Heimatkalender

Die drei hohen Chorfenster der Stiftskirchestiftskirche

Heimatkalender 1974 | S.107-112 | Von Pfarrer Dr. Benedikt Caspar

Wer die Stiftskirche in Kyllburg vom Westportal aus betritt, steht sofort im Bann der hohen Chorfenster aus dem 16. Jahrhundert. Sie sind so in die Hallenkirche des 13. Jahrhunderts eingebaut, daß sie wirklich mit dem Chor das Haupt bilden, und noch ehe andere Kunstwerke in der Kirche wahrgenommen werden, den Blick ganz auf sich ziehen. Ein im einzelnen noch nicht klar erkennbares Farbenmosaik bietet sich dem Auge dar. Interessierte Besucher wollen wissen, ob vor diesen Fenstern in gotischer Zeit etwa Fenster wie in Chartres oder anderen französischen Kathedralen eingesetzt gewesen sein könnten?

Gotische Fenster in der Stiftskirche?

Wenngleich das 16. Jahrhundert gotische Kunstwerke in den Kirchen nicht sonderlich hochschätzte, doch Werken der Renaissance sehr zugetan war (die Darstellung des Menschen, wie er lebte, ohne Idealisierung wie in der Gotik), so glaube ich dennoch nicht, daß die Kanoniker von Kyllburg vorhandene gotische Fenster beseitigt hätten, um sie durch moderne der Renaissance zu ersetzen. Zudem bin ich der Überzeugung, daß die Chorfenster der Stiftskirche im 13. Jahrhundert hell verglast waren, weil bunte Fenster für das Kapitel zu teuer gewesen wären.

Die Fenster der Frührenaissance

Aber dann wachte im 16. Jahrhundert der Gedanke lebendig auf, endlich der zeitgenössischen Glasmalerei die Tore zu öffnen, wie sie seit Jahren im niederländischen Raum bekannt war.
Es war mitten in den Wirren der Reformationszeit, in der die glaubenstreuen Chorherren von Kyllburg sicherlich bewußt einen Beitrag zu frommer, biblischer Meditation über das Leben Christi leisten wollten, für sich selbst und die Besucher der weithin bekannten Wallfahrtskirche. Dazu waren diese Fenster besonders geeignet. Wer den belgischen Raum und die Niederlande bereist, findet dort in manchen Kirchen und Domen Fenster aus derselben Schule des 16. Jahrhunderts, in St. Gudula in Brüssel, in den Kathedralen von Gent und Antwerpen, in St. Jacques und St. Paul in Lüttich, in der katholischen Kirche von Hoogstraeten und Gouda (Holland), darüber hinaus in Frankreich (Kathedrale von Lyon), aber auch in Kirchen unseres rheinischen Landes: in Schleiden, in der Marienkirche zu Düren, in Drove bei Düren, St. Peter in Köln, St. Matthias zu Trier und im ehemaligen Trinitarierkloster Helenenberg bei Trier.

Ideengeschichtlicher Gehalt der Fenster

Zugrunde liegt bei all diesen Fenstermalereien eine religiöse Bewegung, die im 14. Jahrhundert von Gerhard Groote, dem Gründer der Fraterherren (Deventer) ausging, dann besonders durch den Orden der Augustinerchorherren von Windesheim über fast alle Länder Europas verbreitet wurde und in dem Buch der „Nachfolge Christi“ des Thomas von Kempen ihren religiösen Niederschlag fand: Erneuerung des religiösen Lebens in Volk, Orden und Klerus durch Betrachtung des Lebens Jesu. Auch die Meister der Fenster der Stiftskirche schöpften ihren religiösen Gehalt aus dieser Quelle.

Nur wenige Fenster im Bistum Trier?

Obwohl nun in unserer Diözese die Augustinerchorherren in Eberhardsklausen, Niederwerth, Mayen, Wolf an der Mosel und St. Germanus in Trier eine gesegnete Ordenstätigkeit entfalteten (Caspar, Das Erzbistum Trier im Zeitalter der Glaubensspaltung 154 bis 159), scheinen sie doch weniger geistigen Einfluß auf die Pfarreien und Klöster ausgeübt zu haben, was die Ausgestaltung ihrer Kirchen durch neuzeitliche Fenstermalerei betrifft. Denn außer der Stiftskirche ist es nur St. Matthias, das im Chor ein Fenster dieser Schule besitzt (1518) und die Kapelle des ehemaligen Klosters Helenenberg (an der Bundesstraße 51), wo noch in einem Fenster der Kopf des hl. Valentin an einst vorhandene Fenster dieser Meister erinnert.

Wie es dazu kam, daß das Stift U.L.F. zu Kyllburg Fenster dieser niederländischen Kunst erwarb, ist nicht erforscht. Irgendwelche Beziehungen zu den Niederlanden müssen aber bestanden haben, vielleicht über St. Matthias in Trier oder Helenenberg als Mittelsklöster. In St. Matthias jedenfalls bestanden im 16. Jahrhundert starke Bindungen an die Niederlande, undzwar durch seine Äbte Antonius Lewen von Utrecht und Eberhard von Kamp. So wäre es durchaus möglich, daß die Brüder Jakob und Bernhard, die Stifter der Kyllburger Fenster und Kanoniker des Stifts, von den genannten Äbten auf diese niederländische Schule aufmerksam gemacht wurden.

Ob die Kyllburger Fenster von einem Schüler niederländischer Meister in Trier gemalt wurden, halte ich nicht für wahrscheinlich, es müßten uns sonst mehr Fenster in der Diözese erhalten geblieben sein. Wir dürften aber mit Wackenroder richtig gehen in der Annahme, daß die Kyllburger Fenster wie alle im rheinisch-kölnischen Raum erhaltenen Fenster des 16. Jahrhunderts der flandrisch-kölnischen Frührenaissance angehören (Wackenroder, KD des Krs. Bitburg 151 und Clemen, Belg. Kunstdenkmäler II. 41), womit gesagt sein soll, daß die Fenster der rheinisch-kölnischen Frührenaissance in Idee und Ausführung hauptsächlich auf die für das 16. Jahrhundert so bedeutsame Glasmalerei im belgisch-flandrischen Raum zurückgehen, aber doch so, daß wir die Mitarbeit rheinischer oder trierischer Künstler dabei durchaus für möglich halten.

Die Kyllburger Fenster im 19. und 20. Jahrhundert

Die drei Chorfenster in der Stiftskirche haben im 19. Jahrhundert eine gewisse Überarbeitung erfahren. Das untere Drittel des rechten Fensters (Grablegung und Auferstehung) wurde 1820 durch die Leiter eines Handwerkers vollständig zerstört. Bis 1875 war die schadhafte Stelle durch weißes Glas ersetzt. Erst damals – es war das Jubiläumsjahr – ließen edle Kyllburger Spender, die Eheleute Theodor und Gertrud Polch, das ganze Fenster durch die Glasmalerei Binsfeld und Jansen (Trier) erneuern.

Die anderen beiden Fenster, Geburt Christi und Kreuzigung, wurden 1887 in derselben Werkstätte technisch überarbeitet, da Figuren und Ornamente beschädigt waren (Bock, Stiftskirche 70). Der verstorbene Dechant Albert Wirth ließ die Fenster im letzten Krieg herausnehmen und sicherstellen. Das mittlere Fenster muß sicher in einzelnen Partien neu gemalt und gebrannt werden, da sowohl die Malerei der Renaissancerahmen als auch einzelne Personendarstellungen durch Witterungseinflüsse stark verblaßt sind. Das Bistum Trier weiß um diese Sorge.

Künstlerischer und biblischer Gehalt der Fenster

Jedes der drei Lanzettfenster (Lanzett – wegen ihrer ganz spitzen Bogen) weist eine Dreiteilung auf: unten Stifter und Heilige, in der Mitte das biblische Ereignis, darüber in den Vierpässen (von links nach rechts) die Verkündigung, der Gnadenstuhl und die Auferstehung Jesu.
Die Rahmen für alle Darstellungen bilden gemalte Bauteile der Architektur der Renaissance (Bogen, Säulen, Pilaster), die ausgeschmückt sind mit den für die Renaissance typischen Formen (Medaillons, Muscheln, Kandelabern, Draperien, Festons, Vogelköpfen in Voluten, ferner Konsolen und Putten, oft heiter und drollig wie im linken Fenster, wo sich vier Putten nicht genug tun können, über dem Christkind einen Feston aufzuhängen.

Geburt Christi

Maria kniet anbetend unter einem nach dem Firmament hin geöffneten Bogenquadrum. Das Göttliche Kind, das auf marmorner Tumba liegt, wird von drei Engeln bedient, während St. Josef stehend dem Heiland ein Tablett mit einer Birne oder Feige hinhält.
Im Hintergrund Ausblick auf die Landschaft von Bethlehem. Zwei Hirten nähern sich von links staunend und ehrfürchtig der Gruppe, über der vier Gloriaengel schwebend jubilieren.

Im unteren linken Teil

steht Antonius, der Einsiedler, gekennzeichnet durch den Stab mit den zwei Glöckchen und dem griechischen Tau-Kreuz, das auch auf seinem Umhang sichtbar ist. Seine rechte Hand legt er auf die Schulter des Stifters, eines Kanonikers, der vor einer aufgeschlagenen Seite der Hl. Schrift oder der Kanonikerregel kniet. Im rechten Teil die Gestalt eines Mitra und Stab tragenden älteren Bischofs, einem lahmen Bettler mit der Linken ein Almosen reichend. Bock meint, in dem Bischof den hl. Nikolaus von Myra sehen zu müssen oder den hl. Martinus von Tours. Aber weder der hl. Nikolaus noch der hl. Martinus werden in der herkömmlichen Kunst so dargestellt. Ich glaube eher, daß der Bischof der hl. Augustinus ist, von dem die Augustinerchorherren ihren Namen tragen, auf den zusammen mit Antonius, dem Vater des Mönchtums, alle Ordensregeln zurückgehen. Daß die Kyllburger Kanoniker den hl. Augustinus verehrten, besagt das Reststück einer handgeschriebenen Präfation aus dem 18. Jahrhundert, die sich im Pfarrarchiv befindet. Die Schenkungsinschrift im Fenster besagt: Jakobus Kyllburg, Kanonikus und Kantor dieser Kirche, Bruder des Dekans. Die Jahreszahl fehlt dabei.

Im dreiblättrigen Spitzbogenfenster

liest man noch „anno“, aber die Jahreszahl sucht man vergebens. Vermutlich stand sie noch irgendwo vor der Restaurierung der Fenster im 19. Jahrhundert.

Im Vierpaß

darüber in der dreiblättrigen Spitze Puttenschmuck – die Darstellung der Verkündigung der Empfängnis Jesu: Erzengel Gabriel, der sich mit Zepter geschmückt, in rotem, noch nach oben flatterndem Chormantel gekleidet eben in Ehrfurcht vor der Jungfrau Maria verbeugt, bringt ihr die göttliche Botschaft. Maria kniet, abgewandt vom Engel, betrachtend vor der Hl. Schrift, deren Blätter sie eben mit zierlicher Hand umschlägt. Die biblische Szene ist in ein reich ausgestattetes Gemach verlegt, in dem kleinste Feinheiten nicht übersehen werden sollten: der samtrote herrschaftliche Diwan, das Kissen, der reich geraffte grüne Vorhang darüber, die mit Scharnieren geschmückte Lukentüre, durch die Speisen aus der Küche ins Wohnzimmer gereicht wurden (wie in alten Häusern der Eifel) – alles genau nach dem Leben von gemütvollem Künstler gemalt.

Die Kreuzigung

Im Mittelfenster dominiert die Kreuzigung Christi. Dargestellt sind außer dem Gekreuzigten nur Johannes, Maria, Salome, der römische Hauptmann und die kniende, büßende Maria Magdalena. Die Schächer fehlen. Engel fangen in Kelchen das Heilige Blut aus Seitenwunde und Händen auf. Im Antlitz des Hauptmanns, der die Standarte des Römischen Reichs mit der Inschrift S(enatus) PO(pulusque) R(omanus) trägt, drückt sich seine gläubige Gesinnung aus: „Wahrhaftig, dieser ist Gottes Sohn.“ Den Hintergrund bilden die Kolossalbauwerke des Tempels.

Im unteren Teil,

überwölbt von zwei reichbearbeiteten Arkaden mit zwei kandelaberähnlichen Säulen, die Gottesmutter Maria mit Jesuskind, denen der hl. Apostel Matthias den knienden Stifter empfiehlt. Die Widmungsinschrift darunter lautet: Bernhard Kyllburg, Landdechant und Dechant dieser Kirche, der Herrin und Jungfrau Maria in Kyllburg 1533. Die Jahreszahl 1533 befindet sich auch im Sockel einer Säule dieses Fensters. Im Vierpaß die Darstellung der Allerheiligsten Dreifaltigkeit, der sogenannte Gnadenstuhl. Gottvater sitzend, mit rotem Samtmantel, den Engel halten, zeigt den in seinem Schoß liegenden, geopferten Sohn der ganzen Menschheit, über beiden der Heilige Geist in Gestalt der Taube.

Die Grablegung

In der Mitte die Grablegung. Maria, Josef von Arimathaea, Johannes und zwei andere biblische Personen sind um die Einsenkung des Herrenleibs in das steinerne Grab bemüht. Sie haben eben dem Haupt des Heilands die Dornenkrone abgenommen und den Leichnam mit einem Schwamm von Blut gereinigt. Das alles vollzieht sich vor dem Hintergrund einer Felsenkulisse.
Bei diesem Fenster fällt die Restauration aus dem Jahre 1875 besonders auf. Alle handelnden Personen tragen in Antlitz und Gewandung die typischen Merkmale des 19. Jahrhunderts.

Im unteren Teil

der hl. Rochus und der hl. Laurentius mit dem Marterwerkzeug, dem glühenden Rost. Was die Chorherren bewog, diese beiden volkstümlichen Heiligen in ihrer Kirche darstellen zu lassen? Die Stiftskirche war alte Wallfahrtskirche zum Gnadenbild U.L.F. Aber die Bauersleute und Bürger der Stadt kamen auch zum Stiftsberg bei Krankheiten, Epidemien und Wetternot, die sie der Fürbitte anderer Heiligen anvertrauten. Rochus wurde als pestabwehrender Heiliger verehrt, Laurentius war Patron der Bauern und Winzer, wenn die Sonne ausblieb oder verheerender Regen Wiesen und Äcker bedrohte.

Im Vierpaß

der Auferstandene als der siegreiche Herr über Leben und Tod mit den schlafenden Wächtern.

Die Widmung

„Herr Bernhard (derselbe Stifter wie im mittleren Fenster) schenkte 1834 (!) dieses Fenster, das die Eheleute Theodor und Gertrud Polch im Jubiläumsjahr 1875 unter Papst Pius XI. und Bischof Eberhard von Trier erneuern ließen.“ – Ein Fehler unterlief dem Glasmaler, da er das Stiftungsjahr mit 1834 statt 1534 angab.
Wer die Eheleute Theodor und Gertrud Polch in Wirklichkeit waren, konnte ich bisher nicht herausfinden, obwohl ich viele Pfarrbücher der alten Zeit durcharbeitete. Es wäre aber wichtig, sie genau zu identifizieren. Deshalb die Bitte an alle Familien Polch (die übrigens in den alten Akten mit Polig geschrieben wurden) mitzuforschen, wofür ihnen die ganze Pfarrei danken wird. Denn diese Eheleute Polch haben der Pfarrei bis heute einen großen Dienst erwiesen.

Über dem Vierpaß

des mittleren Fensters ist in der dreiblättrigen Spitze das Lamm Gottes auf Wolken mit der Siegesfahne in zartem, österlichem Gelb dargestellt, darüber im grünen Kreis die Worte der Geheimen Offenbarung (1,7 – 8): „Ego sum Alpha et Omega, principium et finis“ (Ich bin das Alpha und Omega, Anfang und Ende). Vorher heißt es: „Siehe, ich komme auf den Wolken.“ Auf den Wolken verkündet das Lamm Gottes sein Anspruchsrecht auf die kurfürstliche Stadt und auf die Welt überhaupt. Ich glaube, daß die Chorherren bewußt in die höchste Fensterspitze über der Stadt Kyllburg das Lamm Gottes setzen ließen.

Das Besondere der Fenster

Zur Konzeption der Fenster sei bemerkt, daß das rechte Fenster bei aller Hochschätzung seiner Volkstümlichkeit und Farbendichtheit in der Darstellung der Personen hinter den beiden anderen Fenstern im Gesamtaufbau der Farben zurücksteht. Jetzt konzentrieren sich überkräftige, ja sogar saftige Tönungen nur um das Bild der Grablegung, während die übrigen Teile gelb und braun wirken, was bei dem Original sicher besser gelöst war. Dieser braun-gelbe Eindruck verstärkt sich noch bei Sonneneinfall am Nachmittag.
Die beiden anderen Fenster sind im wesentlichen nicht nur in ihren Darstellungen echt, sie bieten auch in Auswahl und Verteilung der Farben einen bewundernswerten malerischen Gesamteffekt. Hier sind fast alle Farben verwendet: vom Silberhell über zartes Gelb und Gelb-Braun bis zum satten Rot und Blau in Tönungen, zum Grün und Violett. Der tiefe Grund der Fenster ist das Blau des Firmaments, das zusammen mit dem warmen Rot an pointierten Stellen an die Farbenkomposition der Gotik erinnert.

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