Heimatkalender

Christian Müller, Pfarrer und Denkmalpfleger in Kyllburg 1884-1898

Heimatkalender 1996 | S.64-67 | Von Reinhold Schommers, St. Aldegund

Die Denkmalpfleger sehen das einmalige Kultur- und Landschafts-Ensemble des Kyllburger Stiftsberges durch modernistische, unmaßstäbliche Bauprojekte in höchster Gefahr. In dieser aktuellen Auseinandersetzung könnte die Rückbesinnung auf eine Priesterpersönlichkeit hilfreich sein, die vor rund 100 Jahren große Anstrengungen unternommen hat, um das große Kulturerbe des Stiftsberges zu retten und behutsam zeitgemäß weiterzuentwickeln.
In keiner der weitverbreiteten kunsthistorischen Abhandlungen über Kyllburgs Kleinod ist der Name des Priesters genannt“, obwohl er maßgeblich die Restaurierungsarbeiten betrieben hat: Christian Müller, der nach aufregender Odyssee als „polytropon“, wie er sich nach klassischem Vorbild in seinen Erinnerungen selbst nennt, während des Kulturkampfes zwischen 1873 und 1884 mit der Übernahme der Pfarrei Kyllburg am 14. November 1884 zunächst als Hilfsgeistlicher, dann ab 11.August 1886 als Pfarrer endlich ungestört seine priesterliche Tätigkeit in der Diözese Trier aufnehmen konnte.
Ob seiner Verdienste ernannte ihn der Bischof von Trier, Michael Felix Korum, 1895 zum Dechanten; am 20. April 1898 verließ Müller schweren Herzens wegen seiner angegriffenen Gesundheit Kyllburg, um die kleine Moselpfarrei St. Aldegund zu übernehmen, in der er bis zum Tod am 1. Februar 1923 tätig blieb.

Christian Müller, der „Ritter des Eisernen Kreuzes“

Christian Müller wurde am 1. November 1843 als zweites von sechs Kindern des Ackerers Christian Müller aus Perscheid und der Margarethe Krautkrämer in Karbach bei Emmelshausen/Hunsrück geboren. Er besuchte das Bopparder Progymnasium und das Trierer Friedrich-Wilhelm-Gymnasium und studierte dort anschließend Theologie. Am 21. August 1869 weihte ihn der von ihm hochverehrte Bischof Matthias Eberhard zum Priester; am 28. August feierte er in seinem Heimatort Primiz.
Als Kaplan wirkte Müller in Hönningen und Mülheim bei Koblenz, er nahm am Krieg 1870/71 als Militärgeistlicher teil und wurde 1873 zum Pfarrer von Schöneberg im Soonwald bestellt. Die Kulturkampfgesetze aber verhinderten den Dienstantritt; Müller wurde wegen Nichtbefolgung der staatlichen Vorschriften bestraft, eingesperrt und verfolgt. Er ging schließlich ins englische Exil, wo er 11 Jahre lang bis 1884 blieb. In East Bergholt/Suffolk erreichte ihn ihm Oktober 1884 durch Lehrer Schitthof aus Schöneberg die briefliche Nachricht, daß der Steckbrief gegen ihm am 9. September 1884 „auf dem Gnadenweg“ zurückgezogen sei. Am 13. Oktober, auf den Tag 11 Jahre nach seiner Ernennung zum Pfarrer von Schöneberg, erhielt er von Bischof Michael Felix Korum die offizielle Rückberufung.
Am 18. November machte sich Christian Müller zusammen mit seinen Bernhardinern Countess und Jumbo auf die Rückreise, besuchte kurz seine Familie in Karbach, um seine Schwester Gertrud als Haushälterin zu gewinnen, ließ sich von den Schönebergern wie einen siegreichen Feldherrn feiern und übernahm schweren Herzens – „wie gerne wäre ich in Schöneberg geblieben“ – zum 14. November zunächst als „Hilfsgeistlicher“ die Pfarrei Kyllburg, wo er am 11. Dezember 1884 feierlich eingeführt wurde. Gleich nach seinem Einzug in Kyllburg am 11. Dezember 1884 kümmerte sich Pfarrer Müller um die Fortsetzung der Ausstattungs- und Restaurierungsarbeiten an und in der 1276 erbauten Stiftskirche und ihres Umfeldes.
Die 1863/64 begonnene Restaurierung des als Pfarrkirche genutzten hochmittelalterlichen Baus war durch die Kriegsereignisse, den Bau der Eisenbahn Köln-Trier-Saarbrücken und den 1871 einsetzenden Kulturkampf ins Stocken geraten.
Nach 1875 waren die wichtigsten Einrichtungsgegenstände in Auftrag gegeben worden: der Hochaltar bei dem Altarbaumeister Matthias Zens, der (am 21. März) in Schwarzenborn/Eifel geboren worden war und in Gent eine florierende Werkstatt gegründet hatte. Müller besorgte die Fertigstellung des Altars und ließ am 25. August 1888 diesen von Bischof Michael Felix Korum konsekrieren. Zuvor war die Kyllburger „Stauden-Madonna“ auf Veranlassung Müllers restauriert und auf den Hochaltar zurückgeführt worden. Müller rühmt sich ausdrücklich dieser Arbeit in seinen Lebenserinnerungen. Im Jahr 1894 ließ er noch auf den Sockel der Madonna schreiben: „Auxilium christianorum, Patrona ecciesiae Kyllburgensis, ora pro nobis“ (Du Hilfe der Christen, Patronin von Kyllburg, bitte für uns). Den Altar hatte die Kyllburger Familie Triboulet-Heß gestiftet.
1877 war auch der Andreas-Seitenaltar von einem Kyllburger Steinbildhauer nach einem Entwurf von Peter Quirin(us) aus Kyllburg geschaffen worden. Passend dazu ließ Müller 1887 von Quirin einen Taufstein ausführen, für den er als Vorbild und als Erinnerung an sein englisches Exil den Taufstein der Christus-Kirche von Oxford vorschlug.
Im Anschluß an die Altarkonsekration am 25. August 1888 segnete Bischof Korum auch die in Zusammenarbeit von Pfarrer Müller und dem Verschönerungsverein 1886 errichtete Mariensäule auf dem Rosenberg ein. Kölner Katholiken, die in Kyllburg ihre Sommerfrische verbrachten, hatten das Projekt unterstützt. Noch im Nachruf auf den verstorbenen Pfarrer Müller in der „Kölner Zeitung“ 1923 wird auf diese alte Gemeinsamkeit verwiesen. Während andernorts Bismarck-Denkmäler errichtet wurden, setzten die Kyllburger und ihr mit Bismarck noch keineswegs ausgesöhnter Pfarrer ein Mariendenkmal entgegen; die Wunden des Kulturkampfes brauchten noch ein Linderungspflaster!
Unermüdlich arbeitete Pfarrer Müller an der Erhaltung und Gestaltung des Stiftsbezirks weiter: Es gelang ihm, daß ein Kyllburger Apotheker eines der erhaltenen Kanonikergebäude des 17. Jahrhunderts (Auf dem Stift 6) testamentarisch den Franziskanerinnen von Waldbreitbach schenkte, die dort mit Hilfe von Gemeinde und Pfarrei 1889 ein Krankenhaus einrichteten, das 1900 – kurz nach dem Weggang von Christian Müller – wesentlich erweitert wurde (jetzt Landvolkhochschule St. Thomas).
Nachdem Pfarrer Müller sich so „für Gott und die Menschen“ eingesetzt hatte, lenkte er sein ganzes Interesse dem Wiederaufbau des um 1825 weitgehend zerstörten Kreuzgangs und der Restaurierung des Kapitelhauses zu. In seinen Erinnerungen schreibt Christian Müller: „Der dem Verfall nahe schöne Kreuzgang in Kyllburg wurde 1891/92 wieder hergestellt. Der Provinzial-Landtag bewilligte mir zu diesem Zwecke 9000,- Mark, und aus der Kaiserlichen Schatulle (Wilhelms II.) erhielt ich auf meinen Antrag zu demselben Zwecke 4500,- Mark.“ Der West- und der Südflügel mußten dabei völlig neu eingewölbt werden. 1894 konnte auch die im Kapitelhaus befindliche Sakristei mit Unterstützung des Kyllburger Liebfrauen-Vereins restauriert werden. Alle diese Arbeiten leitete der Trierer Dombaumeister Reinhold Wirtz (1842-1898).
Über diese Arbeiten hatte Pfarrer Müller den Aachener Prälaten Dr. Franz Bock kennengelernt. Dieser beschäftigte sich wissenschaftlich mit dem Stiftsberg und veröffentlichte 1895 eine Monographie „Kyllburg und seine kirchlichen Bauwerke“. Die Bekanntschaft mit Bock hatte zumindest zwei positive Nachwirkungen: Bock empfahl Müller für die dann 1897 erfolgte Neuausmalung der Stiftskirche den Aachener Kirchenmaler Schumacher, der Vorschläge von Bock umsetzte. „Durch freiwillige milde Beiträge konnte ich die schöne, im Jahre 1276 erbaute Stiftskirche im Innern mit einem Kostenaufwand von 6000,- Mark ausmalen lassen“, schrieb Müller zu seiner letzten Arbeit in Kyllburg.
Bock, der auch scherzhaft „Scheren-Bock“ genannt wird, weil er mittelalterliche Paramente sammelte und diese stückweise (mit der Schere zerschnitten) an Museen, Restauratoren und Ateliers für Kirchliche Kunst als Muster verkaufte, förderte in Kyllburg zusammen mit Müller die Paramenten-Herstellung in dem Unternehmen Nicolaus und Leonard Brück, das um die Jahrhundertwende eines der führenden Ateliers im westlichen Deutschland war.
Schweren Herzens schied Müller, der noch 1895 zum Dechanten gewählt worden war, im Frühjahr 1898 aus Kyllburg, um aus Gesundheitsgründen die kleine, seit 1893 verwaiste Gemeinde St. Aldegund an der Mosel zu übernehmen. Aber noch in seiner Kyllburger Zeit erhielt er vom preußischen Staat eine kleine Genugtuung: Als Träger des Eisernen Kreuzes wurde er als Ehrengast zur Einweihung des 1897 am Deutschen Eck zu Koblenz errichteten Denkmals der Rheinprovinz für den Sieger des Feldzugs 1870/71, Kaiser Wilhelm I., eingeladen. Zehn Jahre später erinnerte man sich höheren Orts wieder an ihn: Er durfte 1908 in Anwesenheit Sr. Majestät in Koblenz das Artillerie-Denkmal des 8. Armee-Korps, seiner alten Einheit, mit einer Festrede einweihen.
Auch in St. Aldegund ließ ihn die Arbeit zur höheren Ehre Gottes und zum eigenen Ansehen nicht in Ruhe: Unverzüglich ließ er ein komfortables Pfarrhaus errichten, über dessen Eingang er in Kyllburger Sandstein das Eiserne Kreuz einmeißeln ließ.
Mit Hilfe der aus Kyllburg stammenden St. Aldegunder Weinhändlergattin Pauly-Geron schaffte er zahlreiche Paramente bei seinem Freund Brück an; er errichtete eine Pfarrbibliothek, ließ die halbverfallene romanische Filialkirche restaurieren und die neugotische Pfarrkirche von Matth. Faßbender aus Bitburg neu ausmalen, er förderte die Gründung neuer Vereine und galt als ausgesprochener „Herr“ Pastor.
Hochgeachtet feierte Christian Müller am St. Aldegunder Kirchweihfest, dem 28 August 1919, sein goldenes Priesterjubiläum, wobei der Kirchenchor eine dem Jubilar von Professor Schafer dedizierte vierstimmige Messe sang. Nach kurzer Krankheit starb Christian Müller am 1. Februar 1923 und wurde in St. Aldegund beigesetzt. Seine Schwester Gertrud, die ihm seit 1884 den Haushalt geführt hatte, blieb in St. Aldegund und fand 1936 neben ihrem Bruder ihre letzte Ruhestätte.

 

Literatur und Quellen
Bericht von Christian Müller an den Bischof Korum in Trier aus dem Jahr 1907 über sein bisheriges Priesterleben. (Privatarchiv Müller-Retzmann).
Archiv der Pfarrei St. Aldegund – Lagerbuch.
Bistums-Archiv Trier – (die Aktenlage über die Jahre 1884-1898 ist sehr spärlich) – Mitteilungen von Dipl.-Archivar S. Nicolay.
Franz Bock: Kyllburg und seine kirchlichen Bauwerke des Mittelalters, Kyllburg 1895.
Benedikt Caspar: Restaurierungen in der Stiftskirche ULF zu Kyllburg. In: Festschrift für Alois Thomas, hrsgg. v. Bistumsarchiv Trier, Trier 1967.
Festschrift „700 Jahre Stiftskirche Kyllburg. 9-30. Mai 1976, Bitburg 1976.
Marie-Luise Niewodniszanska: Kyllburg. Rhein. Kunststätten 348 Neuss 1989 (dort weitere Literatur).

Einen Kommentar verfassen

captcha

Please enter the CAPTCHA text