Geschichte

Die Eifel vor (zwei)hundert Jahren

Eifelvereinsblatt 1913, Nr. 5, S. 114-116
Ein Rückblick und ein Überblick.
Von Oberlehrer Dr. Gustav Schöttke in Neunkirchen (R.-B. Trier).
Anmerkungen von Christian Schmidt

Die Feiern zum Gedächtnis an die Volkserhebung im Frühling 1813 sind vorüber. Nicht nur in den alten preußischen Provinzen, in denen sich diese erhebenden Zeiten wirklich abgespielt haben, hat man sie festlich begangen, auch die später erworbenen Provinzen haben nicht zurückgestanden in dem Bewußtsein, daß jene Tage für das größere Vaterland wichtig und entscheidend waren.
In der Eifel mochte im Spätherbst des Jahres 1812 wohl mancher schweren Herzens den dunklen Gerüchten lauschen, welche den Trümmern der „Großen Armee“ auf dem Rückzuge aus Rußland vorauseilten. Denn auch viele Eifler waren durch die rücksichtslosen Aushebungen der französischen Regierung mit betroffen worden; sie waren ausgezogen gegen Osten — auf Nimmerwiederkehr. Als es nun für Napoleon galt, ein neues Heer aufzustellen, erfolgten überall die schäftsten Konskriptionen; in den Rheinlanden kam es infolgedessen hier und da z.B. in Trier zu Aufständen. Es regte sich also auch hier gegen die französischen Eroberer, aber von einer allgemeinen Volkserhebung war nicht die Rede. Man hielt auch nach der Schlacht bei Leipzig Napoleon noch nicht für völlig bezwungen. Der Zauber seines Namens hielt noch alles gebannt.
Diesmal blieb die Eifel, die im dreißigjährigen Kriege, in den Kriegen Ludwigs XIV. so unsäglich gelitten hatte, vom Kriege selbst ganz verschont. Auch von Truppendurchzügen merkte sie nicht viel, da Napoleon selbst sich mit den Resten seiner Armee durch Süddeutschland zurückgezogen hatte. Blücher zog dann nach seinem Übergang über den Rhein bei Caub durch den Hunsrück nach Lothringen. In den folgenden Zeiten kamen aber neue Beamte, während die französischen Beamten das Land meist verlassen hatten. Schon bald wurde es wahrscheinlich, daß die Eifel mit dem größten Teile der Rheinlande an Preußen fallen werde. Unterdessen stritt man auf dem Wiener Kongreß über die Abgrenzung der neuen Gebiete gegen Luxemburg, Belgien und Holland. Über die damals höchst wertvollen Galmeigruben 1) von Altenberg konnte man sich überhaupt nicht einigen, und so entstand jenes seltsame heute noch bestehende politische Gebiet von Neutral-Moresnet 2). Nach einer an Wirren reichen provisorischen Regierung vollzog sich endlich die preußische Besitznahme. Die Länder am Rhein wurden zu zwei Provinzen vereinigt: Jülich-Kleve-Berg und Niederrhein. Bis zur Verschmelzung dieser beiden Provinzen zur Rheinprovinz im Jahre 1824 gehörte also die Eifel zur Provinz Niederrhein.
Man kann nicht sagen, daß die Rheinländer ihre neue Herrschaft mit Freuden auf sich genommen hätten; überall trat man den neunen preußischen Beamten mit Mißtrauen entgegen. Die preußische Verwaltung sah sich ihrerseits vor die gewaltige Aufgabe gestellt, die Bewohner der neuen Länder unter sich und mit dem neuen Staatsgebiete zu verschmelzen. Denn auch die zwanzigjährige Franzosenherrschaft hatte in den früher in kleinste Territorien zerfallenden Ländern am Rhein kein Einheitsgefühl wecken können.
Überall aber hatte die Franzosenzeit ihre Spuren hinterlassen. Versuchen wir, uns die Ergebnisse derselben für die Eifel vor Augen zu führen.
Da ist zunächst auch hier das große Hauptverdienst die Aufhebung all der kleinen Länder und ihre Zusammenfassung zu einem einheitlichen Staate. Wie einschneidend eine solche Veränderung für das ganze, öffentliche Leben, wie entscheidend sie für die ganze spätere Geschichte sein mußte, erkennt man am deutlichsten, wenn man sich die unglaubliche Zersplitterung der Eifel vor der Franzosenherrschaft klar macht. Die größeren Territorien, welche an den gewöhnlich unter dem Namen Eifel zusammengefaßten Landschaften Anteil hatten, waren die Geistlichen Kurfürstentümer Trier und Köln, das zu den Habsburgischen Niederlanden gehörende Herzogtum Luxemburg und das Herzogtum Jülich. Zum oberen Erzstift Trier gehörten die Ämter Daun, Hillesheim, Kyllburg, Kochem, Ulmen, Manderscheid, Wittlich, Pfalzel, Welschbillig und das Oberamt Prüm (das Gebiet der einstigen Abtei Prüm); zum Niederen Erzstift Trier gehörten das Oberamt Mayen mit den Ämtern Mayen, Kaisersesch, Kempenich, Monreal und Pellenz sowie das Oberamt Münstermaifeld. Das Erzstift Köln besaß in der Eifel die Ämter Andernach, Ahrweiler, Altenahr und erstreckte sich mit dem Amt Nürburg bis weit in die mittlere Eifel hinein, Das Herzogtum Luxemburg umfaßte einen großen Teil der Westeifel, schob sich an der mittleren Kyll zwischen das Erzstift Trier, hier an der an der oberen und mittleren Salm die trierischen Ämter Wittlich und Manderscheid mit zwei Armen umfassend; zum Quartier St. Vith gehörten noch die Herrschaften Cronenburg, Dasburg und Neuerburg, zum Quartier Bitburg die Herrschaften Densborn, Dudeldorf, Hamm, Malberg, Meerfeld und Oberkail; Luxemburg besaß auch die Lehnshoheit über die Grafschaft Manderscheid (der eigentliche Ort Manderscheid rechts der Lieser war Hauptort des trierischen Amtes; Niedermanderscheid links der Lieser Verwaltungssitz für die Grafschaft). Vom Herzogtum Jülich lagen die Ämter Düren und Euskirchen am Rande der Eifel, dann gehörten zu Jülich die Ämter Sinzig, Remagen und Neuenahr, Montjoie und Nideggen, das Amt Münstereifel zog sich südlich bis Tondorf, das Amt Heimbach südlich bis Gemünd; zu Jülich gehörte auch die Grafschaft Wildenburg. Außer Trier und Köln gab es an geistlichen Gebieten noch die Reichsabteien Cornelimünster und Stablo-Malmedy.
Es sind dann zu erwähnen die Lande der alten Dynastengeschlechter: Aremberg, Blankenheim-Gerolstein und Birneburg. Mit dem reichsunmittelbaren Herzogtum Aremberg verbunden waren die Grafschaften Sassenburg und Schleiden, die Herrschaften Kerpen und Kasselburg, die Vogtei Gillenfeld und die ganz vom Prümer Gebiet eingeschlossene Herrschaft Fleringen. Die Herrschaft Mechernich besaß Aremberg gemeinsam mit den Grafen von Nesselrode. Die Reichsgrafschaft Blankenheim-Gerolstein bildete einen schmalen Streifen an der oberen Kyll, der sich bis zur oberen Erft hinzog. Zu Blankenheim gehörten die Herrschaften Dollendorf und Jünkerath. Die Grafschaft Birneburg war zum größten Teil in den Besitz des Erzbischofs von Trier übergegangen, der Rest gehörte zuletzt den Grafen von Löwenstein-Wertheim. Reichunmittelbare Herrschaften waren noch: Winneburg, Olbrück, Gelsdorf usw., ritterschaftliche Herrschaften: Burgbrohl, Bürresheim, Landskron, Eltz usw.
Wieviele verschiedene Maße und Gewichte, wieviel verschiedene Gerichtsbarkeiten galten damals nicht in der Eifel! Unter dieser Zersplitterung litt natürlich das ganze öffentliche Leben; das GeEfühl der Zusammengehörigkeit hatte sich so verloren, daß die Bewohner benachbarter Territorien sich oft bitter haßten. Der Gesichtskreis reichte nicht über die nächste Grenze hinaus; die Geschichte der Eifel war bis dahin eine rein dynastische gewesen.
Welche Umwälzung brachte nun hier die französische Okkupation! Die politische Zerstückelung hörte mit einem Schlage auf; Gewerbefreiheit, Freizügigkeit, Pressefreiheit wurden eingeführt; es mögen sich die Rheinländer zuerst an diesen Freiheitsidealen berauscht haben. Jedoch sollte bald mit der französischen Steuererhebungen und Truppenausschreibungen die Ernüchterung kommen. Besonders in der Eifel, wo man bisher nur ganz geringe Militärlasten gekannt hatte, mußten die Aushebungen drückend werden; schon 1798 kam es bekanntlich deshalb zu einem Aufstand, dem „Klöppelkrieg“. Gegen Ausgang der Fremdherrschaft steigerten sich diese Lasten ins unerträgliche.
Häufig ist man geneigt, die kulturelle und wirtschaftliche Bedeutung der Franzosenzeit für die Eifel zu überschätzen. In Wirklichkeit begann unter der Herrschaft der Republik ein Zerstörungswerk ohnegleichen. Schon in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts unter Ludwig XIV. hatten die Franzosen in der Eifel gründlich mit den alten Stätten der Kultur, den Klöstern und Adelssitzen, aufgeräumt. Es sei nur erinnert an die Zerstörung der Nürburg, der Schlösser Neuerburg, Olbrück, Monreal, Heimbach, der Burg Andernach, an die Einäscherung der Städte Ahrweiler und Eschweiler. Jetzt nach der französischen Besitzergreifung entgingen von den Burgen nur vereinzelte und ziemlich abseits gelegene, wie Bürresheim und Eltz, der Zerstörung. Die Klostergebäude blieben meist dadurch erhalten, daß sie an die Gemeinden übergingen oder an Private verkauft wurden und dann profanen Zwecken dienten, wie Prüm, Steinfeld, Helenenberg. Sonst wurde fast alles zu Schleuderpreisen auf Abbruch verkauft; mit dem gewonnenen Material wurden Wohnhäuser errichtet, und die Trümmer dienten auf Jahrzehnte hinaus den Bewohnern als willkommene Steinbrüche. Ein solches Geschick traf z.B. das kurz vorher vom Trierer Erzbischof wiederaufgebaute Schloß zu Wittlich, die Burg Pyrmont, die stolzen Schlösser von Blankenheim und Schönecken, sowie die noch übriggebliebenen Teile des Aremberger Schlosses; dann seien noch erwähnt die Burgen von Schönberg, Dollendorf, Dasburg, Uren u.a. Die Abtei Himmerod sank in Trümmer, ebenso das Kloster Mariental an der Ahr und die Stiftskirche zu Prüm.
Während der ganzen französischen Herrschaft erfolgte eine rücksichtslose Zerstörung des herrlichen Eifelwaldes, die bald im raschen Anschwellen der Flüsse nach Wolkenbrüchen und dadurch hervorgerufenen Überschwemmungen ihre verhängnisvollen Wirkungen zeigte. Schöpferisch tätig zeigte sich die französische Verwaltung einzig im Volksbildungs- und Verkehrswesen. Vorher war ja bei der starken staatlichen Zersplitterung die Ausbildung eines durchgehenden Straßennetzes unmöglich gewesen; nunmehr entstanden vorwiegend aus militärischem Bedürfnis heraus Landstraßen. Der Bau derselben brachte aber den Gemeinden harte Frondienste, und die französische Regierung mußte alles aufbieten, um den Wetteifer der Gemeinden beim Straßenbau zu erregen. So wurden 1811 beim Bau der großen Straße von Straßburg nach Lüttich die Namen der eifrigen wie der säumigen Mairien öffentlich bekannt gegeben. Nicht selten wurde auch das Material zum Straßenbau aus dem Abbruch der alten Burg- und Stadtmauern gewonnen. Die Durchführung des französischen Schulsystems scheiterte an dem Mangel an Lehrkräften, während vorher stellenweise durch das Wirken der Kloster- und Weltgeistlichen ein ganz ausgezeichnetes Jugendbildungswesen bestanden hatte. Die französische Sprache ist während der Fremdherrschaft nie durchgedrungen, alle Erlasse wurden in beiden Sprachen veröffentlicht und noch gegen Ende der Franzosenzeit klagen die Verwaltungsberichte über die selbst bei den Lehrern vorhandene Unkenntnis der französischen Sprache.
Mit der öffentlichen Sicherheit war es zu Anfang des 19. Jahrhunderts schlecht bestellt, da die ganze waffenfähige Mannschaft fortgesetzt zum Kriege aufgeboten war. Eine gefürchtete Räuberbande hauste z.B. im Kondelwald 3) zur selben Zeit, als der Schinderhannes auf dem Hunsrück sein Wesen trieb.
Unter solchen Umständen hätten die Bewohner den Übergang zum preußischen Staat als Wohltat empfinden müssen. Aber weit entfernt davon! Namentlich in den ehemals geistlichen Gebieten sträubte man sich gegen die Vereinigung mit einem überwiegend protestantischen Staate, und die meist protestantischen Beamten hatten vielfach gegen Übelwollen zu kämpfen. Am 5. April 1815 hieß Friedrich Wilhelm III. seine neuen Untertanen willkommen, indem er ihnen zurief: „Und so, Ihr Einwohner dieser Länder, trete ich jetzt mit Vertrauen unter Euch, gebe Euch Eurem deutschen Vaterlande, einem alten deutschen Fürstenstamme wieder und nenne Euch Preußen.“
Das Rgeinland, sagt Heinrich von Treitschke, wurde nun für ein Menschenalter das Schoßkind der preußischen Krone. Das kann man in engerem Sinne insbesondere für die letzten Jahrzehnte von der Eifel sagen. Hier ließ sich die preußische Regierung vor allem die Aufforstung angelegen sein, nicht ohne daß die strenge Forstpolizei ihr den Unwillen des Volkes zuzog. Sonst konnte natürlich nicht der wirtschaftliche Aufschwung der Eifel nicht von heute auf morgen erfolgen. Das galt besonders für den Ackerbau. Der Großgrundbesitz, der vorher dem Landmann wohl Lasten auferlegt, ihm aber auch sein sicheres Auskommen gegeben hatte, war vernichtet; nun war der Bauer auf sich selbst angewiesen, und er konnte sich nur ganz allmählich emporarbeiten. Die Eifler Lederindustrie erlebte einen neuen Aufschwung, da die Trennung von dem belgischen Wettbewerb für sie günstig wirkte. Die Eisenindustrie aber, die während der Franzosenzeit durch die Unterbindung der englischen Konkurrenz eine Blütezeit erlebt hatte, verkümmerte allmählich infolge der schlechten Verkehrsverhältnisse.
Der preußische Staat sorgte nun auch aufs Beste für die Schulen; die neu errichteten Lehrerseminare halfen auch dem Lehrermangel ab. Die allgemeine Wehrpflicht kettete den Bürger eng mit dem Staate zusammen; sie wurde von den an die napoleonischen Konskriptionen gewöhnten Rheinländern nicht drückend empfunden.
Mit dem Aufhören der Fremdherrschaft hielten auch die alten Sitten und Gebräuche zum Teil wieder ihren Einzug in die Eifel. Kirmessen und Schützenfeste, die von der französischen Regierung verboten worden waren, wurden wieder gefeiert. Leider waren die ersten Jahre der Bereinigung mit Preußen keine freudigen. Es herrschte eine schwere, wirtschaftliche Krisis, und die Hungerjahre 1816 und 17 wurden besonders drückend in der Eifel empfunden. Nunmehr ist die Eifel fast hundert Jahre mit Preußen verbunden; die Verbesserung der Verkehrsverhältnisse, die Erschließung des Fremdenverkehrs durch den Eifelverein und die Schaffung neuer und vielfältiger Erwerbsmöglichkeiten haben einen raschen Aufschwung herbeigeführt. Wie sich in diesen Tagen der 25jährigen Jubelfeier des Eifelvereins die Blicke der Eifelbewohner mit freudigem Danke der ersprießlichen Tätigkeit dieser gemeinnützigen Vereinigung zuwenden, so wird demnächst das Eifelland auch die Jahrhundertfeier der Vereinigung mit Preußen dankbar begehen und den Augenblick segnen, der politische Zerrissenheit und ruheloser Fremdherrschaft ein Ende machte.

Anmerkungen:
1) Galmei, heute als Smithonit bezeichnet, ist ein Zinkcarbonat, das früher bei der Herstellung von Messing unverzichtbar war.
2) Neutral-Moresnet (dt. auch Altenberg) war von 1816 bis 1919 ein 3,4 km² großes neutrales Territorium, das als Scheinstaat zwischen dem Vereinigten Königreich der Niederlande bzw. (ab 1830) Belgien und Preußen bzw. (ab 1871) dem Deutschen Reich 7 km südwestlich von Aachen gelegen war.
3) Der Kondelwald befindet sich ostnordöstlich von Wittlich zwischen der Ortsgemeinde Bengel am Mosel-Zufluss Alf im Süden und Bad Bertrich am Alf-Zufluss Üßbach im Norden.

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