Chronik 1200 Jahre Kyllburg

Das Schwedenkreuz

Eine Geschichte mit historischem Hintergrund von Hauptlehrer H. Gueth (1932)

Das waren schlimme Zeiten für den Kurstaat Trier. Die nicht glückliche Politik des Kurfürsten Philipp Christian v. Sötern machte das trierische Land während des Dreißigjährigen Krieges zum Schauplatz der wildesten Kämpfe fremder Völker. Zunächst waren es die Spanier, die als Bundesgenossen des Kaisers in den kurtrierischen Ämtern Kyllburg, Schönecken und Prüm schlimmer hausten als Feinde. Ihnen traten zuerst die Franzosen und dann die Schweden entgegen. Und gerade diese waren es, welche das unglückliche Land in der grausamsten Weise bedrückten und brandschatzten. Auch die treue Stadt Kyllburg hatte schwer zu leiden.

Heute waren es die Spanier, morgen die Schweden, welche die kleine Feste heimsuchten. Als nach der Schlacht bei Nördlingen (1634) die Franzosen sich mit den Schweden gegen die Kaiserlichen und Spanier verbündeten, und Jan von Werth und die Spanier besonders in den geistlichen Staaten gegen die Schweden heranrückten, verschanzten diese sich an vielen Stellen und boten hartnäckigen Widerstand. Auch in der Umgebung Kyllburgs (Schwedengraben, Schwedenschanze) hatten die Schweden stark verschanzte Lager. Sie zogen sich von Steinborn her in einem großen Bogen über Badem bis an die Kyll.

Kein Wunder, dass der Nachtwächter der treuen Stadt Kyllburg, als er eben sein Haus in der Stiftsgasse verließ, um die zehnte Stunde auszurufen, bangen Herzens den Schein der schwedischen Lagerfeuer vom nördlichen bis zum südlichen Horizont betrachtete. Wie friedlich lag die kleine Stadt im Schlummer. Längst war jedes Licht erloschen, nur in der Torstube des Torwarts und auf dem kleinen Platz vor dem Tore brannte eine trübe Öllampe. Der Torwart musste stets auf der Hut sein; denn oft schon wurden die armen Leute aus dem Schlafe gerissen, um übermütige Forderungen über sich ergehen zu lassen. Jeder Widerstand wäre töricht gewesen und schon längst hatten die gequälten und verängstigten Bürger das Letzte hingegeben.

Plötzlich wurde der Wächter aus seinen trüben Gedanken aufgeschreckt. Drüben, vom Bademer Weg her, hörte man den Hufschlag galoppierender Rosse, dazwischen leises Klirren von Waffen. Kein Zweifel: Es näherte sich eine bewaffnete Reiterschar. Als der Wächter schnellen Laufes die Torstube erreicht hatte und mit dem Torwächter bangen Herzens hinauslauschte, erklangen schon die Hufe dumpf auf der hölzernen Kyllbrücke. Dann kam es in scharfem Trabe die Mühlengasse herauf. „Gilt es uns, oder ist es eine Streife gegen die Spanier, die im Malberger Schloss liegen?“ war der bange Gedanke der beiden Männer.

Schon waren die Reiter heran, ein schwedisches Reiterequipe, an der Spitze ein Cornet mit dem Trompeter. Vor dem Tore machte der Trupp halt. Da, ein Trompetenstoß! Die Hoffnung, die Gefahr gehe vorüber, war dahin. Nun half kein Zaudern. Schleunigst musste das Tor geöffnet werden, um die ungebetenen Gäste einzulassen. Der Trupp ritt ein. „Schafft mir den Schultheißen“, herrschte der Cornet den zitternden Wächter an. Bald war der Schultheiß zur Stelle, und auch die Schöffen stellten sich ein. Es war wie immer! Der Schwede stellte unerfüllbare Forderungen. Diesmal wollte er als Kriegskontribution Geld – viel bares Geld. Im Weigerungsfalle sollte der Schultheiß als Geisel mitgeschleppt und die Stadt der Plünderung preisgegeben werden. Zitternd und bebend beteuerte der Bedrohte, dass der Stadtsäckel leer sei und die Bürger längst den letzten Albus hergegeben hätten. Der Anführer blieb unerbittlich. Schon machten die Reiter Anstalten, den Schultheißen zu fesseln. Da fiel der verzweifelt umherirrende Blick des Stadtoberhauptes auf einen Schöffen, den er hasste, seit jener es in öffentlicher Ratssitzung gewagt hatte, ihn, den kurfürstlichen Stadtschultheißen, unehrlicher Machenschaften zu beschuldigen. Der Schöffe hatte Recht, aber deshalb hasste ihn der Unehrliche um so mehr und hatte lange nach einer Gelegenheit gesucht, sich zu rächen.

Blitzschnell kam ihm der Gedanke: Das ist die Gelegenheit! Jetzt kannst du dich rächen und zugleich retten. „Herr“, redete er den Schweden an und zeigte auf den erbleichenden Schöffen, „wenn irgend jemand noch Gold und Silber hat, so ist es dieser Mann, von dem man sagt, er habe seine Schätze vergraben, um sie aus den Kriegswirren zu retten.“

„Erbärmlicher Lügner!“ Ehrliche Entrüstung entflammte aus den Worten des Schöffen: „Herr, glaubt dem Verleumder nicht! Ich habe nicht so elend gehandelt und Geld und Gut verborgen, während meine Mitbürger den letzten Pfennig opferten, um die Vaterstadt zu retten. Auch ich habe alles dahingegeben und besitze nichts mehr.“

Den Schweden rührten die Worte des Unglücklichen nicht. Es war ihm nur zu wohl bekannt, dass damals viele Leute Gold, Silber und Wertgegenstände vergruben, um sie dem Zugriff der Soldaten zu entziehen. Der Schwede schenkte den Angaben des Schultheißen Glauben und sagte rau: „Genug der Rede! Ihr geht mit ins Lager. Meine Leute kennen dort so manches Stücklein, um die Zunge zu lösen. Ihr werdet schon bekennen, wo Euer Schatz liegt. Für heute sei die Stadt verschont.“ Ein kurzer Befehl und der unglückliche Schöffe ward gefesselt und an ein Pferd gebunden. Die Bürger waren so verschüchtert, dass niemand wagte, für den Armen einzutreten. Den Schultheißen kümmerten nicht die verächtlichen und düsteren Blicke der Zurückgebliebenen, als der Reitertrupp mit seinem Gefangenen die Stadt verließ. Die Mühlengasse hinunter, über die Brücke und den Orsfelder Berg hinauf ritten die Schweden im Schritt, so dass der Gefangene mitkommen konnte.

Als aber auf der Höhe die Reiter zu traben anfingen, fing auch das Martyrium des Ärmsten an. Gar bald sank er erschöpft zu Boden. Aber immer wieder riss die Leine ihn hoch. Als der Trupp schon in die Nähe Badems gekommen war, hing der Gefangene leblos am Strick. Die unerhörte Anstrengung hatte ihn getötet. Fluchend und schimpfend schnitten die Schweden den Strick ab und stießen die übel zugerichtete Leiche in den Straßengraben. Mitleidige Bauersleute fanden am Morgen den Toten und begruben ihn am Straßenrande. Der schurkische Schultheiß sollte seine ruchlose Tat nicht lange überleben. Bald darauf zog in Kyllburg ein noch schlimmerer Feind ein: der schwarze Tod, die Pest. Das erste Opfer war der Schultheiß. Aber während sein Körper eilig auf dem Pestanger verscharrt wurde und kein Kreuz sein unbekanntes Grab schmückt, steht auf dem Grabe des schuldlos Gemordeten am Bademer Weg noch heute ein verwittertes Steinkreuz, in der ganzen Gegend genannt „Schwedenkreuz“.

Das Schwedenkreuz wurde mittlerweile renoviert und steht an der Straße nach Badem oberhalb der RWE-Trafo-Station an der Abzeigung nach Orsfeld. -Red.

Noch waren die Wunden nicht vernarbt, die der Dreißigjährige Krieg dem Erzstift zugefügt hatte, da brach eine neue Leidensperiode über das Land herein. Während in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts kaiserliche Heere im Osten des Deutschen Reiches gegen die Türken kämpften, glaubte König Ludwig XIV. von Frankreich, eine günstige Gelegenheit zu haben, seine Eroberungspläne in den Nachbarländern zu verwirklichen.

1673 fielen die Franzosen ins Erzstift ein. Unmenschliches hatten in der Zeit vom Ende Juli 1673 bis zum 8. September 1675 die Bewohner in Stadt und Land zu erdulden. Die Landstädte wurden von Reiterscharen überfallen, geplündert und ausgeraubt. In der ganzen Eifel hauste, wie uns Prof. Dr. J. Marx berichtet, die Fourille’sche Reiterei wie eine Räuberbande. Es kann kaum bezweifelt werden, dass Kyllburg von ihr unverschont blieb, wenn es an Aufzeichnungen hierüber auch fehlt.

Während des Siebenjährigen Krieges blieb unser Land von den Plagen und Verwüstungen des Krieges verschont.

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