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Der Kyllburger Hahnenkampf – Ein vergessener Volksbrauch

Heimatkalender 1952 | S.120-122 | Von Theo Kyll

Zu Ende des 18. Jahrhunderts, als unter dem letzten Kurfürsten Klemens Wenzeslaus ein wahrer Vernichtungskampf gegen das Volksbrauchtum geführt wurde, ging auch in Kyllburg ein Brauch der Schuljungen verloren: der „Hahnenkampf“. Es war alte Tradition und die Entstehung dürfte mit dem Geschlecht derer von Brandscheid (oder Brandstein?) in Verbindung gebracht werden, die in ihrem Wappen zwei kämpfende Hähne führten. Es mag sein, daß dieses Hähnespiel dereinst^ als der Adel noch in Blüte stand» eine Belustigung der Knappen war, denn in den Landstrichen der Ardennen und Belgiens finden wir Parallelen dazu und daß der Brauch später in die Hände der Schuljungen überging.

Der Tag des hl. Sebastian (20. Januar) war der Stichtag dieser Volksbelustigung. Jeder schulpflichtige Junge war berechtigt – aber nicht verpflichtet -, an diesem Spiel teilzunehmen. Daß alle mitmachten, bedarf keiner Frage, denn die Knaben jener Zeiten waren nicht anders geartet als die Jungen unserer Aera. Sorgfältig wurden die zum Kampf bestimmten Hähne vorher gepflegt und gefüttert, und am Nachmittag des Sebastianstages brachte jeder sein Tier mit in den Schulsaal. Hier war alt und jung schon zum Schauspiel versammelt, und der Schultheiß mit seinen Beigeordneten rührte die Oberaufsicht. Jeder Hahn erhielt eine Nummer, und der Kampf begann. Der Schulsaal wurde zur Arena, deren Umgürtung die Schuljungen bildeten, die sich im Kreis niedersetzten und die Hähne aufeinander losließen. Der erste und der zweite Hahn begannen das Wechselduell, der Sieger dieses Zweikampfes wurde dem dritten gegenübergestellt. Federn folgen, Blut floß, Anfeuerungsrufe peitschten den immer hitziger werdenden Kampf. Hahn um Hahn schied aus und Sieger wurde jener, der die meisten Gegner geworfen hatte. Dieser Hahn war König und seinen Besitzer beglückwünschte der Knabenchor:

„König Hahn, Dein Jahr ist an!“

Der Vater des „Hahnenkönigs“ hatte das Recht, im Walde „Hahn“ die beste Buche für sich in Besitz zu nehmen, dagegen jedoch die Verpflichtung, den traditionellen Obolus an Gaben zu spendieren. Anschließend an den Kampf zogen die Knaben zum Hause des neuen Königs, allwo der Vater sie mit Weißbrot und Bier bewirten mußte. Nun kamen große Feiern im Gefolge, teils in Kyllburg, teils in der Umgegend. Anfang Februar, in der Woche nach Maria Reinigung (Lichtmeß), führte der „König“ seine Trabanten, die zwölf ältesten Schulknaben, zum Kloster Himmerod, wo sie für zwei Tage Quartier bezogen. Den Höhepunkt ereichten die Feste zur Fastnacht. Am Fetten Donnerstag war Auftakt, und der Teilnehmerkreis hatte sich auf die gesamte Schuljugend ausgedehnt. In feierlichem Zuge, jedes Kind war mit Teller, Löffel und Gabel bewaffnet, schritten dieselben zum Hause des Hahnenkönigs, wo sie ihr Frühstück einnahmen. Speisefolge war:

Suppe, Brei und Bimfladen. Nach diesem Frühstück wanderte die junge Schar zum Kloster St. Thomas, das zur Verabreichung eines frugalen Mittagsessens verpflichtet war. Nach der Rückkehr am späten Nachmittag wurde im Hause des Hahnenkönigs das Abendessen serviert. Reisbrei mit Kalbfleisch, Salat, Kalbsbraten, Bratwurst und Weißbrot (später auch Kartoffen) waren die Speisen, als Getränk diente Viez und Bier. Am Freitagmorgen mußte der Vater des Hahnenkönigs wieder für ein Frühstück sorgen: Milchsuppe, Brei und Bimfladen waren hier die traditionellen Speisen. Anschließend gingen die Kinder hausum und sammelten Naturalien für die weiteren Essen. Ein großes Mahl, bei dem ein eigenes Hofzeremoniell galt und wo ein Mundschenk in Tätigkeit trat, fand am Mittag statt. Milchsuppe leitete die Festtafel ein, dann folgten: Reisbrei, Apfel- und Bimschnitze, Eierkuchen, Fladen und Weißbrot. Als Getränk diente Bier und Viez, der König jedoch und die Ältesten erhielten Wein. Am Abend beim Schmaus gab es Brei, gebackene Birnen, Eiertorte und Fladen, in späterer Zeit auch Kartoffelssuppe.

Diese „großen“ Essen wurden in einem Saale eingenommen, und das Publikum war zugelassen. Selbstverständlich war der Lehrer als Gast eingeladen, und diese Tage galten als die nährwirtschaftlich besten seines Jahreskreises und stellten eine angenehme Abwechslung des Hausumgehens dar. Bei diesen Festgelagen durfte keiner ohne die Erlaubnis des Königs sprechen. Wer es dennoch tat, dem wurde der Heimweg befohlen. „Der König trink!“ rief der Mundschenk, wenn dieser das Glas zu den Lippen hob; alle Kinder echoten den Ruf und klopften dann mit ihren Löffeln und Gabel an die Teller, bis der Mundschenk dem König mit einem Tuch den Mund abgewischt hatte. Dieselbe Regelung war am Mittag des Fastnachtssonntages, wenn das letzte Mahl stieg, bei dem Suppe, Rindfleisch, Wurst, Gemüse, Beiessen aus Kalbfleisch, Braten und Fladen gereicht wurden und zu den Getränken noch Branntwein kam. Daß diese Feier gegen Ende oft ausgelassene Formen annahm, liegt auf der Hand. Nach dem Essen erhielten die Kinder ihre Werkzeuge, Teller, Löffel und Gabel zurück, daneben noch als Zugabe ein Stück Eierkuchen. Feierlich stellten sie sich auf und riefen im Sprechchor:

„König Laus, Dein Jahr ist aus!“

Zu Ende war der Hahnenkampf mit seiner lukullischen Schwelgerei, das Volksfest, an dem sich nicht nur die Jugend, sondern die gesamte Bevölkerung beteiligte. Mancher Vater bangte schon beim eigentlichen Hahnenkampf um die Königswürde seines Sprößlings, denn die Buche aus dem „Hahn“ reichte bei dem bekannten Appetit der Jugend nicht immer, für die Unkosten der Schmauserei aus. Trotz allem war es ein schöner Brauch, von dem heute nur noch die Chronik zu berichten weiß.

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