Geschichte

Alte Befestigungen im Eifelland

Das Eifelland 1897, Nr. 6, S. 45-47
Von Friedrich Kreutz, Kyllburg
Teil II. (Teil I. findet sich in der Nr. 3 des selben Jahres)

Die Vordereifel ist ziemlich reich an alten Mauerresten aus der Kelten- und Römerzeit, wovon manche als trockene Mauer, die meisten aber in festem Kalkmörtel aufgeführt waren. Das größte Bauwerk dieser Art ist die sogenannte Langmauer, welche sich im Kreise Daun an den vom Rhein (bei Andernach) herkommenden Landgraben anschließt. Die Langmauer, auch Landmauer und Lammauer genannt, beginnt südlich von Deudesfeld als Steinwall, zieht den Berg hinunter nach dem Samlbachthal, geht auf der gegenüberliegenden Seite den Berg hinauf, führt zwischen Meisburg und Hammermühle links durch den Wald und weiter auf der rechten Seite des Salmbachs bis gegen die Mitte zwischen Seinsfeld und Oberkail. Von hier wendet sich dieselbe in westlicher Richtung von Oberkail und Gransdorf, östlich am Gelsdorferhof vorüber, überschreitet das Gransdorfer Wiesenthal, wendet sich in gerader Richtung (links neben dem Feldweg) nach Spangdahlem, durchschneidet das Dorf an der Stelle, wo heute das alte Comeshaus steht, läuft dann östlich an Orenhofen und Zemmer vorbei durch die Hecken und den Wald südlich von Zemmer, zwischen Roth und Schleidweiler zum Kyllfluß, mit welchem sie 1 km oberhalb des Winterratherhofes zusammentrifft. Jenseits der Kyll zieht sie sich durch den Itteler Wald gegen Mötsch, läuft dann südlich von Cordel und Ramstein herunter in östlicher Richtung von Butzweiler als Banngrenze Lorig und Butzweiler. Weiter zieht die Langmauer zwischen Aach und Besselich durch nach der hohen Sonne und der Römerstraße entlang bis in die Nähe von Bitburg.

In den meisten Fällen sind später neben der Langmauer Wege angelegt und Jahrhunderte hindurch von dem riesigen Steinmaterial derselben unterhalten worden. Kein Wunder, daß die Mauer heutzutage als zusammenhängendes Ganzes sozusagen von der Bildfläche verschwunden und nur mehr in den Bergen unterhalb Deudesfeld, im Walde zwischen Oberkail und Seinsfeld, beim Gelsdorferhof bei Spang, Herforst und Zemmer in den Kyllbergen und bei Helenenberg deutlich sichtbar ist. Ganze Gehöfte und Ortschaften, welche von der Langmauer berührt werden, sollen größtentheils aus dem Gestein derselben aufgeführt worden sein.

Das Material besteht meistens aus rothem Sandstein, ab und zu aus Kalkstein, je nach der Beschaffenheit des Bodens bezw. des verfügbaren Gesteins und findet sich fast überall im Fundament der Kalkmörtel als Bindemittel. Bei Butzweiler hat man im Jahre 1844 Reste der Mauer ausgegraben, welche so fest im Kalkmörtel saßen, daß solche nur mit Mühe ausgebrochen werden konnten. Auch bei Spangdahlem im Distrikt „Lammauer“ brach ein Bauersmann vor ungefähr 20 Jahren, dicht neben dem Weg im Ackerland Trümmer der Langmauer aus, wo kopfgroße Mörtelklumpen mit Sandstein so fest verbunden waren, daß bei angestellten Versuchen des Verfassers dieser Zeilen, hingeworfene größere Mauertheile sich nicht immer im Mörtel loslösten, sondern mehrfach zuerst im Sandstein zerbrachen.

Bei Erdorf, auf beiden Seiten der Kyll, ist ein Wall sichtbar, welcher über Wilsecker bis zu der Höhe bei Kyllburg östlich an Kyllburgweiler vorbei gegen Oberkail hinzieht und sich mit der Langmauer verbindet. Dieses Bauwerk ist im Walde zwischen Erdorf und Wilsecker als hoher, mit Steingeröll bedeckter Erdwall, deutlich erkennbar, welcher jedenfalls in dieselbe Bauperiode fällt und vielleicht auch dieselbe Bestimmung hatte wie die große Langmauer. Auf diesem Wall erkennt man an mehreren Stellen die Spuren tiefer Wagengeleise und dürfte derselbe im Mittelalter als Straßendamm gedient haben.

Gleichwie die Römer ihre riesigen Heerstraßen nach Möglichkeit mit Wasserleitungen versorgten um sowohl den durchziehenden Legionen als auch den befestigten Niederlassungen für Mensch und Thier stets einen erfrischenden Trunk zu sichern, so finden wir auch längs der alten Befestigungswerke — soweit selbige wasserarme Höhenzüge durchqueren, — fast überall Vorkehrungen zur Wasserversorgung.

Es sind dies zwar keine künstlichen Wasserleitungen, sondern in gewissen Abständen fast regelmäßig wiederkehrende, kegelförmig ausgehobene Wasseransammlungsbecken bzw. Weiheranlagen. Manche derselben sind an solchen Stellen angelegt, wo Anzeichen von Wasserabsonderungen aus dem Erdboden zu Tage treten und welche noch heute fast das ganze Jahr mit Wasser angefüllt sind; andere dagegen waren ohne Grundwasser oder Quellen und dienten bloß zur Auffangung des Regenwassers. Letztere sind gegenwärtig meist ganz trocken, ziemlich geebnet und zu fruchtbarem Acker und Wiesenboden angelegt, aber immer noch deutlich erkennbar. Auf der Strecke vom Dorfe Dahlem bis zum Scheierberg befinden sich noch mehrere solcher Maare (Keilsmaar etc.), welche den Lauf der daselbst im Ackerland bereits verschwundenen Langmauer untrüglich kennzeichnen.

Auch das Mauerwerk, welches von Erdorf aus gegen die Langmauer hinzieht, ist auf den Bergkämmen mit ähnlichen, theilweise noch gut erhaltenen Sammelbecken versehen. Eines dieser „Maare“ (Bann Wilsecker) ließ vor mehreren Jahren Herr Gasthofbesitzer F. Schweitzer aus Kyllburg behufs Gewinnung der sehr starken Humusschicht auswerfen und fand in einer Tiefe von 2–3 Meter mehrere kleine — muthmaßlich römische — Gebrauchsgegenstände aus Metall, darunter kleine Töpfchen und Löffel. Die Wassertümpel sind bis dahin wohl nur aus dem Grunde erhalten geblieben, weil die Eifelbewohner dieselben später als willkommene Tränkplätze für die zahlreichen Viehherden benutzen und schätzten, auch an manchen Stellen das nöthige Erdreich oder die Arbeitskraft zur Auffüllung fehlte.

Einige Mauertheile, welche als sogenannte „trockene Mauer“ aufgeführt sind, mögen bereits zur Keltenzeit entstanden sein, dagegen kann mit Sicherheit angenommen werden, daß die in Mörtel aufgeführten Strecken unter der Römerherrschaft erbaut bzw. ausgebessert wurden.

Der um die Erforschung der alten Mauerreste hochverdiente Herr. Dr. J. Schneider aus Trier (Mitglied der Gesellschaft für nützliche Forschungen) fand in Erdorf eine Steinschrift (Pedatura feliciter finit primanorum D. P.), welche sich auf den nahen Steindamm bezieht und die Angabe enthält, daß der Straßendamm bei Erdorf auf 500 Schuh Länge durch die Primani (Römische Soldaten der I. Legion) erbaut worden ist. Fragliche Steinschrift soll sich jetzt im Bonner Museum befinden. (Anm. d. Red.: Bestätigung gefunden in „Jahrbücher des Vereins von Alterthumsfreunden im Rheinland“, Band 3, S. 97/98, Bonn 1843)

Ab und zu sind noch alte Einwohner in den von der Langmauer berührten Ortschaften zu treffen, welche zu erzählen wissen, daß ihre Vorfahren an dieser oder jener Stelle beim Abbruch der Langmauer eigenartig geformte, mit unleserlichen Inschriften und Zeichen versehene Steine gefunden und gleich dem übrigen Material zu Bauten oder als Wegematerial benutzt, die Dorfjungen noch längere zeit mit dem abgeschlagenen Kopfe einer Statue Kegel geschoben, oder besonders auffällige größere Steine Jahre hindurch unbeachtet an einem Feldwege gelegen bez. als Sockel für ein nunmehr verschwundenes Feldkreuz gedient haben.

Zur Aufführung des riesigen Mauerwerks, welches bei einer Länge von mindestens 50 Kilometer, einer Breite von durchschnittlich 3 Meter und unbekannter Höhe (die Sage spricht von 15 Fuß Höhe) war eine Unmenge an Material erforderlich und liegt sehr nahe, daß alles verfügbare Gestein — seien es nun Feld- oder Bruchsteine, Reste alter Steindenkmäler, zerstörter heidnischer Altäre usw. gewesen — zusammengeschafft und verarbeitet wurde zumal mit ziemlicher Sicherheit angenommen werden muß, daß der Steinwall anfänglich nur als Schutzwall gegen anrückende Feinde diente, als solcher in größter Eile errichtet wurde und die Steine an manchen Stellen aus dem Umkreise von mehr als einer Stunde mühsam ausgesucht und herbeigefahren werden mußten.

Es ist sehr bedauerlich, daß manche kostbare Ueberreste des Alterthums, welche in der Mauer geborgen dem Sturme der Zeiten vielleicht Jahrtausende entgangen waren, nachträglich aber aus Unwissenheit und Gleichgültigkeit der Landleute vernichtet worden sind.

Eine ganze Kette Befestigungswerke zieht sich durch die Vordereifel bis gegen den Rhein. Noch heute sind viele Trümmer umfangreicher Mauerwerke und Heerstraßen vorhanden und werden fortwährend Steinschriften, münzen, architektonische Bruchstücke etc. zu Tage gefördert, welche vielleicht geeignet wären, beim Kunstkenner und Geschichtsforscher die noch fehlenden Beweise über Ursprung und Zweck der großartigen Bauwerke in die Hände zu liefern, sowie das unter seiner jetzigen bewährten Leitung so herrlich aufblühende Provinzialmuseum in Trier zu bereichern. Auch jetzt noch werden manch werthvolle Funde achtlos bei Seite geworfen und nur diejenigen Ausgrabungen finden etwas Beachtung, wo es sich um Münzen handelt, In letzterem Falle bemüht man sich wohl zum nächsten Dorfuhrmacher oder Klempner, welcher die Münzen anritzt und sein Urtheil stets dahin abgiebt, daß der Metallwerth sehr gering sei. Enttäuscht steckt der Mann seine Funde meistentheils wieder in die Tasche und giebt sie eher den Kindern zum Spielzeug, als daß er selbige dem Museum überläßt oser auch nur zur Prüfung und Begutachtung einsendet.
So erzählt z.B. der gelehrte Forscher J. Steininger, daß in früheren Jahren beim Ausbrechen von ähnlichen Mauerresten bei Otzenhausen eine mit Inschriften bedeckte Kupferplatte gefunden und behufs sicherer Feststellung des Metalls einfach eingeschmolzen worden ist.

Außer dem in Nr. 3 des Eifelland beschriebenen Ringwall befindet sich in der Nähe der Langmauer noch folgende beachtenswerthe Mauerreste.

  1. Im Walde zwischen Beilingen und Kammerforst ca. ½ Km. waldeinwärts, dicht rechts und links an dem von Herforst kommenden Wege ist eine erhebliche Anzahl kleiner, ringsum mittels breiter trockener Steinmauer von etwa ½—2 Meter Höhe eingeschlossener Räume, welche durch Binnenmauern wiederum in mehrere meist untereinander zusammenhängende Gemächer von theils quadratischer, theils rechteckiger Form abgetheilt sind.
  2. „Hinter dem Klopp“ (nahe bei Kyllburg im Wald) ist in der Nähe des von Erdorf gegen die Langmauer hinziehenden Steinwalles die Bergfläche mit altem Mauerwerk fast ganz umschlossen und das Innere durch Quermauern in vier gesonderte Abtheilungen von verschiedener Größe eingetheilt.
  3. Auf dem Rosenberge bei Kyllburg befinden sich mehrere Mauerreste, welche zunächst den Anschein erwecken, als handele es sich um nach und nach aus Feldsteinen zusammen geworfene Steinhaufen. Herr Dr. Schneider aus Trier ließ im Jahre 1844 einen von diesen Steinhaufen durchbrechen und fand im Boden eine Art Fundament von annähernd 2 Meter Breite, worin die Steine regelmäßig nebeneinandergeschichtet lagen.
  4. Auf einem Bergvorsprung im Kyllthal in der Mitte zwischen Malberg und der Trier-Aachener Provinzialstraße befinden sich ebenfalls ausgedehnte Mauerreste.
    Die Trümmer von 1—4 haben Aehnlichkeit mit einzelnen Resten der Langmauer. Dieselben sind 2—3 Meter breit, meistens aber nur mehr gegen 1—2 Meter hoch. Es handelt sich in diesen Fällen nur um trockene Mauer (ohne Bindematerial), welche in gegenwärtigem Zustande bald mit Dammerde und Moos bedeckt, bald mit Bäumen bez. Gebüsch bewachsen, bals als schwarzes Steingeröll erscheinen.

Auch in Wallendorf (4 Stunden von Bitburg entfernt) unterhalb Ameldingen an der Our sind auf einem ca. 300 Fuß hohen Bergplateau, welches den Namen Casselt (von Castell) führt, deutliche Spuren weitschichtiger Verschanzungen sowie in Kalkmörtel aufgeführter römischer Gebäulichkeiten sichtbar.

Angesichts der vielen vorhandenen großen Bauwerke, deren eigentliche Geschichte noch bis heute in geheimnißvolles Dunkel gehüllt ist, mußte die Volksphantasie vermittelnd eintreten, um durch sinnreiche Sagen der zweifelnden Wissenschaft zu Hülfe zu kommen. Schreiber dieser Zeilen, dessen Geburtsort von der Langmauer einstmals durchschnitten ward, erinnert sich noch mit Freuden der schönen Erzählungen der Alten über den Zweck und die Bestimmung der Langmauer. In altersgrauer Zeit, als man noch dem starken und gefährlichen Eber, dem Bären und Wolf in den Jagdgründen der Eifel mit Lanze und Wurfspies zu Leibe rücken mußte und weder Flinten noch Pulver kannte, bediente man sich der vorhandenen Langmauer zur Einfangung des Wildes. Die Treiben begannen gegen gewisse Stellen der Mauer, innerhalb welcher in bestimmten Abständen spitz zulaufende künstliche Schlupfwinkel bez. Fallen für das flüchtige Wild angebracht waren. hier gab’s dann für die gefürchteten Räuber und Schädiger der Hausthiere und Feldfrüchte keine Gnade mehr und mußten dieselben ihre Mord- und Schandthaten stets mit dem Leben bezahlen.

Wir sehnen uns keineswegs in die Zeiten zurück, wo unsere Vorfahren sich der beschriebenen Mauer und der im Waldesdunkel an unzugänglichen Stellen verborgenen Ringwällen bedienen mußten, um Weib und Kind, Hab und Gut, sowie den heimathlichen Boden vor eroberungslustigen rohen Kriegsvölkern einigermaßen zu schützen. Soweit der Hohenzollern Aar seine schützenden Schwingen über das geeinte Deutschland schlägt, fühlt sich jeder Unterthan — selbst der äußerste Grenzbewohner — wohl und sicher geborgen. Wir gebrauchen diese Wälle „Gott sei Dank“ nicht mehr und sind stolz darauf, daß allein schon die Furcht vor dem scharfen deutschen Schwert und der deutschen Einigkeit etwaige Kriegsgelüste unserer Nachbarn im Zaume hält.
Unter dem Schirme eines für das Volkswohl sowie für Kunst und Wissenschaft hochbegeisterten Kaisers blüht unser Vaterland mächtig auf. Auch für die Eifel ist eine neue Aera des zunehmenden Wohlstandes, Gewerbefleißes, der geschichtlichen Aufklärung des Landes angebrochen wie auch für die Erhaltung dort sich vorfindender Denkmäler von antiquarischem Interesse das Beste geschieht.

Möge jeder Eifelbewohner, der es in seiner engen Heimat wohl meint, gegebenenfalls nach Kräften dazu beitragen, daß künftig alle Funde an alten Steinschriften, Bildwerken usw. nicht mehr achtlos bei Seite geschoben, sondern der Kunst und Wissenschaft zur Verfügung gestellt werden, damit uns die Nachwelt nicht mit dem Vorwurf belastet, die für die Geschichtsforschung werthvolle Ueberreste gleichgültig behandelt und unbenutzt der Zerstörung anheimgegeben zu haben.

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