Geschichte

Das Trojanische Pferd

Eifelkalender 1928, S. 72-74, von Heinrich Gueth

Ein Fastnachtsstücklein aus Alt-Kyllburg

Gewiß, heute trifft es nicht mehr zu, und die Zeit ist auch gar nicht mehr danach, was vor langen, langen Jahren ein verdrießlicher Pfarrherr in die Chronik schrieb: „In Kyllburg ist Fastnacht von Aschermittwoch bis Fastnachtdienstag.“ Aber was Ludwig Mathar von seinen lieben „Monschäuern“ mit berechtigtem Lokalpatriotismus voll Stolz und Laune sagt, gilt auch von den alten Kyllburgern. Allemal saß ihnen ein bißchen der Schalk im Nacken, oder wie der alte, liebenswürdige Dechant Kröll zu sagen pflegte; sie waren gern ein bißchen „Baijazz“, und weit und breit gab es nirgendwo so drollige und urwüchsige Originale als in dem alten kurtrierischen Städtchen Kyllburg.
Kein Wunder, daß es zur Fastnacht hoch herging. In jener guten alten Zeit, da man noch nichts von Eisenbahnen, Autos und all dem Teufelskram wusste, da die guten Bürger kaum einmal über das Weichbild (Anm.: anderes Wort für Silhouette) ihres Städtchens hinauskamen — da war die Fastnacht der Höhepunkt des Jahres, und in dem Sinne hatte der Pfarrherr wohl recht, daß das ganz Jahr hindurch überlegt wurde: „Was machen wir Foassicht?“

Der Mittelpunkt des großen Festes, zu dem aus weiter Umgebung Männlein und Weiblein herbeiströmten, war gewohnheitsgemäß ein Theaterspiel im Freien. Auf dem freien Platz vor dem kurfürstlichen Kellnereigebäude, heute zum Eifeler Hof gehörig, wurde die Bühne aufgeschlagen. Urwüchsige Volksstücke, Possen und Schwänke in Hans Sachsens Art gingen über die Bretter, und der Volkswitz aber auch die Satyre kamen zu ihrem Recht.

Von den hoffnungsvollen Sprößlingen des damaligen Notars S., die von der höhern Schule etwas profitiert hatten, ging der großartige Gedanke aus, daß diesmal etwas ganz besonders Großes, Niedagewesenes, etwas „klassisches“ dem staunenden Publikum vorgeführt werden sollte: „Das Trojanische Pferd“. Wochenlang zimmerten und bastelten auf dem einsamen Gehöfte des Notars hinter der Stiftskirche geschickte und fleißige Hände an dem Gerippe des Riesenpferdes, das in seinem Bauche eine ganze Anzahl bergen sollte. Das Werk gelang vortrefflich! Nun aber war guter Rat teuer. Womit sollte das Holzgerüst überkleistert, die kraftvollen Rundungen des sagenhaften Tieres kunstvoll herausgestellt werden? Da kam den Vätern des Gedankens, den lieben Notarsjungen ein, wie sie meinten, glorreicher Einfall. In irgendeinem verstaubten Winkel der väterlichen Kanzlei lag seit Jahr und Tag ein hoher Haufen vergilbter Dokumente. Das steife Pergament mußte eine famose Roßhaut abgeben! Und da geschah es, daß wichtige, unersetzliche Dokumente auf unerhörte Weise mißbraucht wurden.

Diese hochwichtigen Dokumente und Weistümer des Schlosses zu Malberg waren dem Notar zum Studium übergeben worden. Der Freiherr v. Veyder, Herr zu Malberg, Meerfeld und Bettenfeld hoffte immer noch, auf Grund dieser Akten Anerkennung und Wiederherstellung alter Rechte, Privilegien und Besitztümer zu erkämpfen. Als nämlich anno 1794 die französische Revolutionsarmee auch das Schloß Malberg beschlagnahmte, gingen Malberg unter anderm die Ansprüche auf den heutigen „Sieben-Gemeinde-Wald“, das Vorwerk Bourtscheid und den Zehnten der Gemeinden Meerfeld und Bettenfeld verloren. Besonderes letzteres war recht schmerzlich; standen doch früher an den Tagen der Ablieferung die vollgepackten Fuhren von Kyllburg bis Malberg! Die Herren von Malberg hatten die Hoffnung noch nicht aufgegeben, auf dem Prozeßwege eines oder das andere zurückzuerhalten. Deswegen waren die wertvollen Familienpapiere bei dem Notar hinterlegt. Und nun schwellten die alten Schwarten, mit dünnem Stoff überzogen, die runden Formen des kunstvollen Trojanischen Pferdes, mit dem die glücklichen, von keinerlei Gewissensbissen beschwerten Künstler zur Fastnacht einen Bombenerfolg erzielten.

Nach den tollen Fastnachtstagen wurde das Siegreiche Roß im Kreuzgang der Stiftskirche aufgestellt. Noch hätte man durch fein säuberliches Loslösen des steifen, unverwüstlichen Pergaments manches retten können. Aber die Tragikomödie ist ncoh nicht zu Ende:

Es begab sich, daß bald darauf bei der siegreichen Heimkehr der alliierten Truppen aus Frankreich hessische Soldaten in Kyllburg Quartier bezogen. Die braven Hessen sollten zunächst mal ihre heruntergerissene Montur ausbessern, vor allen Dingen sich wieder einmal hochbebänderte, schwarzgelbe Hessenmützen schneidern. Auch im Kreuzgang der Stiftskirche hub ein eifriges Schneidern an. Die Mützen wollten gar nicht gelingen, weil für den sehr hohen gelben Rand das Steifleinen fehlte, was doch einer Soldaten Mütze erst das richtige Ansehen gibt. Da entdeckte ein heller Kopf, ein gar nicht blinder Hesse, daß man aus der Haut der Riesenattrappe des Pferdes, das schon lange kopfschüttelnde Verwunderung erregt hatte, prachtvoll steife Streifen schneiden und mit deren Hilfe dem gelben Mützenrand die schönste und dauerhafteste Form geben könnte. Es dauerte nun nicht lange, und von dem Prachtbau des Pferdes stand nur noch das Gerippe da; und auch dieses wurde von den gefühllosen Soldaten zusammengeschlagen und verfeuert. Das war das Ende des vielbewunderten „Trojainschen Pferdes“ in Kyllburg! Mit den Mützen aber wanderten auf diesem gewiß recht ungewöhnlichen Wege wertvolles Aktenmaterial „streifenweise“ über den Rhein und war für immer verloren.

Die Malberger Herren hätten auch mit dem vollständigen Aktenmaterial nichts erreichen können, wie andere Prozesse beweisen; aber der Verlust der Dokumente ist im Interesse der Heimatforschung zu beklagen. — Und wer ist schuld daran? Das trojanische Pferd auf der Fastnacht in Kyllburg vor 100 und soundsoviel Jahren!

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