gelegen. hatte der Burgfried die Straße zu sichern. Er ist fünfgeschossig und 30 m hoch, besitzt heute einen bequemen Treppenaufgang und bietet vom neuen Dachgeschoß aus, das nach allen Seiten hin mit Aussichtsfenstern versehen ist, über den Ort und das Kylltal eine herrliche Aussicht. Dank seiner massiven Bauweise konnte er die Jahrhunderte überstehen. Seine Mauern sind im Fundament 3 m, im unteren Dritte] etwa 2,50 m dick und verjüngen sich in ihren Maßen nach oben. Oben im Turm hielt der Wächter Ausschau und meldete ankommende Freunde und Feinde. Zu seiner besonderen Aufgabe gehörte die Überwachung der benachbarten Burg Malberg, deren Ritter zu Brandschatzungen und blutigen Überfällen neigten. Der Turm war ehemals höher als heute und soll nach mündlicher Überlieferung im Jahre 1769 um etwa 10 Meter abgetragen worden sein Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß er seiner Zeit um dieses Maß höher war, weil sein Zweck, einen Ausblick über den ihm nordwestlich vorgelagerten Bergrücken – den Taubenberg – hinweg zu haben, sonst nicht erreicht worden wäre. Der untere Zugang zum Turm war ursprünglich nicht vorhanden; er ist nach Aufzeichnungen erst 1780 ausgebrochen worden. Bis dahin lag der Eingang nicht ebener Erde, sondern im 2. Geschoß auf der Hofseite. Damals galt der untere Raum des Turmes als Burgverließ, er war durch ein Tonnengewölbe abgedeckt, das mit einem Einsteigloch versehen war, durch das man die Gefangenen von oben herab mit einem Seil hinunterließ. In französischer Zeit nach 1794 wurde dieses Erdgeschoß als Etappengefängnis beibehalten. Damals, d. h. vor dem Einmarsch der Franzosen, waren die Eingangstürme des Burgberings noch mit Geschützen besetzt, einem eisernen Sechs-Pfünder auf Lafetten, einem eisernen Vier-Pfünder und 17 Feuergeschützen von gebohrtem Eisen, welche man Mauerhaken nannte. Als der französische General Moreaux am 28. 9. 1794 mit 800 Mann Reiterei erstmals in Kyllburg einfiel, nahm er diese Waffen und das dazu gehörige Bedienungspersonal mit ins Lager bei dem Hof Badenborn (nördlich von Meckel). Bei der Plünderung nahmen seine Truppen mit, was die Fuhrwerke schaffen konnten.

In der Burg befand sich auch die Folterkammer des Hochgerichts Kyllburg, und zwar unter dem heutigen Schulhaus. Die Gefolterten wurden jedesmal im Burgturm untergebracht, so auch die beiden Opfer im letzten Kyllburger Hexenprozeß, „Scholzen“ oder „Scholtessen Kätt“ und „Greth“, deren Haus- oder Familienname in Vergessenheit geraten ist. Die eine war eine schwache, kränkliche Person und klappte in der Tortur gleich zusammen, widerrief dann aber, um beim nächsten Aufziehen wieder alles Schreckliche und Unsinnige zu gestehen, was man von ihr baben wollte. Die andere widerstand bis zum 3. Grade (per omnes grados), brach dann aber auch halb wahnsinnig zusammen und gestand Sachen phantastischer Art. Die Verbrennungen der beiden unglücklichen Opfer einer wahnsinnigen Justiz fand in Kyllburg auf dem Burgfelde statt, das ist die Stelle, wo heute Kyllburgs Kurhotel, der Eifeler Hof, steht.

Als der Trierische Erzbischof Theoderich II., Graf von Wied, im Jahre 1239 die Burg erbaute, bestellte er den Grafen Heinrich von Luxemburg und dessen Nachfolger zu Burgmännern mit der Verpflichtung, einen Ritter zur persönlichen Residenz in der Burg und zu ihrer jederzeitigen Verteidigung zu stellen, der aber das ihm vom Grafen ausgeworfene „Sezlen“ vom Erzbischof empfangen sollte. Noch im 14. Jahrhundert wird König Johann von Böhmen, Graf von Luxemburg, unter den Burgmännern von Kyllburg neben Johann von Erdorf und den von Dreymühlen genannt. Zur Aufbringung der Kosten dieses Burgbaues verkaufte Erzbischof Theoderich 1240 die durch den Tod der Agnes von Malberg heimgefallenen Lehen zu Roßporten unter Zustimmung seines Trierer Domkapitels für 200 Pfund ans Kloster St. Thomas. Kyllburg hatte also schon längst seine Burg, bevor Kurfürst Balduin (1307 – 1354) als Stützpunkte seiner Herrschaft im ganzen Trierer Land zahlreiche Burgen erbaute; es sollen damals mehr als hundert gewesen sein. Bei der Organisation und Einteilung des Trierischen Gebiets durch Kurfürst Balduin wurde die Burg Mittelpunkt des Amtes Kyllburg, dessen Amtsbezirk 16 Gemeinden angehörten. Amtmann war zunächst der mit dem Burglehen betraute Burggraf, später der Domdechant zu Trier. Die Ämter waren Verwaltungsbezirke für alle Angelegenheiten der weltlichen Regierung. Der Burggraf hatte jetzt als gleichzeitiger Amtmann nicht allein wie früher, die Burg zu schützen und dem Erzstift zu erhalten, sondern war auch der Vermittler der Regierungsangelegenheiten zwischen dem Landesherrn und den Gemeinden des Amtsbezirks, Träger der bürgerlichen Verwaltung, hatte dazu die Gerichtsbarkeit in erster Instanz und die Polizei und endlich auch die Steuern und die Subsidiengelder der Bewohner in Empfang zu nehmen. Dem Amtmann war ein kurfürstlicher Amtskellner (cellerarius) unterstellt, der die Verwaltung der Domänen zu führen und die Einkünfte einzusammeln hatte, die meistens in Naturalien bestanden. Er war der Finanz- und Rechnungsbeamte. In späterer Zeit bestand das Beamtenpersonal der Ämter in einem Amtmann, einem Amtskellner, einem Amtsverwalter, einem Schultheiß, noch später kam ein Einnehmer und ein Gerichtsbote hinzu. Der Amtsverwalter war ständiger Vertreter des Amtmannes; er war nicht überall vorhanden, in Kyllburg ist er zeitweilig nachweisbar; wahrscheinlich wurde er in Zeiten eingesetzt, in denen die Führung der Amtmannsgeschäfte den in Trier residierenden Domdechanten und Amtsherrn behinderten.

Die unmittelbare Veranlassung zur Beschleunigung des Baues der neuen größeren Burg im Jahre 1239 waren, wie dies die Gesta Trevirorum bezeugt, die Gewalttätigkeiten des Ritters Rudolph von Malberg, der sich der Herrschaft von Malberg bemächtigt hatte. Er suchte dem Cisterzienserinnen-Kloster St. Thomas an der Kyll unweit Kyllburg Güter, die dem Kloster von Agnes von Malberg geschenkt worden waren. nach ihrem Tode mit Gewalt zu entreißen. Rudolph befehdete das Kloster und die Nonnen waren genötigt, dasselbe zu verlassen; sie wanderten sämtlich nach Trier, wo sie täglich in Prozession nach der hohen Domkirche zogen und während des Gottesdienstes mit lauter kläglicher Stimme die zwei Antiphone: „Media vita in morte sumus“ und „Salve regina misericordiae“ absangen, bis ihnen von dem Erzbischof gegen ihren unruhigen Nachbarn Beistand geleistet wurde. Aber erst nachdem der Erzbischof ihn mit Waffengewalt bezwungen hatte, fügte er sich. Die neue Burg auf dem Kyllberge hielt ihn auch fernerhin in Schranken. Im Jahre 1256 wurde sie und der darunter liegende Ort noch durch Mauern verstärkt. Die Kyllburg wurde ein Bollwerk, das noch manchmal sich bewähren und Angriffe auf den Kurstaat abwehren sollte. Daß sie erfolgreichen Widerstand zu leisten vermochte, beweist der Angriff auf die Feste im Jahre 1355, also kurz nach dem Tode des großen Kurfürsten Balduin. Gegner Balduins im Norden seines Landes, so Gerhard von Schönecken, dessen Burg Ließem Balduin hatte berennen lassen, die Wildgrafen von Daun, das Balduin am 3. Juni 1352 erobert und geschleift hatte, der Graf von Blankenheim auf Burg Gerolstein, hielten unter Balduins Nachfolger, dem Kurfürsten Boemund II., den Zeitpunkt gegeben, einen Angriff auf das Erzstift zu unternehmen. Um den Weg hierfür freizumachen, sollte zunächst die Feste Kyllburg fallen. Doch die Kyllburger waren wachsam und auf ihrer Hut. Wie sie überlegen und kühn in erbittertem Kampfe den Angriff blutig abwehrten und die Gegner in die Flucht schlugen, erzählt uns eine Darstellung des 1940 verstorbenen Hauptlehrers Gueth: „Im Zwinger der Kyllburg“. Später entwickelte sich nochmals eine Fehde mit Schönecken. Johann Hurt von Schönecken erhob nämlich Ansprüche auf die Kyllburg, trotz seiner Verschreibungen habe ihm Kurfürst Jakob I. (1439 – 1456) das Amt und Pfand auf Schloß und Stadt Kyllburg abgenommen. Die Fehde zog sich fast zwei Jahrzehnte hin und wurde erst beendet, als Erzbischof Johann dem Schönecker für seine Forderung 1458 eine Jahresrente von 275 Gulden verschrieb.

Leider kann vorerst die Geschichte der Kyllburg ausführlich und zeitlich zusammenhängend nicht dargestellt werden, weil es an Unterlagen fehlt; das Kyllburger Burgarchiv, das der letzte Amtskellner beim Einrücken der Franzosen in den Kurstaat über den Rhein geflüchtet hat, ist in Verlust geraten und leider auch anderes zahlreiches Aktenmaterial verbrannt worden. Es mag sein, daß ein müh- und sorgsames Quellenstudium noch manches über die Burg wird zutage fördern können. Aus den Regesten der Erzbischöfe zu Trier von Adam Goerz sei beispielsweise entnommen:

1340 war Burgmann zu Kyllburg der Ritter Johann von Eirdorph (Erdorf)
1341 Ritter Johann von Brandscheid Amtmann zu Kyllburg
1374 Kanonikus Mathys Kellner des Erzbischofs zu Kyllburg.
1409 wurde Wilhelm von Orwich genannt Pliecke mit dem Burglehn zu Kyllburg belehnt,
1413 der Dechant Johann Godeler zu Kyllburg Kellner daselbst.
1439–1458 lassen Urkunden den Verlauf des Streites zwischen dem Erzbischof Jakob I. und Johann Hurth von Schönecken wegen seiner Forderungen und Ansprüche auf Schloß und Stadt Kyllburg verfolgen.
1470 verpfändet Erzbischof Johann II. (von Baden) dem Domherrn Grafen Bernhard von Solms um 1300 Gulden Schloß und Stadt Kyllburg.
1471 ersucht der Erzbischof die luxemburgischen Statthalter u. Räthe, dem Unterpropst zu Arle und Biedburg zu befehlen, die mit Arrest belegten kurfürstlichen Gefälle des Schlosses Kyllburg freizugeben.
1745 ermahnt der Erzbischof die Burgmänner zu Saarburg, Kyllburg, Welschbillig und Nürburg „wegen der wilden leufften so itzt in den landen sind“, in eigener Person mit Harnich ihre Burghut zu tun.
1476 wird Eckart Brant von Buchsecke mit dem Kyllburger Burglehen belehnt, das durch den Tod Diedrichs Kriemgins von Bidburg ledig geworden war.
1477 erhält Conrad von Badenheim das Kyllburger Burglehen Eckarts Brant von Buchseck, nachdem er seine Rechte auf dasselbe nachgewiesen.
1484 gibt Erzbischof und Kurfürst Johann dem Symon Landolf von Biedburg außer den drei Höfen: Reuffsteckenhof zu Elitz, zu Birsdorf und zu Weresdorf noch den Winrichs-Sohns-Hof zu Elitz zu einem Kyllburger Burglehen.

Schlimme Zeiten brachte dem Kurstaat und der Burg der 30jährige Krieg. Erst waren es die dem Kaiser verbündeten Spanier, dann die Franzosen und Schweden, die Stadt und Amt Kyllburg in der grausamsten Weise bedrückten und brandschatzten und die Feste Kyllburg heimsuchten. Noch waren die Wunden nicht vernarbt, die der 30jährige Krieg der Kyllburg und dem Lande zugefügt hatte, da brach eine neue Leidensperiode an. 1673 fallen die Franzosen ins Erzstift ein. Die Landstädte wurden von Reiterscharen überfallen, geplündert und ausgeraubt. Es hauste die Fourille‘sche Reiterei wie eine Räuberbande. Die Kyllburg ist von ihr gewiß nicht verschont geblieben; Aufzeichnungen hierüber fehlen allerdings. Während des siebenjährigen Krieges blieb die Burg und unser Land von den Plagen und Verwüstungen des Krieges verschont. Im August 1794 besetzten die Franzosen den Kurstaat und nahmen der Kyllburg ihre Waffenausrüstung. Man kann wohl sagen, daß mit diesem Zeitpunkt die Kyllburg ihre Bedeutung als Schutz- und Trutzburg endgültig verloren hat; moderne Geschütze und eine neue militärische Taktik machten künftig Burgen und Festen für die Kriegsführung wert- und nutzlos.

Jahrhunderte hindurch war die Kyllburg Stolz ihrer Landesfürsten und Schutz ihrer Bürger. Was von ihr geblieben oder was in ihr neu errichtet worden ist, dient heute rein friedlichen Zwecken. Ihr erhalten gebliebener stolzer und wuchtiger Turm aber wird uns immer erinnern an die Zeit des Erzbistums und des Kurstaates, an eine Zeit, in der geistliche Fürsten in väterlicher Sorge für ihre Untertanen herrschten.

 

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